Von news.de-Redakteur Florian Blaschke - 21.01.2010, 17.25 Uhr

«Vorstadtkrokodile»: Und sie beißen noch immer

Max von der Grün hat viele Bücher geschrieben, doch keines davon war so erfolgreich wie die Vorstadtkrokodile. Noch heute gehört es an vielen Schulen zum Lehrplan.

Die Vorstadtkrokodile, eines der meistgelesenen Kinderbücher. Bild: Bertelsmann

«Die handlungs- und dialogreiche Geschichte läuft in einem präzis beschriebenen Milieu ab, vermeidet Klischees und demonstriert den Wert der Solidarität», heißt es in der Wochenzeitung Die Zeit über das Buch Vorstadtkrokodile von Max von der Grün. Dahinter noch der übliche Rattenschwanz, und dann der Preis: 14,80 DM.

Beinahe 35 Jahre ist das nun her, doch die Kritik, würde ein solches Buch heute erscheinen, fiele kaum anders aus. Auch nach 35 Jahren sind die Vorstadtkrokodile noch so etwas wie Vorzeigekrodile, sind die Themen des Bestsellers, der heute 5,95 Euro kostet, lange nicht Vergangenheit.

Dabei ist Max von der Grün, der Sohn eines Schuhmachers und Spross einer verarmten bayerischen Adelsfamilie, 1976 schon 50 Jahre alt, als er eines der erfolgreichsten Kinderbücher der Bundesrepublik schreibt. Und doch ist er noch so nah dran an seinen Figuren wie ein Erich Kästner oder eine Christine Nöstlinger, seine Charaktere so lebensnah wie seine Geschichte spannend.

FOTOS: «Vorstadtkrokodile 2» Mit reichlich Biss auf Gangsterjagd

Vielleicht liegt sein Erfolg aber auch daran, dass seine Vorstadtkrokodile, wie auch seine anderen Bücher, keine echten Helden kennen. Die taz schreibt 2005, als von der Grün mit 78 Jahren stirbt, er sei der «Chronist einer versunkenen Kultur» gewesen, «der des deutschen Proletariats». Seine Charaktere sind bodenständig und ehrlich, sie haben ihre Macken und Fehler, sie leben in einer Welt, die so ist wie die Wahlheimat von der Grüns, das Ruhrgebiet: bunt und dreckig, laut und familiär, aufregend und entmutigend. Hochglanz findet man hier nicht.

Von der Grün wird, nach Kriegsgefangenschaft und Tagebau, Arbeiterdichter, verfasst Gedichte und Essays und wird durch seinen zweiten Roman Irrlicht und Feuer (1963) bekannt, ein Buch, in dem er die Auswüchse der Konsumgesellschaft und die Zwänge des Leistungsdenkens geißelt.

Seine Vorstadtkrokodile aber bleiben in gewisser Weise sein Hauptwerk, obwohl er erst 1995 sein letztes Buch veröffentlicht, Die Saujagd und andere Vorstadtgeschichten. Die Geschichte der Jugendbande aus dem Pott jedoch wird bis heute gelesen, nicht nur privat, sondern vor allem im Unterricht, als charakterbildende Lektüre gewissermaßen. Vor allem aber als Lektüre, die ankommt, die verstanden wird. «Ich schreibe, weil ich eine Geschichte erzählen will, die mich interessiert und von der ich hoffe, dass ich sie auch für andere interessant machen kann – ich vermittle also», sagt er einmal. «Ich schreibe für den Leser, aber ich kenne ihn nicht.» Das Besondere ist, dass der Leser das nicht merkt.

Das gilt vor allem auch für die Vorstadtkrokodile. Von der Grün mag 50 gewesen sein, als er dieses Buch schrieb, doch er wusste offenbar noch sehr gut, wie es ist, Kind zu sein. Er wusste um die Ängste, die Sorgen und die Nöte seiner «Zielgruppe», er wusste, dass Erwachsenwerden nicht immer leicht ist. «Jeder Mensch ist durch seine Biografie geprägt», sagte er einmal. Er selbst offenbar stark durch seine Kindheit.

voc/news.de

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