Hohe Spritpreise: Weg mit der 12-Uhr-Tankregel? Was für Verbraucher am günstigsten wäre
Längst nicht alle sind mit der 12-Uhr-Regelung zufrieden - die Kritik an der Regel wird lauter. Bild: picture alliance/dpa | Andreas Arnold
Von news.de-Redakteur Felix Schneider
30.06.2026 16.15
- Vor drei Monaten ist die 12-Uhr-Regel an Tankstellen in Kraft getreten
- FDP-Chef Wolfgang Kubicki fordert die Abschaffung der Regelung
- Mit dem 1. Juli endet zudem der Tankrabatt, was die Preise destabilisieren könnte
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11.54 Uhr an einer Tankstelle. Vor den Zapfsäulen warten mehrere Autos. Manche Fahrer wollen offenbar noch vor 12 Uhr tanken - denn dann darf die Station ihre Preise zum einzigen Mal an diesem Tag erhöhen. Szenen wie diese spielen sich inzwischen überall in Deutschland ab - immer pünktlich kurz vor 12 Uhr. Wer vorher tankt, trifft deshalb häufig auf niedrigere Preise als wenige Minuten später.
Grund dafür ist die sogenannte "12-Uhr-Tankregel", die mit dem 1. April in Kraft trat. Knapp drei Monate nach ihrer Einführung fällt die erste Bilanz widersprüchlich aus: Die Preise sind berechenbarer geworden, gleichzeitig erreichen die Unterschiede im Tagesverlauf Rekordwerte. Nun fordert FDP-Chef Wolfgang Kubicki die sofortige Abschaffung der Tankregel. Doch ist die Kritik berechtigt? Macht die 12-Uhr-Regel das Tanken tatsächlich teurer - oder sorgt sie trotz ihrer Schwächen für mehr Transparenz?
Wolfgang Kubicki fordert sofortige Abschaffung der Regel
Der ADAC kritisiert das nach österreichischem Vorbild eingeführte Modell scharf und bezeichnete es bereits im April als praktisch wirkungslos. Eine aktuelle Auswertung von mehr als 14.000 Tankstellen zeigt, wie stark die Preise inzwischen im Tagesverlauf schwanken: Im Mai lagen zwischen dem günstigsten und dem teuersten Zeitpunkt eines durchschnittlichen Tages bei Super E10 14,6 Cent je Liter, bei Diesel sogar 18,4 Cent. Für beide Kraftstoffsorten sind das Rekordwerte. Der Automobilclub sieht darin einen Hinweis darauf, dass die Regel zusätzliche Preisaufschläge begünstigt. Ob Autofahrer dadurch über den gesamten Tag betrachtet tatsächlich mehr bezahlen, lässt sich aus den Zahlen allein jedoch nicht ableiten.
Wie deutlich der Preissprung um 12 Uhr an einzelnen Stationen ausfallen kann, zeigt jedoch eine Stichprobe öffentlich verfügbarer Tankerkönig-Daten. Untersucht wurden fünf Leipziger Tankstellen in einem abgeschlossenen 24-Stunden-Zyklus vom 28. Juni, 12 Uhr, bis zum 29. Juni, 12 Uhr. An allen fünf Stationen stiegen die Preise für Super E10 und Diesel zwischen 11 und 12 Uhr deutlich. Der Aufschlag betrug im Median 19 Cent je Liter bei Super E10 und 25 Cent bei Diesel. Besonders groß fiel der Sprung bei einer HEM-Tankstelle in der Zweinaundorfer Straße aus: Dort verteuerte sich Super E10 innerhalb einer Stunde um 24 Cent je Liter. Bei einer Aral-Tankstelle in der Max-Liebermann-Straße stieg der Dieselpreis um 27 Cent.
Bis 17 Uhr lagen die Preise an allen untersuchten Stationen allerdings wieder unter ihrem jeweiligen Mittagsniveau. Die kleine Stichprobe ist wegen der begrenzten Zahl an Tankstellen und des kurzen Zeitraums nicht repräsentativ. Sie veranschaulicht aber den neuen Preisrhythmus: Kurz vor Mittag ist Kraftstoff vergleichsweise günstig, um 12 Uhr folgt ein deutlicher Sprung, anschließend sinken die Preise im Laufe des Nachmittags wieder.
