TV: Nachrichtenmüdigkeit: Wie Medien nach Lösungen suchen
Kriege und Daueralarm: Studien zeigen, dass immer mehr Menschen bewusst ihren Nachrichtenkonsum einschränken. Wie Medien neue Wege suchen, um sie trotzdem zu erreichen.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Nachrichten aus aller Welt sind heute jederzeit verfügbar – oft erreichen sie ihr Publikum auch beiläufig, etwa auf dem Smartphone oder im Vorbeigehen. Gleichzeitig wenden sich viele Menschen zumindest zeitweise bewusst von Nachrichten ab. Studien sprechen von sogenannter Nachrichtenvermeidung ("News Avoidance") – einem Phänomen, das in vielen Ländern beobachtet wird.
"Es ist keine kurzfristige Reaktion auf aktuelle Krisen, sondern eher eine längerfristige Entwicklung", sagt die Journalistin Anke Gehrmann, Projektmanagerin des Projekts "News Life Balance" der Hamburg Open Online University (HOOU), der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist kein Trend, der einfach wieder weggeht, sondern etwas, das auf ganz verschiedenen Faktoren beruht."
Verbreitung von Nachrichtenvermeidung
Der "Reuters Institute Digital News Report 2025" hatte festgestellt, dass immer mehr Menschen ganz bewusst Nachrichten aus dem Weg gehen. Das Leibniz-Institut für Medienforschung (Hans-Bredow-Institut) in Hamburg ist hiesiger Partner.
In der Umfrage haben 71 Prozent der erwachsenen Nutzerinnen und Nutzer des Internets angegeben, dass sie mindestens gelegentlich aktiv die Nachrichten vermeiden. 2024 waren es noch 69 Prozent gewesen.
Gründe für den Rückzug von Nachrichten
Das mit Abstand wichtigste Motiv der Nachrichtenvermeidung stellen dem Bericht zufolge die negativen Auswirkungen der Nachrichten auf die eigene Stimmung (48 Prozent) dar. 39 Prozent der Menschen, die Nachrichten vermeiden, geben an, dass zu viel über Kriege und Konflikte berichtet wird und dass sie von der Menge an Nachrichten erschöpft sind.
"Wenn Menschen sagen, sie vermeiden aktiv die Nachrichten, heißt das eben nicht, dass sie überhaupt keine Nachrichten mehr nutzen", erläutert Medienforscherin Julia Behre als Mitverfasserin des Reports. "Im Gegenteil, es geht dabei eher um das selektive Vermeiden von bestimmten Nachrichtenthemen oder Nachrichtenquellen oder Nachrichten zu bestimmten Uhrzeiten."
Auch Gehrmann betont, dass ein großer Faktor für Nachrichtenmüdigkeit ist, dass es keine abgegrenzten Nachrichtenzeiten mehr gibt. Früher hätte man etwa morgens die Zeitung und abends die "Tagesschau" gehabt. "Heute ist das komplett anders, man hat 24/7 Nachrichten überall", so Gehrmann.
Unterschiede zwischen Altersgruppen
Die Daten des "Reuters Institute Digital News Report 2025" zeigen auch Unterschiede zwischen Altersgruppen. Während ältere Teilgruppen ab 55 Jahren häufiger als Grund für Nachrichtenvermeidung angeben, dass zu viel über Kriege und Konflikte berichtet wird (49 Prozent), sagen 18- bis 24-Jährige anteilig etwas häufiger, dass sie von der Menge an Nachrichten erschöpft sind (43 Prozent), dass die Nachrichten für ihr Leben nicht relevant zu sein scheinen, und sie das Gefühl haben, mit den Informationen nichts anfangen zu können (jeweils 19 Prozent).
Seit 2012 untersucht der "Reuters Institute Digital News Report" jährlich in mittlerweile 48 Ländern generelle Trends und nationale Besonderheiten der Nachrichtennutzung. Pro Land wurden 2025 rund 2.000 Personen befragt.
"Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Realität in den Medien anders dargestellt wird als sie sie selbst erleben", erklärt Gehrmann. "Diese Diskrepanz führt zu einer Art Medienentfremdung. Nachrichten wirken dann weniger relevant für das eigene Leben."
Gehrmann warnt auch davor, Nachrichtenvermeidung nicht ernst zu nehmen. "Menschen, die sich nicht klassisch journalistisch informieren, sind anfälliger für Desinformation. Sie bleiben stärker in ihrer eigenen Blase", sagt sie. "Das kann auch Auswirkungen auf demokratische Prozesse und das Zusammenleben haben."
Gehrmann betont, dass es nicht den einen Nachrichtenvermeider gebe. "Manche vermeiden Nachrichten aktiv, andere eher passiv – zum Beispiel, weil sie wenig Zeit haben, etwa mit kleinen Kindern oder wenn sie Angehörige pflegen", so die Expertin. "Nachrichtenvermeidung ist immer sehr individuell und hängt stark davon ab, wie die eigene Lebensrealität aussieht."
Co-Autor des "Reuters Institute Digital News Report 2025", Sascha Hölig, betont, dass der gemessene Vermeidungsaspekt nichts zu genereller Nichtnutzung aussage. "Er drückt eher aus, dass Menschen auf ihr mentales Wohlbefinden achten." Sie würden sich informieren schon über die Weltlage und die Lage in Deutschland und auch über die lokale Lage informieren, aber eben nicht 20 Mal am Tag, sondern lieber alle zwei Tage.
Ansätze gegen Nachrichtenvermeidung
Doch wie können Medien auf Nachrichtenvermeidung reagieren? Ein Ansatz ist der Blick auf die Rolle lokaler Medien. So gibt es etwa den "Tag des Lokaljournalismus" - eine Brancheninitiative, bei der Medienhäuser und Organisationen auf die Bedeutung lokaler Berichterstattung aufmerksam machen. Dabei geht es auch um die Frage, wie Journalismus Menschen erreicht, die sich zunehmend von Nachrichten abwenden.
Ein weiterer Ansatz ist ein stärker lösungsorientierter Journalismus. Das Bonn Institute etwa beschäftigt sich mit Konzepten des konstruktiven Journalismus und arbeitet nach eigenen Angaben mit Medienhäusern wie etwa RTL Deutschland, der Deutschen Welle und der Rheinischen Post zusammen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie journalistische Berichterstattung neben der Darstellung von Problemen auch mögliche Lösungsansätze und deren Umsetzung einbeziehen kann.
"Konstruktiver Journalismus wird oft missverstanden als nur positive Nachrichten", sagt Gehrmann. "Dabei geht es darum, den gesamten Prozess abzubilden – vom Problem bis zu möglichen Lösungen." Diese Lösungen würden dabei nicht unkritisch übernommen, "das wäre PR oder Greenwashing, sondern genauso kritisch als Fakten geprüft, inwiefern sie übertragbar sind und wo auch ihre Grenzen sind". Ziel sei es, Orientierung zu geben und auch ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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