Cindy-Adriana Speich im Interview: "Wir waren viel zu lange leise" – Bau-Influencerin rechnet mit Männern ab
Mit ihren ungeschönten Baustellenvideos begeistert Cindy-Adriana Speich ein Millionenpublikum – und zieht zugleich heftige Anfeindungen auf sich. In ihrem Buch "Ich bau mir 'ne Welt, die Männern nicht gefällt" rechnet die zweifache Mutter mit Sexismus, alten Rollenbildern und dem Druck auf Frauen ab. Im Interview spricht sie über ihre Wut, einen persönlichen Zusammenbruch und darüber, warum sie keine Lust mehr hat, nett zu sein.
Von news.de Redakteurin Anika Bube - Uhr
Suche
- Cindy-Adriana Speich berichtet von Sexismus und Hass im Netz
- In ihrem Buch verbindet sie Baustellenerfahrungen mit Feminismus und weiblicher Wut
- Die Influencerin erklärt, warum sie sich nicht länger gesellschaftlichen Erwartungen unterordnen will
Ein dreckiges Smartphone, eine Red-Bull-Dose und eine chaotische Baustelle: So begann die Online-Reise von Cindy-Adriana Speich. Gemeinsam mit ihrem Mann Kevin kaufte die gelernte Friseurin und zweifache Mutter ein heruntergekommenes Haus im thüringischen Schmalkalden – ohne handwerkliche Erfahrung. Ihre ungeschönten Sanierungsvideos erreichen auf dem Instagram-Account @haus_plan_bein Millionenpublikum. Doch neben Begeisterung erntet Cindy-Adriana Speich auch Hass und sexistische Kommentare.
Weitere Meldungen passend zum Thema finden Sie am Ende dieses Artikels.
"Ich lasse mir nichts mehr gefallen": Cindy-Adriana Speich über Hass und weibliche Wut
In ihrem Buch "Ich bau mir 'ne Welt, die Männern nicht gefällt" rechnet sie mit überholten Geschlechterrollen, patriarchalen Strukturen und gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen ab. Mit scharfem Humor und deutlichen Worten erzählt sie von ihrer Wut, persönlichen Krisen und dem Mut, den eigenen Weg zu gehen. Im Interview erklärt Cindy-Adriana Speich, warum sie keine Lust mehr hat, nett zu sein, und weshalb sie trotz aller Widerstände ihre Heimat nicht aufgeben will.
Sie haben Ihre Online-Reise mit einem verdreckten Handy zwischen Red-Bull-Dose und Baustellenchaos begonnen. Wie fühlt es sich an, dass Ihnen heute über eine Million Menschen bei der Haussanierung und Ihrem Kampf gegen Rollenbilder zusehen?
Ich liebe alles daran! Endlich kann ich all meine Wut rauslassen. Für mich ist dieses Gesehenwerden wie eine Art Ausbrechen. Über eine Million Menschen fühlen mit mir mit und begleiten mich mittlerweile täglich durch meinen ganz normalen Alltag als Frau. HERRlich.
Grüne Latzhose, Adiletten, zerzauster Haarknödel und erhobene Mittelfinger sind zu Ihrem Markenzeichen geworden. Wie ist diese Kultfigur entstanden?
Das entstand völlig ungeplant. Ich habe mich irgendwann so gezeigt, wie ich nun mal bin. Meine Latzhose ist meine Glückshose. In ihr habe ich meine besten Projekte umgesetzt und sie bedeutet mir mittlerweile viel mehr als irgendeine Hose. Nun ist es so, dass, sobald mein Knödel auf Position steht, ich überall auf der Welt erkannt werde. Ich lerne wahnsinnig tolle Menschen kennen und zaubere vielen damit ein kleines Lächeln ins Gesicht.
In Ihren Videos arbeiten Sie mit Satire, Zuspitzungen und Zweideutigkeiten. Warum ist Humor für Sie ein so wirksames Mittel gegen alte Rollenbilder?
