"Anlocken und Abzocken": Neue Studie deckt miese Strompreis-Masche auf

Wer seinem Stromanbieter treu bleibt, zahlt dafür einen hohen Preis – im Schnitt 47 Prozent mehr als Neukunden. Eine neue Studie beziffert den Schaden für deutsche Haushalte erstmals konkret: 11 Milliarden Euro allein im vergangenen Jahr.

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Eine Studie hat ergeben, dass Stromkunden oft einen hohen Preis dafür zahlen, wenn sie ihrem Stromanbieter treu bleiben. (Foto) Suche
Eine Studie hat ergeben, dass Stromkunden oft einen hohen Preis dafür zahlen, wenn sie ihrem Stromanbieter treu bleiben. Bild: AdobeStock / Jiri Hera
  • Milliarden-Mehrkosten: Stromkunden zahlten laut Studie 2025 rund 11 Milliarden Euro zu viel.
  • Treue wird teuer: Bestandskunden zahlen im Schnitt 47 Prozent mehr als Neukunden.
  • Großes Sparpotenzial: Ein Anbieterwechsel kann Haushalten bis zu 492 Euro im Jahr sparen.

Treue Stromkunden in Deutschland haben im vergangenen Jahr rund 11 Milliarden Euro zu viel bezahlt. Das geht aus einer aktuellen Studie von Octopus Energy und der RWTH Aachen hervor, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler werteten dafür erstmals tausende Preisanpassungsschreiben privater Haushalte aus.

Studie offenbart Preisschock für Stromkunden

Die Dimension ist enorm: Knapp drei Viertel aller deutschen Haushalte waren 2025 von dieser sogenannten "Treuestrafe" betroffen – das entspricht bis zu 30 Millionen Haushalten. Während Neukunden von günstigen Einstiegsangeboten profitieren, zahlen Bestandskunden im Durchschnitt 47 Prozent mehr für ihren Strom. Die Untersuchung liefert damit erstmals konkrete Zahlen zu einem Problem, das bislang schwer zu beziffern war.

Das Geschäftsmodell dahinter bezeichnen die Studienautoren als "Anlocken und Abzocken". Energieversorger werben Haushalte zunächst mit attraktiven Einstiegstarifen. Doch die Rechnung kommt später: Bei drei von vier untersuchten Verträgen steigen die Preise nach etwa 11 bis 14 Monaten deutlich an.

Der Aufschlag fällt dabei erheblich aus. Im Schnitt erhöhen sich die Tarife um 19 bis 24 Prozent. Bestandskunden zahlen letztlich durchschnittlich 13 Cent pro Kilowattstunde mehr als Neukunden – ein Preisunterschied von rund 47 Prozent. Die Studie zeigt damit ein systematisches Muster: Wer seinem Anbieter treu bleibt, wird dafür finanziell bestraft. Besonders brisant: Von den 11 Milliarden Euro Mehrkosten entfallen nur 4 Milliarden auf Kunden in der Grundversorgung. Der Großteil trifft Verbraucher bei wettbewerblichen Anbietern.

Wechsel spart bis zu 492 Euro im Jahr

Die finanziellen Auswirkungen für einzelne Haushalte sind beträchtlich. Wer bei einem wettbewerblichen Anbieter bleibt, könnte durch einen Tarifwechsel durchschnittlich 304 Euro jährlich sparen. Für Kunden in der Grundversorgung liegt das Einsparpotenzial sogar bei 492 Euro.

Die Energiekrise hat die Preisschere zwischen Neu- und Bestandskunden deutlich vergrößert. Zwischen 2018 und 2021 betrug die durchschnittliche Ersparnis bei einem Anbieterwechsel noch 121 bis 241 Euro. Heute ist dieser Betrag nahezu verdreifacht. Eine Rückkehr zum früheren Niveau ist laut der Untersuchung auch drei Jahre nach der Krise nicht absehbar.

Aktuelle Marktdaten des Vergleichsportals Strom-Report zeigen die Unterschiede konkret: Neukunden zahlen derzeit im Schnitt 25 Cent pro Kilowattstunde, Bestandskunden hingegen 31,2 Cent. In der Grundversorgung werden sogar 42,8 Cent fällig.

Pauschale Begründungen statt echter Transparenz

Die Studie offenbart erhebliche Informationsdefizite im deutschen Strommarkt. Während sich Neukundentarife eng an den Entwicklungen der Energiemärkte orientieren, steigen die Preise für Bestandskunden weitgehend unabhängig davon. In den Preisanpassungsschreiben verweisen Anbieter häufig pauschal auf "Beschaffung und Vertrieb" – ohne nachvollziehbaren Bezug zur tatsächlichen Marktlage.

Bastian Gierull, Deutschlandchef von Octopus Energy, übt scharfe Kritik an der Branche: "Der deutsche Strommarkt zerfällt immer mehr in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Während Versorger sich für Neukunden mit negativen Margen unterbieten, werden loyale Kundinnen und Kunden ausgenommen." Besonders problematisch sei, dass dies oft genau jene Menschen treffe, die es sich am wenigsten leisten könnten. Die Abzocke habe System und betreffe nicht nur einzelne unseriöse Anbieter, sondern die gesamte Branche.

Forderung nach politischem Eingreifen

Octopus Energy verlangt ein entschiedenes Handeln von Politik und Aufsichtsbehörden. Das Unternehmen fordert einen klar definierten Preisdeckel, der unverhältnismäßig hohe Tarife für wenig wechselaktive Kunden verhindern soll. Zudem müsse die Bundesnetzagentur die Preisunterschiede zwischen Neu- und Bestandskunden systematisch erfassen und regelmäßig veröffentlichen.

Als konkreten Vorschlag nennt Octopus Energy, den aktuellen Neukundenpreis auf jeder Stromrechnung auszuweisen. Außerdem solle die Grundversorgung künftig regelmäßig ausgeschrieben werden, statt automatisch beim örtlichen Anbieter zu verbleiben.

Als Vorbild dient Großbritannien, wo die Regulierungsbehörde die "Treuestrafe" bereits überwacht. "Wir brauchen einen Systemwandel", betont Gierull. Es reiche nicht mehr, Verbraucher lediglich zum Wechseln aufzurufen und sie dann ihrem Schicksal zu überlassen.

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