Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 09.01.2009, 10.53 Uhr

Parkinson: «Den Kampf kann niemand gewinnen»

Fast 200 Jahre nach seiner Entdeckung gilt Parkinson immer noch als unheilbar. Ilona Börner ist eine von 400.000 Menschen in Deutschland, die unter der Krankheit leiden. Weltweit sind mehr als eine Million Menschen betroffen. Tendenz steigend.

Der Hirnschrittmacher wird unterhalb des SchlĂŒsselbeins eingesetzt und ist mit Sonden verbunden, die zum Gehirn fĂŒhren. Bild: dpa

Das Kribbeln kommt völlig unerwartet. Ilona Börner sitzt mit Kollegen aus der Schule zusammen, es geht um Noten, ProblemschĂŒler und Lehrinhalte. Plötzlich zuckt es unter ihrer Gesichtshaut. «Ich habe einen Schlaganfall», sagt sie zu einer Kollegin. Angst ĂŒberkommt sie.

Ilona Börner geht zum Arzt, der jedoch nichts feststellen kann. Die Angst, ernsthaft erkrankt zu sein, bleibt. Hinzu kommt das GefĂŒhl, nicht ernst genommen zu werden. «Ich bin von Pontius zu Pilatus gerannt», sagt die 48-JĂ€hrige, doch auf eine eindeutige Diagnose wartet sie vergebens. Erst ein halbes Jahr spĂ€ter erfĂ€hrt sie die bittere Wahrheit: Sie hat Parkinson.

Parkinson ist neben Alzheimer eine der hĂ€ufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Rund 400.000 Menschen in Deutschland sind nach Angaben der Deutschen Parkinson-Vereinigung davon betroffen. GeschĂ€tzte 100.000 Menschen haben erste Symptome, ohne es zu wissen. «Es ist daher sehr wichtig, dass die Parkinson-Krankheit mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit rĂŒckt», heißt es auf der Internetseite der Vereinigung (www.parkinson-vereinigung.de).

Meist treten die ersten Symptome im Alter von 50 bis 60 Jahren auf. FĂŒnf bis zehn Prozent der Patienten sind allerdings jĂŒnger als 40. Bisher ist es nicht möglich, einen an Parkinson erkrankten Patienten zu heilen. Die Therapie zielt daher auf die Krankheitszeichen und Begleiterscheinungen ab.

Ilona Börner ist seit Anfang 2000 Patientin von Professor Dr. Johannes Schwarz, Parkinsonspezialist an der Neurologischen Klinik und Poliklinik der UniversitĂ€t Leipzig. Den Tag, an dem Professor Schwarz ihr erklĂ€rt, dass sie unter Parkinson leidet, kann Ilona Börner nicht vergessen. Es ist der 14. April 2000, der ihr Leben verĂ€ndert. Ilona Börner ist gerade einmal 39 Jahre alt. «Entweder Du kĂ€mpfst oder Du lĂ€sst Dich gehen», sagt die PĂ€dagogin. Sie unterrichtet Englisch und Biologie. Sie weiß, dass sie die Krankheit nicht mehr loswird. Muhammad Ali, der Boxer, hat auch Parkinson. Ihn sieht sie vor sich: hilflos, bewegungsstarr, sprachlos. Sie entscheidet sich fĂŒr den Kampf. «Aber den Kampf kann niemand gewinnen», sagt sie.

Lesen Sie auf Seite 2, was Parkinson mit den Patienten macht

Parkinson verĂ€ndert die BewegungsablĂ€ufe der Betroffenen. Die Bewegungen verlangsamen sich (Akinese), die Muskulatur versteift (Rigor), die HĂ€nde zittern (Tremor). Die Patienten haben Probleme, das Gleichgewicht zu halten, sie sprechen leise, die Mimik erstarrt, der Gang ist schleppend. Ursache fĂŒr diese Symptome ist eine Störung in einem kleinen Teil des Gehirns, der «schwarzen Substanz» (Substantia nigra).

In diesem Hirnareal wird bei einem gesunden Menschen der Botenstoff Dopamin gebildet, der ebenso wie die Botenstoffe Acetylcholin und Glutamat Informationen von einer Nervenzellen zur nĂ€chsten ĂŒbertrĂ€gt. Das Gleichgewicht dieser Botenstoffe ist Voraussetzung fĂŒr gut koordinierte Bewegungen. Bei Parkinson-Patienten entsteht durch das Absterben von Nervenzellen ein Mangel an Dopamin in der Substantia nigra, womit die harmonische Steuerung der Bewegung gestört ist.