Mein Humor ist meine Waffe. Ich erreiche damit viel mehr Menschen, weil es die im Kern ernsten Themen viel zugänglicher macht. Damit denken sogar echte Mannesmänner plötzlich über Themen wie Feminismus usw. nach. Das ist doch große Klasse!
Welches Feedback aus Ihrer Community hat Sie bisher am tiefsten berührt?
Mir schreiben Frauen von sehr jung bis sehr alt. Oft bekomme ich Nachrichten von älteren Frauen, welche selbst in meinem Alter leider nicht die Möglichkeit hatten, ihren freien Willen genau wie ich es tue, auszuleben. Sie danken mir für meine Arbeit. Mir schreiben noch dazu kranke Menschen, welche viele Dinge selbst nicht mehr erleben können und sie aber dank Social Media alles miterleben können. Ja, mittlerweile schreiben mir sogar Männer, die sich dank meiner Videos selbst reflektieren.
Ihr erstes Buch ist erschienen. Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg persönlich?
Es bedeutet mir wahnsinnig viel. Ich wollte, dass die Menschen noch besser verstehen, wo all meine Wut herkommt. Wie es sich lebt, als selbstbestimmte Frau in einem kleinen ostdeutschen Dorf. Und vor allem, welchen Preis man zahlt, wenn man als Frau fertig ist mit nett.
Wie würden Sie Ihr Buch jemandem in zwei Sätzen beschreiben, der Sie und Ihre "Baustellen-Comedy" noch nicht kennt?
Mein größtes Bauvorhaben ist der Kaltabriss dieses beschissenen Dreckssystems und ich lasse mich nicht mehr unterdrücken, nur damit irgendein Arschloch einen Vorteil damit hat. Ich zeige, wie es sich lebt, wenn man mehr ist als Tochter, Ehefrau oder Mutter.
Ihr Buch behandelt auch schwierige Themen wie Abtreibung, Belästigung und häusliche Gewalt. Welches Kapitel fiel Ihnen beim Schreiben am schwersten und bei welchen Passagen mussten Sie selbst am meisten lachen?
Am schwersten fiel es mir, über meine Abtreibung zu schreiben. Es kam dabei so viel Schmerz und Wut hoch. Aber es musste sein. Ich wollte zeigen, wie allein ich mich mit dem Thema gefühlt habe und wie wenig Verantwortung Männer dabei tragen müssen. Ja, wie viel Mitspracherecht bei gleichzeitig wenig vorhandener Beteiligung herrscht. Bei all den Kapiteln, in denen ich über meine alltäglichen Situationen schreibe, in denen ich gern den ein oder anderen Mannesmann hopps nehme, da habe ich wirklich viel gelacht. Auch jetzt, wenn ich es lese, muss ich herzlich darüber lachen.
Sie bekommen Zuspruch, werden aber auch beleidigt. Wie hat sich Ihr Umgang mit Grenzüberschreitungen verändert, und wie schützen Sie sich vor dem Hass im Netz?
Ich habe es endlich geschafft, klare Grenzen zu ziehen. Ich lass mir nichts mehr gefallen. Egal ob im Netz oder im echten Leben vor meiner Haustür. Ballert mir irgendwer seine Männlichkeit um die Ohren, werde ich laut. Ich ecke damit sehr an. Ich stelle sehr viel männliche Dummheit zur Schau. Ich mache aus Scheiße Gold.
Wie sehen Sie sich selbst, jenseits der begeisterten Fans und der Hater?
Ich sehe mich selbst wie eine kleine rothaarige Elfe, welche barfuß beim Sonnenuntergang über Wiesen und Felder hüpft. Ich liebe meinen Körper und alles, was er die letzten Jahre geleistet hat. Das war ein langer Weg, bis es so weit war. Aber nun ist es endlich so weit. Hat nur 30 Jahre gedauert.
