Fernsehen: Pop-Bibel oder manipulatives Blatt? – Dokus zu 70 Jahren "Bravo"

Für Generationen von Teenagern war sie ein Leitmedium. Nun ist die "Bravo" im Rentenalter und nicht mehr das, was sie einmal war – doch was machte sie aus? Zwei TV-Dokumentationen blicken zurück.

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Aktuelle Nachrichten rund ums Thema Fernsehen lesen Sie auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / Aliaksei

Als am 26. August 1956 die "Film- und Fernsehzeitschrift" mit dem Titel "Bravo" zum ersten Mal erscheint, ist das ein Meilenstein. Generationen von Jugendlichen erfahren darin, was ihre Stars sie wissen lassen wollen und holen sich Sextipps bei "Dr. Sommer".

Weil das in diesem Jahr 70 Jahre her ist, befassen sich nun zwei Dokumentationen mit dem Jugendmagazin. Sie stellen die Frage, was sie eigentlich war, diese Zeitschrift, die inzwischen nur noch einmal im Monat mit deutlich weniger Seiten erscheint - wegen Tiktok und so -, früher aber nicht nur ein Blatt unter vielen war, sondern das Leitmedium für Teenager im ganzen Land.

Pop-Bibel, Serviceheft oder Manipulation?

War "Bravo" eine Pop-Bibel? Ein Serviceheft für Jugendliche, die sich nicht trauten, ihre Eltern nach Petting zu fragen? Oder ein manipulatives Boulevard-Blatt, das vor allem auf Inszenierungen setzte und zwei Dinge fördern wollte: eine wiederkehrende Leserschaft und Konsum?

Die erste Dokumentation, die schon am Samstag (17. Mai) auf RTL und online bei RTL+ zu sehen ist und "70 Jahre Bravo – Das große Jubiläum" heißt, erzählt vor allem die Geschichte der Pop-Bibel und des Servicehefts.

Sie geht weit zurück in der Geschichte und setzt auf Nostalgie, lässt etwa Uschi Glas in Erinnerungen schwelgen, Thomas Anders über seine Nora-Kette sprechen und den langjährigen Chefredakteur und Musikjournalisten Alexander Gernandt die Erfolge seines früheren Blattes aufzählen.

Erfundener "Rapper-Krieg"

Und Oli P. sagt in der Dokumentation: "Ohne die "Bravo" wäre ich nicht hier." Er erzählt aber auch, welche Rolle Inszenierungen in der Zeitschrift spielten, dass ein von der "Bravo" erfundener "Rapper-Krieg" mit Thomas D. von den Fantastischen Vier mit einer ebenso erfundenen Versöhnung endete zum Beispiel.

Das ehemalige Caught-in-the-Act-Mitglied Eloy de Jong spricht auch von einer "Schattenseite" des ""Bravo"-Märchens", als am Beispiel von Britney Spears thematisiert wird, was aus frühem Ruhm werden kann.

"Headlines, Hypes und Herzschmerz"

Kritischer als die RTL-Variante ist die dreiteilige ARD-Dokumentation "Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz", die vom 23. Mai an in der Mediathek zu sehen ist und sich vor allem mit der absoluten Hochphase der Zeitschrift auseinandersetzt: den 90er und frühen 2000er Jahren. Damals hatte "Bravo", heute auf eine (weitgehende) Online-Marke von vielen zusammengeschrumpft, eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren und wurde von noch viel mehr Jugendlichen gelesen.

Darin geht es auch um einen sexualisierten Blick auf junge Musiker, Boyband-Mitglieder und Mädchen, die von Journalisten gefragt wurden, ob sie denn nun endlich ihr erstes Mal gehabt hätten, und Schlagzeilen über sich lesen mussten wie "Blümchens Knospen blühen".

Blümchen: "Widerliche Formulierungen"

"Es gab wirklich widerliche Formulierungen", sagt Sängerin Jasmin Wagner, die in den 1990er Jahren das Teenie-Phänomen Blümchen ("Herz an Herz") war. Die Journalisten wären "alle gefeuert worden, wenn sie das heute geschrieben hätten", meint sie. Sie sagt aber auch: "Die "Bravo" war damals der direkte Draht zu den Herzen der Fans. Wer dort nicht stattfand, war praktisch unsichtbar."

"Die "Bravo" war das analoge Instagram, auf das man sich eine Woche lang gefreut hat", sagt Oli P. in der ARD-Doku. Ex-Boyband-Sänger de Jong denkt heute noch ungern an eine "Bravo"-Story, in der eine sich anbahnende Liebesgeschichte mit einem Fan inszeniert wurde - wohl auch, um von seiner Homosexualität abzulenken. Denn: "Mein Manager wollte keinen schwulen Jungen sehen in seiner Band".

Die Legende lautete damals, er habe das Mädchen bei einer Autogrammstunde entdeckt, es über die "Bravo" wiedergefunden und nach Amsterdam eingeladen. Heraus kam eine Foto-Love-Story, romantische Grachten-Fahrt inklusive. "Das Mädchen war gecastet", sagt der 53-Jährige. "Ich fand das peinlich."

Angelo Kelly spricht von gefälschtem Interview

Angelo Kelly ("An Angel") erzählt in beiden Dokumentationen, einmal sei ein Interview mit ihm gefälscht worden. Auf die Frage, für wen er das Lied "I Can't Help Myself" geschrieben habe, habe er geantwortet: "für ein Mädchen" - seine heutige Ehefrau. In der Zeitschrift habe aber später gestanden: "für meinen Vater". Die Begründung: "Das können wir so nicht machen. Die Mädels da draußen denken, der hat 'ne Freundin", sagt der 44-Jährige, der inzwischen seine eigene Kelly-Family gegründet hat. "Da war ich sauer."

""Zu haben" war das Erste, was ich auf Deutsch gelernt habe", erinnert sich der Niederländer de Jong. Es sei der "Bravo" wichtig gewesen, die Sehnsucht der Mädchen, die die Zeitschrift gekauft hätten und weiter hätten kaufen sollen, zu befeuern. Sein öffentliches Coming-out hatte er erst, nachdem er sich bei einer "Bravo Supershow" in seinen inzwischen gestorbenen Band-Kollegen Stephen Gately (1976-2009) von Boyzone verliebt hatte.

"Pop ist eine Illusion", meint Ex-Chefredakteur Gernandt. "Wir haben da - auch im Sinne der Fans - letztendlich geholfen, diese Illusion zu bewahren."

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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