Von news.de-Mitarbeiter Ayke Süthoff - 28.12.2010, 10.18 Uhr

Abitur nachholen: Morgens schuften, abends büffeln

In Deutschland gibt es diverse Möglichkeiten, das Abitur nachzuholen. Nach der Arbeit ein Abendgymnasium zu besuchen ist eine davon, der Aufwand ist jedoch enorm. Lohnen sich 30 Stunden Schule pro Woche nach dem normalen Arbeitstag?

Monika Neupert und Eric Döring holen am Abendgymnasium Leipzig ihr Abitur nach. Bild: news.de

Eric Döring und Monika Neupert sind 23 Jahre alt, Monika ist Arzthelferin, Eric arbeitet bei einem Airbus-Zulieferer in der Entwicklung. Beide sind eigentlich zufrieden in ihrem Job - trotzdem wollen sie mehr: das Abitur. Eric und Monika sind Schüler am Abendgymnasium Leipzig.

Das Abitur nachzuholen ist hart: Drei Jahre dauert die Schule, etwa 30 Stunden pro Woche gehen für Kurszeiten, Hausaufgaben und Lernen drauf. Wer wie Eric und Monika nebenbei noch berufstätig ist, kommt schnell auf insgesamt 70 Stunden Arbeits- und Schulzeit. Das Privatleben leidet enorm darunter. Warum tun sie sich das an?

Plötzlich erwachsen

Monika hat mit 16 Jahren ihre Ausbildung begonnen, war mit 19 fertig und begann ihre Arbeit als Arzthelferin. Alles ging sehr schnell und plötzlich war sie erwachsen, hatte eine 38,5-Stunden Woche und die Aussicht auf 47 lange Jahre im gleichen Beruf. Nach nur anderthalb Jahren wurde ihr klar, dass sie dieser Job nicht ihr Leben lang ausfüllen würde. Sie bekam Lust auf ein Studium, doch dafür fehlte ihr das Abitur.

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Obwohl sie voll hinter ihrer Entscheidung steht, nochmal die Schule zu besuchen, scheint sie hin- und hergerissen wenn sie über ihre Arbeit spricht. «Ich liebe meinen Job, aber ich wollte etwas Neues machen, mich verändern.» Sie informierte sich über die Möglichkeiten, das Abitur nachzuholen und entschied sich für die Abendschule. «Ich habe mir gesagt: Wenn das alles nicht so wird, wie du es dir vorgestellt hast, hast du immer noch deinen Job - dir kann eigentlich nichts passieren.»

Wechselnde Orte, gleiche Arbeit

Ähnlich war es auch bei Eric. Mit 19 Jahren schloss er seine Ausbildung ab, begann bei Airbus zu arbeiten. «Ich war dann viel im Ausland und merkte schnell, die Standorte wechselten, aber die Arbeit blieb immer gleich.» Auch Eric informierte sich über Studienmöglichkeiten, um beruflich aufsteigen zu können. Doch dann wechselte er von der Praxis in die Theorie und hatte plötzlich wieder mehr Spaß an der Arbeit. Das Abitur macht er trotzdem, aus Ehrgeiz. «Das zieh ich durch bis zum Ende, sonst hätte ich das Gefühl, mein vorhergehendes Leben aufgegeben zu haben», meint Eric. Doch was er dann mit dem Abi macht, weiß er noch nicht.

Monika dagegen hat klare Ziele: Ab nächsten Sommer will sie studieren, Studienrichtung Medizinmanagement. Wenn Monika über ihre Studienpläne spricht, ist ihre Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt spürbar. Sie möchte ein duales Studium beginnen, also gleichzeitig arbeiten und studieren. «Ich möchte nicht irgendwann einmal bereuen, es nie ausprobiert zu haben. Selbst wenn es nicht klappt, hab ich es zumindest versucht», erklärt Monika ihre Gründe für den radikalen Schnitt in ihrem Leben. Sie fühlt sich wohl mit ihren Plänen und der Aussicht auf viel Neues.

