Dr. Google: Wenn Suchmaschinen krank machen - Experten warnen vor Cyberchondrie
Fast jeder hat schon mal im Internet zu Symptomen recherchiert. Was harmlos beginnt, kann bei manchen echte Krankheitsangst auslösen. Fachleute warnen vor einem Phänomen, das immer mehr Menschen betrifft: Cyberchondrie.
Erstellt von Anika Bube - Uhr
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- Symptome googeln ist Alltag – kann aber Angst verstärken
- Fachleute sprechen von "Cyberchondrie", wenn Internet-Recherche krankhafte Gesundheitsängste anheizt
- Besonders gefährdet sind junge Menschen und Personen mit erhöhter Grundängstlichkeit
Es fängt oft ganz harmlos an. Ein Ziehen in der Seite. Ein Kribbeln in den Fingern. Kopfschmerzen, die irgendwie anders wirken als sonst. Also schnell das Handy raus, Symptome googeln, zwei, drei Begriffe eintippen und plötzlich ist man nicht mehr bei harmlosen Ursachen, sondern bei schweren Erkrankungen, dramatischen Verläufen und möglichen Katastrophen. Denn aus einem kurzen Check im Netz wird bei einigen Menschen eine Angstspirale, die immer schwerer zu stoppen ist.
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Was ist Cyberchondrie? Wenn das Internet Krankheitsangst verstärkt
Für dieses Phänomen gibt es sogar einen Namen: Cyberchondrie. Der Begriff setzt sich aus "Cyber" und "Hypochondrie" zusammen und beschreibt laut Fachleuten keine offiziell klassifizierte Erkrankung, aber ein sehr reales Problem. Heiko Graf vom Städtischen Klinikum Karlsruhe erklärt, dass dabei eine unbegründete Angst oder eine übersteigerte Aufmerksamkeit für ernste Krankheiten entsteht – ausgelöst durch Gesundheitsinhalte aus dem Internet. Heißt: Nicht das Symptom selbst macht zuerst Angst, sondern das, was man darüber liest. Und genau das kann gefährlich werden. Denn aus dieser Angst können sich laut Experten depressive Symptome oder sogar eine hypochondrische Störung entwickeln. Letztere gilt gewissermaßen als die Maximalvariante.
Das Thema ist längst kein Randphänomen mehr. Laut einer Studie der Universität Mainz leiden rund sechs Prozent der deutschen Bevölkerung unter starken Gesundheitsängsten. Und die Tendenz zeigt nach oben. "Man sieht einen Anstieg der Angsterkrankungen in den letzten 30 Jahren", sagt Experte Heiko Graf. Das bedeutet: Die Angst vor Krankheiten – oder vor dem, was man im Netz darüber liest – betrifft immer mehr Menschen.
Besonders auffällig ist: Jüngere Menschen scheinen anfälliger zu sein. Laut Graf sind vor allem unter 35-Jährige betroffen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen nutzt diese Altersgruppe das Internet und soziale Medien deutlich intensiver als ältere Menschen. Zum anderen entwickeln sich Angststörungen häufig schon in jüngeren Lebensphasen. "Man ist da noch empfänglicher", erklärt der Fachmann. Hinzu kommt: Wer ohnehin eher ängstlich ist oder schlecht mit Unsicherheit umgehen kann, läuft besonders schnell Gefahr, in diese Denkspirale hineinzurutschen. Und genau das scheint häufiger zu passieren, als viele denken.
Morbus Google: Warum aus der Symptomsuche schnell ein Teufelskreis werden kann
Eine Recherche im Netz ist nicht automatisch problematisch. Im Gegenteil: Wer seriöse Informationen nutzt, kann seine Gesundheitskompetenz sogar stärken. Doch genau an diesem Punkt kippt es bei manchen. KKH-Psychologin Isabelle Wenck erklärt: "Wer im Netz nach Krankheiten und Symptomen googelt, macht erst einmal nichts falsch." Aber sie warnt auch deutlich. Vor allem Menschen mit psychischen Vorerkrankungen oder mit einer bereits bestehenden Angst vor schweren Erkrankungen könnten besonders leicht in einen Teufelskreis geraten. Dann wird aus einer normalen Suche eine zwanghafte Jagd nach Bestätigung. Oder, wie es im Volksmund oft heißt: "Morbus Google". Denn Betroffene suchen oft immer weiter, vergleichen Symptome, klicken sich durch Foren, Krankheitsseiten und Schreckensberichte und steigern sich mit jeder neuen Information tiefer hinein.
Von Kopfschmerzen zum Hirntumor: Warum das Netz so schnell eskaliert
Das Grundproblem ist laut Experten ziemlich simpel und genau deshalb so tückisch. Wer einzelne Symptome googelt, bekommt meist nicht die wahrscheinlichste, sondern oft die dramatischste Erklärung zuerst zu sehen. Heiko Graf bringt es auf den Punkt: Bei der Recherche über Kopfschmerzen lande man innerhalb von drei Klicks beim Hirntumor, obwohl Spannungskopfschmerzen oder Migräne in der Realität natürlich deutlich wahrscheinlicher seien. Und genau da liegt die Falle.
