Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann - 04.07.2009, 09.00 Uhr

Schrittzähler: Mit Vorsicht zu genießende Motivatoren

Um sich zu mehr Bewegung zu motivieren, greift mancher zum Schrittzähler. Sogar ein Videospielunternehmen will damit mobil machen. Doch was nützen die kleinen Begleiter? News.de sprach darüber mit Sportmediziner Mirko Brandes.

Schrittzähler können zu mehr Bewegung motivieren. Doch man sollte sich nicht überfordern. Bild: ddp

Herr Brandes, was bringen Schrittzähler?

Brandes: Das kommt darauf an, wie und welches man einsetzt. Es gibt Geräte für fünf bis zehn Euro. Doch das sind eher Spielzeuge, die nicht sehr genau sind. Schrittmesser mit Beschleunigungssensoren werden dagegen wissenschaftlich eingesetzt. Deren Preis bewegt sich im dreistelligen Bereich. Damit kann man beispielsweise bei adipösen Kindern schauen, ob sie sich mehr bewegen, oder aber auch bei Patienten, die ein neues Kniegelenk bekommen haben, prüfen, ob sie nach der Operation die Gelenke stärker belasten.

Bewegung ist gesund. Doch wie viele Schritte sollte man pro Tag gehen?

Brandes: Eine allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht. In der Tat weiß man heute noch nicht, was ein guter Durchschnitt wäre. Zumal es nicht auf die Schrittzahl, sondern auf den Energieverbrauch ankommt, der bei jedem Menschen anders ist. An der Universität Bremen erforschen wir das gerade und achten besonders darauf, welche Rolle das Geschlecht und die Altersgruppe spielen.

Wenn man das nicht genau weiß, was nützt dann ein Schrittzähler?

Brandes: Gehen ist die häufigste Fortbewegungsart und deshalb schon ein wichtiger Indikator. Aber wenn man sich nebenbei noch anders bewegt, also schwimmt oder Rad fährt, dann fällt das bei Schrittzählern hinten runter. Gesunde Bewegung auf Schritte zu reduzieren, greift also zu kurz. Man kann Schrittzähler, auch die billigen dazu nutzen, seine Schritte zu steigern. Prozentual macht es sich schon bemerkbar, wenn man mehr läuft. Mit den Geräten kann man sich selbst motivieren.

Wer einen Schrittzähler mit sich herumträgt, orientiert sich meist an den vielfach «empfohlenen» 10.000 Schritten. Ist das ein guter Wert?

Brandes: Studien zeigen, dass der Durchschnittswert von Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren bei 13.000 Schritten liegt. Ob dieser Wert erstrebenswert ist, kann die Wissenschaft noch nicht belegen. Vielleicht ist es auch schon zu viel. Ich warne allerdings davor, sich an den Schrittwerten zu orientieren, die aus den USA herüber schwappen. Europäer haben ein ganz anderes Bewegungsverhalten.

Was bringt es also, jemandem einen Schrittzähler in die Hand zu drücken?

Brandes: Das kommt auf die Person an. Wenn es sich um jemanden handelt, der bislang nur 5000 bis 6000 Schritte täglich macht, dann wird man die Person eher demotivieren. Und es bringt auch nichts, wenn man sich mit so einem Gerät vornimmt, jeden Tag 1000 Schritte mehr zu gehen. Es ist besser, sich stückweise zu steigern und die Einstiegshürde niedrig anzusetzen.

Wie groß sollte die Steigerung sein, vielleicht 1000 Schritte zusätzlich pro Woche?

Brandes: 1000 Schritte in einem Monat ist realistischer. Manche Leute brauchen länger. Wichtig ist, dass es eine Rückmeldung gibt, wie viel man überhaupt geschafft hat. Das geht auch mit einem Billigactimeter, selbst wenn deren Messfehler zu groß sind. Aber mit diesen Geräten den Richtwert von 10.000 Schritte täglich zu messen, funktioniert nicht.

Manche dieser Geräte messen auch die Zahl der Schritte innerhalb einer Minute. Wie sinnvoll ist das?

Brandes: Die Schrittfrequenz ist ein Indikator für das Tempo. Auch da versucht die Forschung noch zu identifizieren, welcher Bereich optimal ist. Klar ist aber, dass mehr Energie verbraucht wird, je schnell man sich bewegt. Aber auch hier spielen individuelle Faktoren eine Rolle. Kleine Menschen haben eine höhere Schrittfrequenz als große, die sich im gleichen Tempo bewegen. Generelle Aussagen lassen sich nicht treffen.

Was halten Sie davon, Kindern einen Schrittmesser in die Hand zu drücken?

Brandes: Ich würde davon abraten, es sei denn, es ist vorher untersucht worden, ob sich ein Kind wenig oder viel bewegt. Ein Schrittmesser bedeutet Zwang. Kinder bewegen sich eher, wenn sie Spaß dabei haben. Noch schlimmer sind Systeme, die erfassen, wie viele Schritte gemacht wurden und das dann in Minuten umrechnen, wie viel Fernsehen dann geguckt werden darf. Das ist kontraproduktiv.

Wirkt es sich denn negativ auf die Psyche eines Kindes aus, wenn man es per Schrittzähler zu mehr Bewegung fordert?

Brandes: Das ist durchaus möglich. Aber wie sehr, ist unklar. Deshalb sollte man da entsprechend vorsichtig sein. Wenn man Kindern ein solches Gerät gibt, dann sollten die Eltern auch eines bekommen und mit gutem Beispiel vorangehen. Tatsache ist, dass es da, wo Eltern ihren Kindern viel Bewegung vorleben, keine Probleme mit Bewegungsmangel gibt.

Dr. Mirko Brandes ist Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bremen. Er forscht dort unter anderem zu den Vor- und Nachteilen von Techniken, mit denen sich Bewegung im Alltag erfassen lässt.

kat

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