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Von news.de-Redakteur Cord Krüger - 10.08.2011, 13.12 Uhr

Übergewicht im Film: Hollywoods großes Fressen für die Rollen

In der Glitzerwelt von Hollywood regiert das eiserne Diktat der Topfigur. Übergewicht ist dort eine darstellerische Disziplin. Aber wieso gibt es kaum dicke Schauspieler, während die Rolle eines Übergewichtigen nicht selten mit einem Oscar belohnt wird?

Als James Bond 1964 gegen Auric Goldfinger antrat, sah sich der von Sean Connery verkörperte Superagent einem Herrn mit Wohlstandsbauch gegenüber. Gert Fröbe war eindeutig übergewichtig - und niemand nahm Anstoß daran.

Heute dokumentieren Paparazzi nicht nur jede Abweichung eines Darstellers vom Idealgewicht. Das Zunehmen vor - und fast mehr noch das Abnehmen nach - einer Rolle wird zum öffentlichen Schauspiel neben dem Schauspiel. Über den roten Teppich geht man dann zur Premiere seines Films selbstverständlich wieder gertenschlank. Warum ist das so? Was hat sich in den Jahrzehnten seit Goldfinger geändert? 

Grundsätzlich gibt es in Hollywood-Filmen drei Arten übergewichtiger Filmfiguren: solche, bei denen aufpolsternde Ganzkörperanzüge, sogenannte Fatsuits, zum Einsatz kommen. Solche, für die ein Darsteller eigens zunimmt. Und schließlich solche, die von tatsächlich Übergewichtigen gespielt werden.

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Dicke Schauspieler sind eine rare Spezies. Früher waren stämmige Darsteller so normal wie kleine, große, rothaarige und hagere: Orson Welles, Marlon Brando oder Stummfilmikone Emil Jannings. Doch mit der Zeit wurden sie aus ernsthaften Rollen mehr und mehr ins Klamaukfach abgedrängt.

Ob John Candy, Bud Spencer oder Jack Black: Ihre Figuren bleiben zumeist reduziert auf das Merkmal ihrer Beleibtheit - der Dicke als Kuriosität. Als einem der Letzten gelingt es John Goodman (Barton Fink, Treme) regelmäßig, auch anspruchsvolle Rollen zu ergattern. Auch wenn Gabourey Sidibe als dicke Analphabetin in Precious für einen Oscar nominiert wurde, besitzen das meiste Prestige solche Parts, in denen die Gewichtszunahme zur Rollenvorbereitung gehört.

Übergewicht wird in Hollywood nicht als körperliche Eigenschaft belohnt, sondern als darstellerische Leistung. Im gleichen Maße, in dem - parallel zur gesamtgesellschaftlichen Gewichtszunahme - in Hollywood die Nachfrage nach übergewichtigen Schauspielern sank, stieg das Renommee übergewichtiger Filmcharaktere. Dick sein wird abgelehnt, einen Dicken zu spielen hingegen gefeiert.

Futtern und Hungern für den Oscar

Tatsächlich waren und sind viele Schauspieler zu drastischen physischen Veränderungen bereit: Für seine Rolle als abgehalfterter Boxer in Wie ein wilder Stier legte Robert de Niro 27 Kilo zu, Charlize Theron für Monster und George Clooney für Syriana jeweils 14 Kilo. Alle drei wurden mit einem Oscar belohnt. Je über 30 Kilo futterten sich Vincent D'Onofrio als teigiger Rekrut in Full Metal Jacket und Jared Leto als Attentäter John Lennons in Chapter 27 an.

Gewichtsabnahmen für Filme werden demgegenüber eher gering geschätzt. Vielleicht weil Unter- im Gegensatz zu Übergewicht fast nie harmloser wirkt, als es ist. Als IRA-Häftling im Hungerstreik verlor Michael Fassbender für Hunger über 18 Kilo, Tom Hanks als Aids-Kranker in Philadelphia 25 Kilo und Christian Bale für The Machinist 28 Kilo. Als ausgemergeltes Psychowrack wog Bale nur noch 54 Kilo. Hätten seine Ärzte es ihm nicht verboten, hätte er sich auch bis auf unter 50 Kilo gehungert.

So extrem wie Bale bringt wohl kein anderer Hollywood-Schauspieler sein Gewicht als darstellerisches Mittel zum Einsatz: Im Anschluss an The Machinist drehte er Batman Begins. Zur Vorbereitung brachte Bale sich nicht nur wieder auf sein Normalgewicht, sondern legte noch 18 Kilo an Muskeln oben drauf. In fünf Monaten hatte er sein Gewicht annähernd verdoppelt.

Zur schauspielerischen Leistung gehört die Rückkehr zum von Hollywood vorgegebenen Idealgewicht dazu. Deshalb war Renée Zellweger so eifrig darauf bedacht, nach ihrer Verkörperung der Bridget Jones die Figur ihrer Figur so schnell wie möglich abzulegen. Wer dick bleibt, wird im Filmbetrieb geächtet. Kirstie Alley konnte im Medienzirkus nur wieder Fuß fassen, weil sie den Kampf gegen ihre Extrapfunde zum Mittelpunkt der Sitcom Fat Actress machte.

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Warum Dicksein als Illusion verkauft wird

Übergewicht hat sich im modernen Film von einer beliebigen Eigenschaft eines Darstellers zur beherrschenden Eigenschaft eines Charakters gewandelt. Das erklärt auch, wieso Fatsuits hauptsächlich in den miesesten Schundkomödien eingesetzt werden: Die schauspielerische Leistung ist bescheiden, der Effekt, Übergewicht als lustige Monstrosität auszustellen, hingegen maximal.

Je üppiger der Fatsuit, desto schlechter der Film. Diese Faustregel untermauern eine ganze Reihe unterirdischer Klamotten von Big Mama's Haus bis hin zu Familie Klumps und der verrückte Professor. Die Fatsuits von Robin Williams in Mrs. Doubtfire oder Nicholas Cage in Adaption nehmen sich dagegen geradezu subtil aus. Kein Wunder: Ihre Figuren sollten auch nicht der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Kino und Fernsehen spiegeln nicht die realen Gewichtsverhältnisse der westlichen Gesellschaften wider. Sie zeigen eine Welt, in der Menschen eher zu dünn sind als zu dick sind, eine Welt, in der Schauspieler ihr Gewicht scheinbar ebenso beliebig kontrollieren und verändern können wie ihr Aussehen mit Perücken und falschen Bärten, und in der extremes Übergewicht nicht traurig, sondern lustig wirkt.

Eine dicke Filmfigur muss darum immer künstlich wirken: Sei es durch die medienwirksame Inszenierung des Schauspielers während seines Zunehmens zur Rollenvorbereitung, sei es durch einen möglichst plumpen Fatsuit. Hollywood verkauft einem in weiten Teilen übergewichtigen Publikum Dicksein als Illusion. Und deswegen hätte ein Gert Fröbe heute in der Traumfabrik keine Chance mehr. Sein Bauch wäre zu echt.

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juz/wie/news.de

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