Von news.de-Redakteur Björn Menzel, Gardelegen - Uhr

Ikea verlegt Produktion ins Ausland: Ein Leben für das Billy-Regal - jetzt ist es vorbei

Nach 27 Jahren beendet Ikea die Produktion des berühmten Billy-Regals in Sachsen-Anhalt und verlegt sie in die Slowakei. 178 Arbeiter bangen um ihren Job. News.de hat Beate Teitge begleitet: in ihren letzten Stunden mit Billy nach 21 gemeinsamen Jahren.

Beate Teitge demonstriert für den Erhalt der Billy-Regal-Produktion in Deutschland. (Foto) Suche
Beate Teitge demonstriert für den Erhalt der Billy-Regal-Produktion in Deutschland. Bild: news.de

Um die Dimension zu begreifen, braucht es einige Zahlen.
2000 Regale am Tag.
5 Tage in der Woche.
45 Wochen im Jahr.
21 Jahre lang.

Wer alle diese Zahlen multipliziert, weiß ungefähr, wie viele Billy-Regale Beate Teitge bereits berührt hat. Sie selbst hat diese Rechnung noch nie aufgemacht. Sie kennt das Ergebnis nicht. Sie weiß nur, dass es ihr bisheriges Arbeitsleben beschreibt. Und sie weiß, dass sie in Zukunft nie wieder ein Billy-Regal anfassen wird. Sie führte ein Leben für das Billy-Regal - in der kommenden Woche ist es zu Ende.

Beate Teitge ist 38 Jahre alt, sie hat blonde kurze Haare und ein leicht gebräuntes Gesicht. Sie hat einen Freund und eine vierjährige Tochter. Und sie arbeitet bei der Firma Swedwood in Gardelegen in Sachsen-Anhalt. Swedwood gehört zu 100 Prozent dem schwedischen Ikea-Konzern. An Standorten auf der halben Welt produziert Swedwood Möbel für die blau-gelbe Kultmarke mit den vier Buchstaben. «Ich war sehr stolz, für Ikea zu arbeiten", sagt Teitge.

Ikea verkörpert nach außen eine heile Welt. Der Konzern gibt sich familienfreundlich und spricht seine Kunden mit «du» an. Er wirbt im neuen Katalog mit neuen Tiefstpreisen und feiert in diesem Jahr den 30. Geburtstag von Billy. Das Regal ist Kult in der Ikea-Welt. Billy ist zu einem Synonym von Ikea geworden. Wohnst du noch, oder lebst du schon? Wer Billy hat, der lebt - praktischer, einfacher, stabiler. So schlicht will es die Werbung.

Am 9. Juli hat der Kult um das Regal einen Knacks bekommen. Die Versammlung dauerte genau 150 Sekunden. In diesen zweieinhalb Minuten informierte die Geschäftsleitung von Swedwood die 178 Mitarbeiter in Gardelegen darüber, dass Billy nicht mehr an diesem Standort produziert wird. Am 25. September ist endgültig Schluss. Nach 27 Jahren. Weiter geht es aller Wahrscheinlichkeit nach in der Slowakei. Beate Teitge ist fassungslos. Sie hat 21 Jahre lang das Billy-Regal mit hergestellt.

Mit acht anderen Frauen stand sie zusammen am Produktionsband. Die Neun haben das Regal verpackt. Ihre Arbeitsschritte waren: Pappkarton nehmen, Seitenflächen einlegen, Boden und Deckel drauf, Regalfächer, Bedienungsanleitung und Schrauben rein, etwas Füllmaterial, Pappkarton zu und fertig. Jede Stunde rotierten die neun Frauen, veränderten ihre Position am Band, damit es nicht ganz so eintönig wurde.

Beate Teitge erzählt das alles so, als ob es immer so weiter gehen könnte. Ihre Arbeit am berühmten Billy-Regal war für sie das Normalste auf der Welt. Sie hat lange nicht darüber nachgedacht. Auch nie, dass sie bereits vor 1989 für den westlichen Massenmarkt produziert hat. In der DDR gab es kein Ikea. Alle Regale aus Gardelegen waren für den Export bestimmt. Das ist heute noch so. Auch Form und Aussehen von Billy sind immer gleich geblieben. Verändert haben sich nur drei Dinge. Erstens: Die Stückzahl, die in Gardelegen gefertigt wurde. Sie stieg. Zweitens: Die Produktionsmaschinen wurden moderner und damit die Arbeit einfacher.

