21.10.2010, 06.26 Uhr

Schwindelgefühl: Die Achterbahn im Kopf

Von morgens bis abends ein Gefühl wie auf dem Karusell: Es dreht - mal in die eine, mal in die andere Richtung. Dauerschwindel ist eine extreme Belastung für die Betroffenen. Was viele nicht ahnen: Häufig sind Ängste die Ursache.

Seelische Ursachenwie Ängste, Depressionen oder dissoziative Störungen führen zu Schwindel. Bild: istockphoto

«Da wird mir ganz schwindelig.» Was viele Menschen so dahin sagen, wenn ihnen eine Situation unangenehm ist, hat bei manchen einen ernsten Hintergrund. Psychische Ursachen führen bei ihnen zu einem lästigen Dauerschwindel. In Schwindelambulanzen gehen Mediziner bei tausenden Patienten den Ursachen auf den Grund. Dabei zeigt sich häufig: Nicht körperliche, sondern seelische Ursachen führen zu Schwindel.

«Schwindelerkrankungen sind weit verbreitet und treten in Deutschland ungefähr so häufig auf wie Kopfschmerzen», sagt Professor Annegret Eckhardt-Henn, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Bürgerhospital Stuttgart. Rund zwölf Prozent aller Deutschen leiden ihr zufolge mindestens einmal in ihrem Leben unter Schwindel. «Davon sind rund 30 Prozent aller Schwindelformen psychischen Ursachen zuzuordnen.»

FOTOS: Gruseln Kalte Schauer in Bildern

Meistens vergehen viele Jahre bis bei Betroffenen die richtige Diagnose gestellt wird. Mal werden Blockaden an der Halswirbelsäule vermutet, mal Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System oder Durchblutungsstörungen. «Die meisten Patienten mit somatoformem Schwindel rennen von Verdacht zu Verdacht, machen eine überflüssige Therapie nach der anderen und schlucken viele unnötige Medikamente», sagt Mark Obermann, Leiter des Schwindel-Zentrums in Essen. Doch auf Dauer hilft nichts davon. «Die Angst, etwas wirklich Schlimmes zu haben, wächst unaufhaltsam.» Und der Schwindel auch - manchmal so stark, dass Betroffene sich kaum noch trauen, das Haus zu verlassen.

Gesundheitsfalle Selbstbeobachtung

«Am Anfang des Problems stehen Phobienkrankhafte Ängste , depressive oder dissoziative Störungen», erläutert Eckhardt-Henn. Am häufigsten leiden die Betroffenen unter Ängsten vor öffentlichen Plätzen wie U-Bahnen, Marktplätzen oder Kaufhäusern. «Es kann auch die Angst vor dem Rolltreppenfahren oder dem Kinobesuch sein, die den Schwindel auslöst.» Während manche Phobiker in diesen Situationen verstärkt schwitzen oder zittern, setzt bei den Patienten vor allem ein Gefühl des Schwankens und Wankens ein. «Der Schwindel wird dann als das vordergründliche Problem erlebt, nicht die Angst dahinter.»

Professor Michael Strupp, Leiter der Schwindelambulanz am Klinikum Großhadern in München, erkennt in Schwindelpatienten oft ähnliche Charakterzüge: «Es sind sehr pflichtbewusste Menschen, die sehr darauf bedacht sind, sich im Griff zu haben.» Mit der negativen Erfahrung des ersten Schwindels im Hinterkopf verstärkt sich langsam der Blick ins Innere: «Betroffene haben eine sehr intensive Selbstwahrnehmung auf die Informationen des Gleichgewichtssinns», erklärt er.

Tatsächlich ist es so, dass alle Menschen leicht schwanken, niemand kann hundertprozentig gerade und unbeweglich stehen. Phobiker achten dabei jedoch so intensiv auf das eigene Gleichgewicht, dass sie jede kleine Schwankung registrieren und negativ bewerten. «Dadurch entsteht eine Selbstbeobachtungsspirale, die den Schwindel verstärkt und immer wieder reproduziert.» Das Schwanken hat sich verselbstständigt und lässt erst nach, wenn die Patienten sehr konzentriert oder abgelenkt sind.

Der erste Schritt in der Therapie ist deshalb Aufklärung, sagt Obermann. «Wenn die Patienten verstehen, was bei ihnen los ist, geht es ihnen meistens schon viel besser.» Gezielt könne dann an den zugrundeliegenden Angstauslösern gearbeitet werden. Schritt für Schritt wird so die Spirale aus Angst und Schwindel wieder aufgelöst.

Wie geht es mir heute? Geht der Schwindel schon wieder los? «Betroffene leiden unter extremen Erwartungsängsten», sagt Eckhardt-Henn. Durch die Sorge, erneut schwindlig zu werden, entstehe sofort das Drehen im Kopf, beschreibt sie den Teufelskreis. «Das ist eine extrem große Belastung, die meistens zu starkem sozialem Rückzugsverhalten führt.» Betroffene leiden zudem häufig unter Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. In schweren Fällen sei der Schwindel so massiv, dass die Betroffenen ihren Beruf nicht mehr ausüben können.

rzf/ham/news.de/dpa

Empfehlungen für den news.de-Leser