Für FDP-Chef Wolfgang Kubicki reicht dieser Effekt bereits aus, um die Regel grundsätzlich infrage zu stellen. Gegenüber der "Bild" fordert er: "Die 12-Uhr-Regel sorgt für künstliche Preissprünge zur Mittagszeit und für Chaos an den Zapfsäulen. Weg damit!" Auch andere Organisationen bewerten die bisherige Wirkung kritisch. Der Verbraucherzentrale Bundesverband kommt etwa zu dem Ergebnis, dass die Regel bislang keine spürbare Entlastung gebracht habe. Eine sofortige und vollständige Abschaffung, wie Kubicki sie verlangt, fordern die Verbände bislang jedoch nicht.
Was steckt hinter der "12-Uhr-Regel"?
Vor Einführung der Regel konnten Tankstellen ihre Preise im Tagesverlauf wiederholt erhöhen. Für Autofahrer war dadurch nur schwer vorhersehbar, wann Kraftstoff besonders günstig sein würde. Die 12-Uhr-Regel sollte häufige Erhöhungen begrenzen und den Preisverlauf verlässlicher und transparenter machen.
Die Funktionsweise der Regelung ist dabei denkbar einfach: Tankstellenbetreiber dürfen ihre Preise für Benzin und Diesel nur noch ein einziges Mal pro Tag - exakt um 12 Uhr mittags - erhöhen. Preissenkungen hingegen sind jederzeit und beliebig oft erlaubt. Für Autofahrer hat dies zur Folge, dass der Kraftstoff in der Regel kurz vor der gesetzlichen Umstellung am späten Vormittag am günstigsten ist, während pünktlich um Mittag ein deutlicher Preissprung nach oben erfolgt.
Steigende Ölpreise: Darum wurde die Regelung eingeführt
Der Hintergrund: Im Zuge des Iran-Konflikts im Frühjahr 2026 kam es zu einer vollständigen Blockade der Straße von Hormus. Diese gilt als der wichtigste Chokepoint des globalen Energiemarktes, da durch die Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman rund 20 Prozent des weltweiten Erdölhandels sowie erhebliche Mengen an verflüssigtem Erdgas (LNG) transportiert werden. Durch die Blockade stiegen die Preise für Rohöl drastisch an.
Zeitweise erreichte der Preis für die Nordseesorte Brent Spitzenwerte von über 126 US-Dollar pro Barrel. Als Reaktion auf stark steigende Kraftstoffpreise beschloss die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket. Die 12-Uhr-Regel sollte dabei vor allem häufige Preiserhöhungen im Tagesverlauf begrenzen und den Markt für Autofahrer übersichtlicher machen. Erst durch diplomatische Annäherungen und ein im Juni beschlossenes, vorläufiges Abkommen zur teilweisen Öffnung der Straße von Hormus entspannten sich die Ölpreise wieder leicht.
Seit dem 1. Mai galt zusätzlich ein Tankrabatt, der jedoch mit dem 1. Juli endet. Mit dem Ende des Tankrabatts überlagern sich allerdings erneut mehrere Effekte. Steigende Steuern, internationale Produktpreise und die 12-Uhr-Regel wirken gleichzeitig auf den Preis. Welcher Faktor für welche Veränderung verantwortlich ist, dürfte daher zunächst noch schwieriger zu bestimmen sein.
Abschaffen oder nachbessern?
Für eine abschließende Bewertung reicht der Blick auf den Preissprung um Punkt 12 Uhr allein nicht aus. Entscheidend ist, ob Autofahrer über den gesamten Tag betrachtet mehr bezahlen als vor Einführung der Regel. Dazu müssten Tagesdurchschnittspreise, verkaufte Mengen und Einkaufskosten miteinander über längere Zeiträume hinweg verglichen werden. Ebenso wichtig ist die Frage, ob freie Tankstellen stärker belastet werden als große Ketten und ob sich die Regel auf dem Land anders auswirkt als in Großstädten.
Die politische Debatte beginnt damit erst. Eine vollständige Abschaffung würde den gebündelten Mittagssprung wahrscheinlich auflösen. Sie könnte jedoch dazu führen, dass Preiserhöhungen wieder über den gesamten Tag verteilt stattfinden und für Verbraucher schwerer vorhersehbar werden. Die Alternative wäre eine Nachbesserung: ein anderer Zeitpunkt, strengere Kontrollen oder eine genauere Begrenzung möglicher Aufschläge.
Ob die 12-Uhr-Regel gescheitert ist, lässt sich deshalb noch nicht allein an der Preistafel um Punkt Mittag ablesen. Klar ist aber: Die Regel hat das Tanken verändert - wer davon profitiert, bleibt jedoch weiterhin offen.
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