Von news.de-Redakteur Michael Kraft - 27.02.2009, 11.33 Uhr

3 Tage ohne Alkohol: Die Einsamkeit der Enthaltsamkeit

Es geht langsam los. Ich merke die ersten Folgen. Natürlich nicht körperlich, aber gesellschaftlich. Mein Eindruck: Wir leben in einer Welt von Trinkern. Und die kennen kein Mitleid.

Billard ohne Bier? Am Ende verliere ich da noch. Bild: ddp

Die erste Pein gab es gleich am ersten Tag. Ich war mit einer Freundin verabredet. Auf einen Kaffee, hatten wir gesagt. Wir beide wussten, was das meint: auf ein Bier. Oder zwei.

Doch der Ärger begann lange, bevor der Kellner die Bestellung aufnehmen wollte. Denn meine Verabredung hatte sich verspätet. Kein Problem, passiert mir auch oft. Aber normalerweise habe ich meinen iPod dabei, der mir in solchen Situationen die Wartezeiten angenehm verkürzt. Doch zusätzlich zur Alkohol-Abstinenz hatte ich mir geschworen, nun sieben Wochen lang auch noch auf den Gute-Laune-Dienst im Ohr zu verzichten. Und so zogen sich die Minuten dahin.

Als wir dann endlich bestellen konnten, war es durchaus spät genug, um Alkohol ordern zu können. ohne als gesellschaftlicher Problemfall zu gelten. Aber natürlich blieb ich standhaft und entschied mich für Sprite. Habe ich schon lange nicht mehr getrunken. Außerdem erinnert mich das ans Basketballspielen früher in der Schule. Und nicht zuletzt bilde ich mir ein, das sei gesünder als Cola. Gesünder als Bier sowieso.

Zu meinem Erstaunen wählte meine Freundin eine Cola Light. Sofort fühlte ich mich verstanden, geborgen, willkommen in einer Welt ohne Alkohol. Bis sie anfing zu grinsen. «Eigentlich hätte ich jetzt ja gerne einen Martini getrunken», räumte sie ein. Aber sie habe von meinem Abstinenz-Projekt gehört und wolle nicht unsolidarisch sein. Na schönen Dank auch. Auch während der nächsten Sprite streute sie noch ein bisschen Salz, und zwar nicht Tequila-bedingt auf ihren Handrücken, sondern aus purer Boshaftigkeit in meine Wunde.

Ich hatte einen Verdacht: Sobald man sich in die Öffentlichkeit, in die Gesellschaft begibt, ist ein Dasein ohne Alkohol kaum denkbar. Man wird abgestempelt, ausgelacht, für verrückt erklärt, wenn man im Kneipen-Kontext plötzlich aus der Reihe tanzt. Und woran liegt das? Die Trinker sind sich ihrer eigenen Verkommenheit vollkommen bewusst. Und diese Schuldgefühle kompensieren sie, indem sie Anti-Alkoholiker diffamieren.

Mir war klar: Den nächsten Termin für den Abend musste ich dringend absagen. Geplant waren die drei großen B: Billard, Bier, Beyerhaus. Letzteres ist meine Stammkneipe, und die ersten beiden Dinge gehören einfach zusammen. Regelmäßig liefere ich mir spannende Pool-Duelle. Doch das Naserümpfen meines Kontrahenten bei dem Hinweis, dass ich diesmal lieber Orangensaft trinke, konnte ich schon im Gedanken kaum ertragen. Dazu kommt, dass ich normalerweise erst nach dem ersten Bier zu guter Form auflaufe. Alkoholverzicht würde also mitunter sogar bedeuten, dass ich verliere. Ich sagte also unter einem fadenscheinigen Vorwand ab.

Seitdem fühle ich mich ein bisschen einsamer in dieser Welt, und nicht einmal mein iPod kann mich trösten. Ich bin gespannt, wie das erste Wochenende ohne Alkohol verlaufen wird.

ruk

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