50 Prozent Abbrecher

Doch die Vorfreude ist das eine, dem gegenüber steht der enorme Aufwand: Beide Schüler sagen heute, nur knapp fünf Monate vor den Abiturprüfungen, dass sie den Schritt an die Abendschule nicht noch einmal gehen würden. «Du hast keine Zeit für Freunde», erzählt Monika. «Entweder du erhältst dein soziales Umfeld aufrecht, dann ist aber auch die schulische Leistung entsprechend schlecht oder du konzentrierst dich nur auf die Schule, aber dann bricht der soziale Zweig weg.»

Das weiß auch Erika Wesemann, die Schulleiterin. «In der Regel schaffen 50 Prozent das Abitur. Das klingt gemein und das ist auch eine Zahl, über die sich niemand freut, aber das ist die generelle Quote bei Abendgymnasien», erklärt Wesemann. Die Leistungsanforderungen seien eben sehr hoch. Dazu kommt, dass die Erwachsenen die schulischen Ansprüche nicht mehr gewöhnt seien. Wer vor über zehn Jahren seinen Realschulabschluss gemacht hat, hat große Probleme, wieder in den Lernalltag rein zu kommen.

Trotz des hohen Aufwands seien nach ihrer eigenen Erfahrung die berufstätigen Schüler die Besten, sagt Wesemann. «Die Angstfächer am Abendgymnasium sind Mathe und Englisch - dafür arbeiten die meisten wie wahnsinnig», weiß die Schulleiterin. Neben Beruf und Englischvokabeln bleibt jedoch kaum Zeit für Erholung.

«Man kommt mittlerweile mit wenig Schlaf aus. Und wenn der Leistungsdruck weg fällt ...», Eric stockt. «Fällt man ein Stück mit», ergänzt Monika den Satz. Die beiden verstehen sich sehr gut, das Zusammengehörigkeitsgefühl ist ähnlich wie an normalen Tagesschulen. «Es ist ein ganz wichtiger Aspekt, dass wir die sozialen Kontakte an der Schule haben», findet Monika. «Wenn ich meine Freunde hier nicht hätte, würde ich das nicht aushalten. Da würde ich gehen!»

Wieder 14 Jahre alt

Im erwachsenen Alter noch einmal Schüler zu sein, ist ein seltsames Gefühl. Eric und Monika sagen, dass sie sich auf einen Schlag fühlen wie 14-Jährige, sobald sie im Klassenraum Platz nehmen. «Man fühlt sich wie ein kleiner Junge», erzählt Eric, «man quatscht, schreibt Zettelchen ... man verliert sofort jegliche Autorität.»

Viele neue Lehrer haben ihre Schwierigkeiten mit den erwachsenen Schülern. «Zum Beispiel ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass keine Hausaufgaben zum nächsten Tag aufgegeben werden, weil das nicht zu schaffen ist. Sowas müssen neue Lehrer erst einmal lernen», ist Monikas Erfahrung. Hausaufgaben gibt es normalerweise nur am Wochenende und selbst da sind die meisten Lehrer nachsichtig.

Sowohl Eric als auch Monika waren schon mehrfach an dem Punkt, an dem sie aufgeben wollten. «Das ist jedes Jahr vor Weihnachten bisher der Fall gewesen, auch dieses Jahr», sagt Monika. In dieser Zeit sei immer sehr viel zu tun, Klausuren, Tests, Referate - und die Welt drumherum genießt den Advent. Daraus entstehe ein enormes Frustpotential. Dabei geht es im neuen Jahr erst richtig los: Im April stehen die Abiturprüfungen an - eine letzte große Hürde, die bewältigt werden muss. «Dieser Berg kommt immer näher, aber die Motivation bleibt niedrig», sagt Monika.

Trotzdem sind beide zufrieden mit dem bisherigen Bildungsweg. «Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich das Abitur nicht mit 19 gemacht habe», findet Eric. Monika stimmt ihm zu: «Bevor man sich durch die drei Jahre Oberstufe quält, sollte man es besser sein lassen.» Es gebe schließlich genug Möglichkeiten das Abitur oder Fachabitur nachzuholen. Dann lerne man ganz anders als in der Tagesschule, denn wer das Abitur später nach holt, tut dies nur für sich. Und für seine Träume.

rzf/news.de

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