Sie leben in einem Dorf in Südthüringen. In Ihrem Buch berichten Sie von Vorfällen am Männertag mit Rechtsrock, kritisieren den Erfolg der AfD in Thüringen und beziehen klar Stellung. Warum ist es Ihnen wichtig, laut zu werden, wenn andere lieber wegsehen?
Wenn keiner laut wird, dann verändert sich nichts. Wir waren viel zu lange leise und vor allem zu nett zu den Idioten. Ich liebe meine Heimat sehr und möchte sie nicht einfach aufgeben und den Arschlöchern überlassen.
Sie scherzen im Buch darüber, bald Bundeskanzlerin zu werden. Was würden Sie als Erstes unter Ihrer "Bauleitung" in Deutschland verändern?
Sobald ich dann Bundeskanzlerin bin und der Rück-Merz-Gang abgeschlossen ist, werde ich Männercamps einführen. Ich werde dafür sorgen, dass auch der Letzte verstanden hat, dass alle Männer das Problem und gleichzeitig die Lösung sind. Ich sehe mich neben meinem Amt als Kanzlerin auch als Drill-Instructor. In meinem Camp werde ich aufzeigen, wie lange Männer die Möglichkeit hatten, diese Welt zu retten. Bisher haben sie ziemlich verkackt. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt!
Sie schreiben, dass der Feminismus, den Sie leben, ohne den Feminismus Ihres Mannes Kevin nicht derselbe wäre. Was bedeutet Gleichberechtigung für Sie ganz praktisch im Beziehungs- und Baualltag?
Feminismus bedeutet für mich Menschlichkeit. Ich habe menschliche Bedürfnisse, die ich, genau wie mein Mann, gleichberechtigt ausleben möchte. Egal ob familiär, finanziell, beruflich… Wenn ich Hauptverdienerin bin und während ich arbeite, mein Mann die Kinder versorgt, dann ist er nicht mein Babysitter, sondern einfach Vater. Nicht mehr und nicht weniger.
Sie schreiben offen darüber, dass Sie am Versuch, gleichzeitig Mutter, Ehefrau, Bauherrin, Influencerin und sich selbst gerecht zu werden, beinahe zerbrochen wären. Wie kam es dazu?
Ich bin aufgewachsen zwischen ausschließlich starken Ostfrauen. Ich bin die Erste meiner Familie, die diese Linie aufgebrochen hat. Arbeiten und gleichzeitig die perfekte Mutter und Hausfrau sein, wurde mir wie eine Schallplatte im Hirn eingelegt. Ich dachte immer, es wäre meine Pflicht, alles gleichzeitig gut zu schaffen. Doch ich bin daran zerbrochen. Ich bin irgendwann heulend zusammengebrochen an diesem gesellschaftlichen Druck.
Was möchten Sie Frauen mitgeben, die sich bisher nicht trauen, ihren eigenen Weg zu gehen?
Du musst nicht alles können! Du musst nur den Mut haben, einfach anzufangen. Dann kann's auch nur gut werden!
Vielen Dank für das Interview!
Suche
Buchtipp: "Ich bau mir 'ne Welt, die Männern nicht gefällt"
Autorin: Cindy-Adriana Speich
Verlag: dtv, 2026
Seitenzahl, Buchart: 208, Paperback
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3-423-26469-3
Weitere Meldungen rund ums Thema finden Sie hier:
- Dieses Buch zerlegt die Männerwelt mit Witz und Wucht
- Diese Bücher über weibliche Wut und Feminismus sollten Sie kennen
- Bitte Abrechnung mit Wokeness - Staatsminister zerlegt links-grüne Sprachverbote
- Entsetzen nach Heino-Auftritt! Rassismus- und Sexismus-Eklat in Sat.1-Sendung
- "Dame ohne Unterleib!" CSU-Chef schockt mit Frauenbild aus der Mottenkiste
bua/hos/news.de
Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.