Ärzte arbeiten bei Diagnosen nämlich nicht nur mit Symptomen, sondern auch mit Wahrscheinlichkeiten, Alter, Vorerkrankungen, Dauer, Begleitsymptomen und vielen anderen Faktoren. Diese medizinische Einordnung fehlt beim Googeln fast immer. Und das macht aus einer simplen Suche schnell eine mentale Katastrophenmaschine.
Selbstdiagnose aus dem Netz: Jeder Fünfte Jüngere hat das schon gemacht
Wie verbreitet das Thema ist, zeigt auch eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH. Demnach haben 91 Prozent der Befragten schon einmal nach Krankheiten oder Symptomen im Internet gesucht – entweder für sich selbst oder für andere. Rund ein Drittel gab sogar an, sich dadurch einen Arztbesuch gespart zu haben. Besonders heikel: 13 Prozent haben sich laut Umfrage schon einmal selbst eine Diagnose gestellt. Bei den 16- bis 34-Jährigen war es sogar jeder Fünfte. Und genau hier beginnt das Risiko.Denn wer sich selbst diagnostiziert, glaubt oft nicht nur an harmlose Erklärungen – sondern manchmal ausgerechnet an die schlimmsten.
So merkt man, dass Googeln nicht mehr harmlos ist
Nicht jeder, der Symptome googelt, leidet automatisch unter Cyberchondrie. Entscheidend ist laut Experten, wann die Suche kippt. Ein Warnsignal ist es, wenn die Recherche nicht mehr beruhigt, sondern immer neue Angst auslöst. Oder wenn man immer wieder dieselben Symptome prüft, ständig Bestätigung sucht und trotz unauffälliger Befunde nicht zur Ruhe kommt. Heiko Graf sagt dazu: "Das Problem ist ja nicht das vereinzelte Nachschlagen von Erkrankungen im Internet, sondern dass daraus eine Angststörung und hypochondrische Angst werden kann." Besonders auffällig wird es, wenn Menschen immer wieder neue Ärzte aufsuchen, Befunde anzweifeln oder ihr Alltag zunehmend von Krankheitsgedanken bestimmt wird. Oft bemerken auch Freunde, Partner oder Familienmitglieder zuerst, dass etwas nicht mehr stimmt.
Wie gefährlich sind Gesundheitsinfos im Netz wirklich?
Ein weiterer Punkt, der das Problem verschärft: Nicht alles, was im Netz steht, ist verlässlich. Und das ist noch freundlich formuliert. Laut Heiko Graf seien mindestens 40 Prozent der Gesundheitsinhalte im Internet nicht verifiziert oder sogar falsch. Gerade bei besonders sensiblen Themen wie Krebs sei die Lage laut Studienlage besonders problematisch. Das heißt: Wer im Netz nach Antworten sucht, landet oft nicht nur bei zu dramatischen, sondern teilweise sogar bei schlicht falschen Informationen. Und genau das kann Angst noch weiter anheizen.
Warum Chatbots keine Ärzte ersetzen
Besonders aktuell ist deshalb eine Frage, die viele inzwischen ganz selbstverständlich stellen: Kann man nicht einfach eine KI fragen? Aus Sicht von Experten ist auch das mit Vorsicht zu genießen. Denn auch KI-Anwendungen wie ChatGPT oder andere Chatbots können – je nach Nutzung – auf Inhalte zurückgreifen, die nicht medizinisch geprüft, verkürzt, missverständlich oder nicht auf den individuellen Fall anwendbar sind. Heiko Graf sieht deshalb auch hier ein Problem. Denn medizinische Einschätzungen brauchen Kontext, Wahrscheinlichkeit und professionelle Einordnung und genau das könne ein Chatbot oder eine Suchmaschine nicht zuverlässig ersetzen. Oder einfacher gesagt: Das Netz kann Hinweise liefern – aber keine echte Diagnose.
Was hilft gegen Cyberchondrie? Experten raten zu Psychotherapie statt Dauer-Googeln
Die gute Nachricht: Wer merkt, dass die eigene Angst außer Kontrolle gerät, kann etwas dagegen tun. Hilfe bietet laut Experten vor allem Psychotherapie, insbesondere Verhaltenstherapie. Medikamente spielen bei Cyberchondrie eher eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sei es, zu lernen, wie man mit Angst umgeht, statt ihr ständig durch neue Recherchen noch mehr Futter zu geben. Heiko Graf sagt dazu: "Wichtig ist zunächst, nicht mit dem Patienten in die Diskussion zu gehen, dass er keine körperliche Erkrankung hat, sondern Strategien zu vermitteln, wie er auf Angst reagieren kann." Mit einer ambulanten Verhaltenstherapie lasse sich laut Fachleuten oft schon innerhalb von rund 25 Sitzungen viel erreichen.
Schluss mit Zug: Symptome googeln ist normal – aber Angst sollte nicht die Kontrolle übernehmen
Kopfschmerzen, Kribbeln, Ziehen und plötzlich ist man online beim Schlimmsten angekommen. Genau darin liegt die Gefahr von Cyberchondrie. Nicht das kurze Nachlesen ist das Problem. Sondern der Moment, in dem aus Information Angst, aus Unsicherheit Zwang und aus einem harmlosen Symptom plötzlich ein gedanklicher Ausnahmezustand wird. Wer merkt, dass Googeln nicht mehr beruhigt, sondern belastet, sollte das ernst nehmen. Denn manchmal ist nicht die Krankheit das größte Problem, sondern die Angst davor.
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bua/news.de/dpa/stg
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