Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 01.07.2009, 16.24 Uhr

Unbeliebtes Sächsisch: «Mit meiner Großmutter sind 100 Wörter gestorben»

Gunther Böhnke sächselt auf Französisch und bedauert, dass seine Enkelin das nicht mehr beherrscht. Mit news.de spricht der Kabarettist über den unbeliebtesten Dialekt Deutschlands und den Sachsen an sich.

Gunther Böhnke auf der Bühne. Bild: dpa

Sächsisch wurde kürzlich bei einer Umfrage zum unbeliebteste Dialekt Deutschlands gekürt. Warum?

Böhnke: Das ist immer wieder der Fall, dass die Sachsen schlecht wegkommen. Ich kann´s natürlich als Sachse nicht nachvollziehen. Aber schon in den 1920er Jahren wurde das Sächsisch verachtet, «das sind die Leute, die so ein bisschen langsam im Denken sind». Erich Kästner dagegen hat den Sachsen so beschrieben: «Mir sind nicht so gemütlich, wie mir sprechen. Mir haben, wenn´s sein muss, Dynamit im Blut. Da können se Gift drauf nähmen, dass mir uns rächen. Na, ihr Gesichte merkt sich ja ganz gut. Mir werden ihnen schon nochmal die Knochen brechen - nur Mut.»

Gibt es einen Dialekt, den Sie gar nicht mögen?

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Böhnke: Mir gefallen eigentlich alle auf ihre Art gut. Bayerisch hör ich gern. Aber der Witz, der sächsische Witz um die Ecke, das gibt’s weder bei den Bayern noch bei den Berlinern. Der Dialekt ist mir nicht ganz so sympathisch. Der hat eine gewisse Aggressivität. Die Berliner sind ja nicht grob, aber sie sprechen so, als wären sie grob. Aber ich höre es einfach gern, wenn die Leute anders sprechen, das Hochdeutsche hat eben keinen Charakter als Sprache, farblos und wertfrei.

Ihrer These nach ist Sächsisch nicht nur ein Dialekt, sondern eine Weltanschauung.

Böhnke: Der Sachse hat ein paar Eigenschaften, die einzig sind. Bekannt ist ja dieses «Er ist helle, heeflich und heemdiggsch» (helle, höflich und heimtückisch). Aber der Sachse, der hat Selbstironie, was nicht viele haben. Der sächsische Witz geht immer ein bisschen um die Ecke.

Was macht eigentlich das Sächsische aus?

Böhnke: Es ist sehr weich, die weichen Konsonanten werden benutzt, die Zischlaute, I wird oft wie J gesprochen und alles wird ein bisschen verkürzt. Vieles sind aber keine Dialektmerkmale, sondern einfach Maulfaulheit. Es gibt auch lexikalische Einheiten, die anders sind, das Wort schnerblich, zum Beispiel, schön. Da kommt die sächsische Seele zum Klingen, dieses Verbindliche, man will niemandem wehtun... Und dann haben wir viele Wörter aus dem Französischen entlehnt. Meine Oma sagte immer, «ich fühle mich heute malade, und mir ist richtig bliemerand zumute». Oder die «Hudwolleh» (Haute Volée, die High Society), das sind in Dresden die sozial Schwachen, die drehen das auch noch um!

Warum legen Eltern wert darauf, dass ihre Kinder nicht sächseln?

Böhnke: Es wird nicht als vornehm empfunden. Das Hochdeutsche ist sauber, aber es hat keinen Charakter. Es ist sozusagen eine Kunstsprache.

Wie war das bei Ihnen zu Hause?

Böhnke: Mein Vater war Ostpreuße und hat nie Sächsisch gesprochen. Er hat Hochdeutsch gesprochen. Meine Mutter ist Dresdnerin, aber sie hat sich immer Mühe gegeben. In der Schule fiel das auf, dass ich ziemlich gut Hochdeutsch gesprochen hab. Da hab ich mich geschämt und angefangen, ganz bewusst zu sächseln.

Sie haben das Sächsisch ja sogar zu ihrem Beruf gemacht.

