Fernsehen: Überwältigend: Richard Gadds neue brutale Serie "Half Man"

Nach dem Erfolg von "Baby Reindeer" kommt die nächste schonungslose Miniserie von Richard Gadd. Im Zentrum steht die zerstörerische, brüderliche Beziehung zweier Männer über mehrere Jahrzehnte.

Erstellt von - Uhr

Aktuelle Nachrichten rund ums Thema Fernsehen lesen Sie auf news.de (Symbolbild). (Foto) Suche
Aktuelle Nachrichten rund ums Thema Fernsehen lesen Sie auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / Aliaksei

Mit der Serie "Baby Reindeer" - auf Deutsch: "Rentierbaby" - landete der schottische Comedian und Autor Richard Gadd einen Überraschungserfolg und gewann mehrere Golden Globes und Emmys.

In der beklemmenden Mischung aus Psycho-Drama und schwarzem Humor verarbeitete Gadd schonungslos persönliche Erfahrungen von Stalking und Missbrauch. Nun gibt es seine neue Miniserie "Half Man", in der er wieder eine der Hauptrollen spielt. Während "Rentierbaby" bei Netflix lief, ist "Half Man" nun bei HBO Max zu sehen (sechs Folgen; wöchentlich freitags bis 29.5.)

Ein unerwünschter Hochzeitsgast

Es sollte eigentlich der schönste Tag für Niall (Jamie Bell) werden. Doch auf seiner Hochzeit erscheint überraschend ein gefährlich wirkender Mann namens Ruben (Richard Gadd). Während die Gäste draußen tanzen, stehen sich die beiden Männer in einer Scheune gegenüber - der eher zierliche Niall in Jackett und Kilt, der muskulöse Ruben mit freiem Oberkörper, die Hände abgebunden wie vor einem Faustkampf.

Wie kam es zu dieser unbehaglichen Situation? "Half Man" nimmt das Publikum auf eine Zeitreise mit.

Richard Gadd und Jamie Bell spielen die zentralen Figuren, aber treten erst in der zweiten Hälfte von "Half Man" in den Vordergrund. In den ersten drei der sechs Folgen übernehmen Mitchell Robertson und Stuart Campbell als jüngere Versionen von Niall und Ruben die Hauptrollen.

Rückblick in die 80er Jahre: In einem tristen Kaff am Rande von Glasgow lebt Niall mit seiner verwitweten Mutter Lori (Neve McIntosh) und deren Lebensgefährtin Maura (Marianne McIvor).

In der Schule wird der schüchterne Junge schlimm gemobbt und lässt sich vieles gefallen. Es kommt noch dicker, als Mauras aufbrausender, gewalttätiger Sohn Ruben bei ihnen einzieht. Ruben wurde gerade aus einer Jugendstrafanstalt entlassen. Er hatte jemandem die Nase abgebissen.

Eine toxische Bruder-Beziehung

Kaum eingezogen, schmeißt Ruben Nialls Sachen weg, reißt dessen Poster von der Wand, und zwingt ihn, sich unterzuordnen. Doch als Ruben einen der Mitschüler verprügelt, die Niall regelmäßig gehänselt haben, beginnt zwischen den beiden eine Freundschaft.

Niall hilft Ruben, seine Prüfung zu bestehen. Ruben kümmert sich darum, dass Niall, den er abwertend Bambi nennt, seine Jungfräulichkeit verliert - einer von unzähligen unbehaglichen Momenten in "Half Man".

"Wir sind jetzt Familie", sagt Ruben. Doch es ist eine toxische Beziehung. Niall bewundert den älteren Ruben auf eine gewisse Weise, gleichzeitig ist er ihm ausgeliefert, weil er dem dominanten, aufbrausenden Schläger körperlich nichts entgegenzusetzen hat.

Mal wird er von Ruben in den Schwitzkasten genommen, in anderen Momenten ist sein "Brother from another Lover" - wie Ruben es formuliert - fast zärtlich. Aber dessen aufdringliche Nähe ist schon beim Zuschauen unangenehm.

Überhaupt ist "Half Man" von Beginn an beklemmend, manchmal quälend. Man möchte das eigentlich nicht miterleben - und doch ist man von der drastischen Geschichte fasziniert. Das liegt einerseits daran, dass Gadd ein besonderes Gespür für Figuren, Dialoge und Details hat. Andererseits liegt es an den grandiosen Leistungen der Schauspieler.

Dramatische Ereignisse werfen ihre Schatten voraus

Die Universität soll für den intelligenten Niall, der ein begabter Schreiber ist, ein Neustart werden. Ohne Ruben. Doch das neue Leben in einer WG mit den lebenslustigen Studentinnen Joanna (Julie Cullen) und Celeste (Philippine Velge) und dem selbstbewussten Einzelgänger Alby (Bilal Hasna) ist für Niall eine Herausforderung.

Schließlich ruft er wider besseres Wissen Ruben an. Dessen Ankunft in der WG setzt eine Reihe dramatischer Ereignisse in Gang, die Niall in eine schier ausweglose Lage bringen - und letztlich das Leben der beiden ungleichen Freunde bis in die Gegenwart prägen.

Über die Jahre trifft Niall immer wieder viele schlechte Entscheidungen und fällt in alte, selbstzerstörerische Muster zurück. Es gibt auch ein wenig Humor. Aber die Miniserie von Richard Gadd geht vor allem dahin, wo es wehtut - im Wortsinn. Nicht nur die drastischen Gewaltszenen sind schwer zu ertragen.

Deprimierende Geschichte mit furchteinflößendem Gadd

In "Rentierbaby" spielte Gadd das Opfer, in "Half Man" ist er der Täter, der gleichzeitig - das deutet sich immer wieder an - auch ein Opfer ist. Als muskulöser Schläger mit struppigem Bart, Topfschnitt und irrem Blick ist Gadd wirklich furchteinflößend. Und Jamie Bell steht das Leid ins Gesicht geschrieben. Nialls Verhalten - und auch das der anderen - ist dabei nicht immer nachvollziehbar und wirkt manchmal überzeichnet bis absurd.

"Half Man" ist eine ergreifende und verstörende Geschichte über destruktive Beziehungen, toxische Männlichkeit und emotionale Abgründe. Hier gibt es keine Gewinner. Jeder trägt ein Trauma mit sich. Es geht um Moral, Schuld, Loyalität und um sexuelle Identität. Das ist stellenweise überwältigend. Eine fesselnde, aber auch schwer verdauliche Charakterstudie.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

Weitere aktuelle News im Ressort "TV":

/roj/news.de

Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.