Psychrobacter SC65A.3: Wirkungslos gegen Sepsis - Ur-Keim aus dem Eis resistent gegen Antibiotika

In einer rumänischen Eishöhle haben Forscher ein 5000 Jahre altes Bakterium ausgegraben, das gegen zehn moderne Antibiotika resistent ist. Gleichzeitig könnten die Erreger zum Schlüssel im Kampf gegen gefährliche Krankenhauskeime werden.

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Forscher haben in der Eishöhle Scarisoara einen Superkeim entdeckt. (Foto) Suche
Forscher haben in der Eishöhle Scarisoara einen Superkeim entdeckt. Bild: Adobe Stock/ Bogdan Barabas
  • Psychrobacter SC65A.3: Forscher entdecken jahrtausendealten Superkeim in rumänischer Eishöhle.
  • Erreger resistent gegen Antibiotika.
  • Bakterium hemmt Krankenhauskeime: Chance für wirksame Medikamente.

Gletscher sind wahre Herbergen für Ur-Organismen. Unter dem Eis schlummern jahrtausendealte Erreger. Aufgrund des Klimawandels schmelzen Gletscher. Das wirft die Frage auf, ob die eingefrorenen Urzeit-Keime eine Gesundheitsgefahr darstellen können, wenn sie an die Oberfläche gelangen. Forscher um die Mikrobiologin Cristina Purcarea von der Rumänischen Akademie der Wissenschaften liefern Antworten. Sie haben ein 5000 Jahre altes Bakterium in der Scarisoara-Eishöhle in Rumänien entdeckt, das gegen zahlreiche moderne Antibiotika immun ist. Doch der Keim könnte zum Hoffnungsträger für die Medizin werden.

Ur-Bakterium im Eis gefunden

Das Forschungsteam hat tief gebohrt. Sie entnahmen einen 25 Meter langen Eiskern, der auf ein Alter von 5335 Jahrengeschätzt wird, aus dem unterirdischen Gletscher. In einer Tiefe von 16,5 Metern stießen sie auf den Bakterienstamm mit der Bezeichnung Psychrobacter SC65A.3. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal "Frontiers in Microbiology" publiziert. Die Scarisoara-Höhle zählt zu den größten unterirdischen Eisreservoirs Europas. Teile des Eises sind sogar bis zu 13.000 Jahre alt.

Wirkungslos gegen Tuberkulose und Sepsis: Psychrobacter SC65A.3 resistent gegen Antibiotika

Die Forscher wollten wissen, wie das Bakterium auf Antibiotika reagiert. Dafür untersuchten sie seine Reaktion auf 28 gängige Antibiotika aus zehn verschiedenen Wirkstoffklassen. Das Ergebnis erstaunt: Gegen zehn dieser Medikamente zeigte sich der Mikroorganismus vollständig resistent. Darunter befanden sich auch hochwirksame Reserveantibiotika wie Vancomycin, das bei lebensbedrohlichen Infektionen mit multiresistenten Keimen zum Einsatz kommt, sowie das Fluorchinolon Ciprofloxacin und Mittel gegen unter anderem Harnwegsinfektionen, Tuberkulose oder Sepsis.

Die genetische Analyse offenbarte mehr als 100 verschiedene Resistenzgene im Erbgut des Bakteriums. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich Resistenzmechanismen auf natürliche Weise in der Umwelt entwickelt haben – lange bevor der Mensch Antibiotika einsetzte", erläutert Purcarea. Die Entdeckung wirft auch Fragen zur Zukunft auf. Wenn Gletscher, Permafrost und unterirdische Eisreservoire durch die Erderwärmung schmelzen, könnten die darin konservierten Resistenzgene in die Umwelt gelangen. "Diese Resistenzgene könnten auf heutige Krankheitserreger übertragen werden und so das globale Problem der Antibiotikaresistenz verschärfen", warnt Purcarea.

Bakterien bremsen Krankenhauskeime aus

Gleichzeitig sehen die Forscher enormes Potenzial in den uralten Mikroben. Im Genom von Psychrobacter SC65A.3 fanden sich fast 600 Gene mit bislang unbekannter Funktion. "Diese Organismen produzieren einzigartige Enzyme und antimikrobielle Verbindungen", betont die Mikrobiologin. Sie könnten als Vorlage für neuartige Antibiotika dienen. Voraussetzung sei jedoch ein verantwortungsvoller Umgang: "Strenge Sicherheitsmaßnahmen im Labor sind unerlässlich, um eine unkontrollierte Ausbreitung zu verhindern."

Doch der steinzeitliche Mikroorganismus birgt nicht nur Gefahren. In Laborversuchen entfaltete Psychrobacter SC65A.3 eine überraschende Wirkung gegen andere Bakterien. Als die Forscher den uralten Keim gemeinsam mit medizinisch relevanten Erregern kultivierten, hemmte er das Wachstum der Mehrheit von zwanzig getesteten Arten. Auch notorisch problematische Krankenhauskeime wurden in ihrem Wachstum gebremst. Dazu zählen Staphylococcus aureus sowie bestimmte Vertreter der Gattungen Enterobacter und Klebsiella pneumoniae – Erreger, die in Kliniken regelmäßig schwere Infektionen verursachen. Im Genom des Bakteriums identifizierte das Team elf Gene, die das Wachstum anderer Mikroben unterdrücken können. 

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