Die dritte Neuerung hat sich erst vor drei Wochen ergeben. Seitdem der Produktionsstopp bekannt geworden ist, bewachen Sicherheitsleute das Swedwood-Werksgelände in Gardelegen. Die Presse hat keinen Zutritt und bei Fotoaufnahmen reagiert der Wachmann mit winkenden Handbewegungen. Warum das so ist? «Die Unternehmensgruppe ist generell sehr zurückhaltend, wenn es um Werksbesuche geht», schreibt Swedwood-Sprecherin Ingrid Steén auf news.de-Nachfrage. Swedwood sei aber immer an einem Dialog interessiert und beantworte gern Fragen.

Ob Beate Teitge auch in Zukunft mit Billy-Regalen lebt?

Den Dialog suchen nun die Mitarbeiter selbst. Beate Teitge steht mit einer Liste in der Hand und sammelt Unterschriften. Sie ist zusammen mit 100 Kollegen zum Ikea-Haus an der Autobahn 9 zwischen Halle und Leipzig gefahren. Sie haben Trillerpfeifen dabei, Fahnen, Plakate und ein Megafon. Die Demo wird von Polizei und Ordnungsamt beobachtet. Vier Stunden haben die Gardelegener Zeit, um die Ikea-Kunden auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Zahlreiche Möbelkäufer bleiben staunend stehen, lesen die Plakate und Infozettel und unterschreiben auf der Liste von Beate Teitge. Eine Unterschrift für den Erhalt der Arbeitsplätze in Deutschland.

Warum verlegt Swedwood überhaupt die Produktion? «Sie ist in Gardelegen ausschließlich auf den Export ausgerichtet und beträgt derzeit nur 50 Prozent der Kapazitäten, die das Werk eigentlich hätte», so Sprecherin Steén. Es gebe eine globale Überproduktion an Billy-Regalen und auch bei Swedwood in Gardelegen. Die Frage, wie viele Regale Swedwood in Zukunft produzieren werde und wo die Produktionsstätte sein wird, konnte die Sprecherin nicht beantworten. Auch könne sie noch nicht sagen, wie es mit den Mitarbeitern in Deutschland weiter gehen soll. Es sollen alle Optionen geprüft werden.

Noch wurde niemandem gekündigt, doch es könnte bald soweit sein. Beate Teitge hat vor 21 Jahren eine Lehre beim damaligen Volkseigenen Betrieb (VEB) Möbelwerke Gardelegen begonnen. Ihr Gesellenstück war ein Schreibtisch aus Presspappe, seitdem baut sie Billy. Bis vor vier Jahren arbeitete sie in der Furnierabteilung, dann in der Verpackung. Bis heute. Ihr Dienst ist in drei Schichten eingeteilt. Entweder beginnt sie 6 Uhr, oder 14 Uhr, oder 22 Uhr. Jede Woche anders. Sie verpackt dann ungefähr 2000 Regale. An guten Tagen werden in Gardelegen bis zu 6500 Billys hergestellt.

Beate Teitge führte nicht nur ein Arbeitsleben mit Billy. In ihrer Wohnung stehen zwei Regale, im Keller steht eins. Billy ist universell einsetzbar. Auch wenn sich Beate Teitge von den eigenen Regalen vorerst nicht trennt, ein Ikea-Möbelhaus will sie nicht mehr betreten. «Das kann doch alles nicht wahr sein», sagt sie. Ikea verkaufe sehr viel in Deutschland, nur produzieren wolle man hier nicht mehr. Vor wenigen Tagen ist der neue Katalog erschienen. Darin werben die Schweden mit dem 30. Geburtstag von Bill y in diesem Jahr. Doch feiern wird Beate Teitge nicht mehr.

Sie hat zusammen mit ihren Kollegen eine 50 Zentimeter hohe Torte aus Styropor gebastelt. Das ist der Geburtstagskuchen für Billy, der nun bei jeder Demo dabei ist. Sie steht für ein Erfolgsprodukt.

Um die Dimension zu begreifen:
2000 Regale mal 5 Tage mal 45 Wochen mal 21 Jahre.
Das sind knapp 9,5 Millionen Regale.
So viele Billys hat Beate Teitge bisher berührt, verpackt oder furniert.

hav/news.de

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