Es ist ein einsamer Kampf, den Ilona Börner auf sich nimmt. Kollegen, SchĂŒler, Bekannte sollen nicht merken, dass sie Parkinson hat. Das geht eine Weile gut – mit Hilfe der Tabletten, welche die Leipzigerin einnimmt, um den Dopamin-Mangel in ihrem Gehirn auszugleichen. Solange sie wirken, erlebt sie fast normale, bewegungsreiche Stunden. Setzt die Wirkung aus, werden die Beine schwerer, MĂŒdigkeit schleicht sich ein.

Beim Einkaufen im Supermarkt bleibt sie plötzlich wie festgewurzelt vor dem Lebensmittelregal stehen. Ein anderes Mal verspĂŒrt sie eine innere Unruhe, weiß nicht, wie sie Beine und Arme ruhig halten soll. Freunde reagieren genervt: «Nun zappele doch nicht so!» Ihre SchĂŒler sind verwundert: «Frau Börner, nun bleiben Sie doch mal ruhig stehen!» Fremde schauen sie empört an, halten sie fĂŒr eine Alkoholikerin. Parkinson erweist sich als der stĂ€rkere KĂ€mpfer; um gegen diesen Gegner zu bestehen, muss Ilona Börner die Dosis ihrer Medikamente stetig steigern. Sie magert auf 50 Kilo ab. So kann es nicht weitergehen.

Lesen Sie auf Seite 3, wie Ilona Börner das Bohren in der SchĂ€deldecke ĂŒbersteht

Sie ist skeptisch, als Professor Schwarz das erste Mal von der Tiefen Hirnstimulation spricht. Zu riskant erscheint ihr der Eingriff in das Gehirn, den Sitz der Emotionen und der Sprache. «Was ist, wenn ich die Sprache verliere, wenn ich anschließend ein anderer Mensch bin?» Zweifel und Angst quĂ€len Ilona Börner. Dennoch entschließt sie sich im Herbst 2007 zu der Operation. Endlich ist sie wieder optimistisch, kann den Termin kaum erwarten.

Am 27. Februar 2008 wird sie ein anderer Mensch. Der Eingriff dauert mehr als sieben Stunden. Ilona Börner ist bei vollem Bewusstsein; lediglich ihr SchĂ€del wird lokal anĂ€sthesiert, damit die Ärzte den Erfolg der Operation jederzeit kontrollieren können. Sie hört das Klirren des OP-Bestecks, die GesprĂ€che zwischen Ärzten und Schwestern, das Absaugen des Blutes aus ihrem Gehirn, das Bohren in die SchĂ€deldecke, das ihren ganzen Körper vibrieren lĂ€sst.

Die Mediziner implantieren Elektroden in den Teil des Gehirns, der fĂŒr die Bewegungsstörungen verantwortlich ist. Die dĂŒnnen DrĂ€hte werden von der SchĂ€deldecke entlang der Halsmuskulatur mit einem Impulsgeber verbunden, der unter Ilona Börners SchlĂŒsselbein sitzt. Dieser Schrittmacher gibt regelmĂ€ĂŸig schwache StromstĂ¶ĂŸe ab, welche die Hirnregion reizen und die ĂŒberaktiven Nervenzellen lahm legen. Er muss stĂ€ndig nachjustiert werden. Eine Prozedur.

Ilona Börner sagt, sie sei nach der Operation ein anderer Mensch geworden. Aufbrausender, direkter, hĂ€rter zu sich und anderen. Sie spreche leiser als vorher, sagt sie. Und das Schreiben will auch noch nicht klappen. Der Heilungsprozess braucht seine Zeit. Eine Narbe unter der linken Brust erinnert Ilona Börner an den Eingriff – und an die Schmerzen. Sie wĂŒrde es trotzdem jederzeit wieder machen lassen und jedem Betroffenen empfehlen, sagt sie. Der Parkinson ist ihr kaum noch anzumerken. «Aber er ist noch da», sagt Ilona Börner. Der Kampf ist noch nicht zu Ende.

news.de

Empfehlungen fĂŒr den news.de-Leser