Böhnke: Es ist meine Muttersprache, ich kann ja gar nicht richtig Hochdeutsch reden, will ich auch nicht. Ich möchte mich ja nicht verstellen. Was man immer hört, ist die Intonation.

Meinen Sie, dass das Sächsisch verloren geht?

Böhnke: Ja, Dialekte sind ja sowieso im Rückgang. Und es gibt Wörter, die langsam aussterben, mit meiner Großmutter sind 100 Wörter gestorben. Sächsisch wird stark zurückgedrängt, wie sie auch in West-Berlin kaum noch Berliner finden. Meine Enkelin spricht nicht mehr Sächsisch, und deren Kinder werden es überhaupt nicht mehr können. Das Obersächsische im Erzgebirge, den ursprünglichen sächsischen Dialekt, den können ja nur noch ganz alte Leute sprechen. Es ist eigentlich schade. Ein polnischer Satiriker hat mal gesagt, die Dialekte sind der Aufstand gegen die herrschende Hochsprache. Das stimmt natürlich so nicht, denn die Dialekte waren ja zuerst da.

Gibt es überhaupt eine einheitliche sächsische Schreibweise?

Böhnke: Dialekte werden eigentlich nicht als Literatursprache aufgeschrieben, es gibt auch keine verbindliche sächsische Schriftsprache Es ist nur von gewissen Leuten auch mal aufgeschrieben worden. Lene Voigt hat in den 1920er Jahren viele Balladen von Schiller und Goethe auf Sächsisch nachgedichtet, auch Wilhelm Tell und Shakespeare. Sie hat dabei weder Shakespeare lächerlich gemacht noch Schiller beschädigt, sondern auf ihre Weise nacherzählt. Das hat sehr viel Wärme, Witz und ist sprachlich auch sehr schön. Lesen kann man das Sächsisch allerdings sehr schwer, während ich jeden hochdeutschen Text sofort simultan Sächsisch lesen kann.

Gibt oder gab es in Sachsen auch mal Tendenzen wie in Spanien, wo Katalanisch oder Baskisch zweite Amtssprachen neben dem Hochspanisch sind?

Böhnke: Dort ist es viel politischer, weil es auch um Völker geht und um Unterdrückung, das hat andere Dimensionen. Gut, bei der Armee gab es auch mal Schlägereien zwischen Preußen und Sachsen, aber das kann man nicht vergleichen.

Es gibt auch keine Gruppe, die so etwas anstrebt?

Böhnke: Nein. Es gab eine Sache, dieses «Sing, mei Sachse, sing» von Jürgen Hart, das 1980 auf den Markt kam, die meist verkaufte Amiga-Platte. Das hat sowas wie einen Nationalismus herausgefordert. Es wurde sofort ein Lied über die Preußen gedichtet, gegen die Sachsen. Aber es blieb eher auf dem Unterhaltungssektor.

Hat sich der Sachse durch die Diktatur eigentlich verändert?

Böhnke: Überhaupt nicht. Keiner hat gesagt, «ich bin DDR-Bürger», sondern «ich bin Sachse». Die Identität hat sich eher verstärkt. Wir haben schon in den 1970er Jahren Texte im Rundfunk gebracht, wollten auch eine Schallplatte herausbringen, durften wir aber nicht, mit dem Hinweis, da muss erst eine Berliner Platte erscheinen. Dann haben wir im Leipziger academixer-Keller regelmäßig Programme in sächsischer Mundart gemacht. In den 1980er Jahren haben wir ein Programm auf Platte herausgebracht, und das war das erste Mal, dass in der DDR so etwas erschien.

Gunther Böhnke wurde vor 66 Jahren in Dresden geboren und lebt seit 45 Jahren in Leipzig. Mit 13 Jahren stand er zum ersten Mal in einer Sprechrolle auf der Bühne, wo er allerdings Hochdeutsch reden musste und Sprecherziehung bekam. Seit Ende der 1960er Jahre brachte er im Leipziger Kabarett Academixer sächsische Programme auf die Bühne, später tourte er mit seinem Partner Bernd-Lutz Lange, heute mit wechselnden Kollegen und Programmen, durch ganz Deutschland.

bjm/news.de/

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