TV-News: "Klar"-Neustart beim NDR: Tanit Kochs Premiere zum Thema Polizei

Tanit Koch übernimmt beim NDR das Reportageformat "Klar". In ihrer ersten Sendung spricht sie über Gewalt gegen Polizisten und wie sie auf die Kritik an ihrer Vorgängerin Julia Ruhs blickt.

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Unterschriftenlisten und kritische Stimmen aus der Politik: Die Auftaktsendung des Reportageformats "Klar" im Jahr 2025 sorgte für viel Aufsehen und hitzige Debatten. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) entschied nach den Pilotfolgen, dass Julia Ruhs das Magazin nicht weiter für den Sender moderiert. Der Bayerische Rundfunk (BR) hingegen hält an ihr fest. Für den NDR übernimmt nun Tanit Koch, frühere Chefredakteurin der "Bild"-Zeitung.

Ihre erste Sendung zum Thema "Zielscheibe Polizei: Pöbeln, Hass und Gewalt" wird am Mittwoch um 22.00 Uhr im NDR und BR Fernsehen ausgestrahlt. Darüber hinaus ist sie ab Mittwochnachmittag in der ARD Mediathek und auf den YouTube-Kanälen NDR Doku und BR24 zu sehen.

Welche Akzente sie setzen will, wie sie auf die Debatte blickt und wie sie den Umgang mit ihrer Vorgängerin bewertet, erzählt die 48-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Frau Koch, am Mittwoch wird Ihre erste "Klar"-Sendung im NDR ausgestrahlt. Was hat Sie an dem Format besonders gereizt, als es letztes Jahr dann darum ging, dass Sie die Sendung des NDR übernehmen?

Antwort: Die Chance, zur Meinungsvielfalt im Öffentlich-Rechtlichen beitragen zu können. Ich fand die ersten drei Sendungen gut, weil es um relevante Dinge ging, die kein Dauerthema in den Medien sind, beispielsweise die Situation von Bauern in Deutschland. Ähnlich ist es bei "Zielscheibe Polizei: Pöbeln, Hass und Gewalt", also der ersten Klar-Folge in diesem Jahr.

Frage: Sie haben gerade schon das Thema Ihrer ersten Sendung angesprochen, es geht um Gewalt gegenüber der Polizei. Gibt es eine Szene oder eine Begegnung, die Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Antwort: Das Überraschendste für mich persönlich war, wie aggressiv dezidiert linke Kreise bei Demos nicht nur auf die Polizei, sondern auch auf ein ARD-Mikro reagieren. Als Journalist mit "Lügenpresse" und "Staatsfunk" beschimpft oder noch übler beleidigt zu werden, das kennt man von Rechtsaußen- und Querdenker-Events. Dass es auch bei Antifa und Linksvermummten im Trend liegt, war zumindest mir neu.

Frage: Sie sagen in der Sendung, dass Polizisten mehr aushalten müssen. Was meinen Sie damit?

Antwort: Ich habe zu Beginn der Recherchen länger mit dem Innenpolitiker Wolfgang Bosbach gesprochen, der betonte: Die Polizei ist kein Querschnitt der Bevölkerung, das Anforderungsprofil an den Beruf ist sehr hoch, es fallen viele Bewerber durch. Obwohl Polizeibeamte also über mehr Resilienz verfügen und dahingehend geschult werden, können physische Gewalt und verbale Attacken auf Dauer dennoch zu schweren Belastungsstörungen führen.

Frage: In der Sendung erzählt eine Polizistin, dass sie ihren Beruf im Alltag lieber verschweigt. Gleichzeitig erleben ja auch andere Berufsgruppen Anfeindungen, etwa Journalisten oder Politiker. Ist das bei der Polizei aus Ihrer Sicht etwas anderes?

Antwort: Ja. Journalisten und Politiker haben einen Beruf gewählt, der von Diskussionen lebt – denen entgeht man auch beim Grillabend nicht. Das kennen Mitarbeiter von Private Equity Unternehmen oder Drohnen-Startups sicher ebenfalls. Wenn mir aber ein Polizeibeamter im Hintergrund erzählt, dass seine Tochter an ihrem Gymnasium in einer Uni-Stadt lieber nicht sagt, was der Vater beruflich so macht – bei einer Aufgabe, die so viel Wertschätzung verdient –, das finde ich schon bemerkenswert.

Frage: Was glauben Sie denn, sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Antwort: Ich bin keine Soziologin. Vielleicht sind bestimmte Dinge für uns zu selbstverständlich geworden. Wenn es den meisten Menschen die meiste Zeit über gut geht, vergessen einige vielleicht, wie wichtig diejenigen sind, die helfen, wenn etwas schiefläuft. Covid-Maßnahmen durchsetzen zu müssen, die sich im Nachhinein teils als überzogen herausstellten, hat dem Image der Polizei wahrscheinlich auch nicht geholfen. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass das Bewusstsein wächst, was sich Polizisten im Alltag ständig anhören müssen.

Social Media ist da Fluch und Segen zugleich: Einerseits spielt einem der Algorithmus Clips ein, die Polizisten als übergriffig darstellen. Ohne den Kontext lässt sich das aber nicht beurteilen. Andererseits zeigen Videos, was Polizisten an Anfeindungen erleben. Etwas, was wir ohne Social Media wahrscheinlich nicht so mitbekämen.

Frage: Werden Polizisten und Polizistinnen aus Ihrer Sicht ausreichend geschützt?

Antwort: Eine Frage, auf die es viele Antworten gibt. Ein paar haben wir in der Sendung. Es ist, was die psychologische Nachsorge anbelangt, in den letzten Jahren viel passiert. Das ist, meist jedenfalls, auch kein Tabu mehr. Die Datenlage wiederum ist schlecht. Und was wir in unseren Gesprächen regelmäßig gehört haben, ist der Frust, den viele Polizisten darüber empfinden, dass die Justiz so lange braucht. Verfahren ziehen sich, werden eingestellt oder führen oft nicht zu Strafen, die als angemessenen eingeschätzt werden.

Frage: Sie übernehmen mit "Klar" ein Format, das 2025 nach einer Sendung zum Thema Migration scharf kritisiert wurde. Nach den Pilotfolgen entschied der NDR, Ruhs nicht mehr moderieren zu lassen, der BR hielt dagegen für seine "Klar"-Ausgaben an ihr fest. Wie haben Sie den Umgang mit Julia Ruhs und die Debatte damals empfunden?

Antwort: Zunächst ist das völlig an mir vorbeigegangen, und auch heute habe ich nur die Außensicht. Ich habe Monate später in der "FAZ" von der Kontroverse gelesen. Und dachte: Okay, ich ahne, dass mir die Sendungen gefallen. So war es auch. Kritik daran ist völlig legitim – auch an unserer. Perfektion im Journalismus existiert so wenig wie in den meisten anderen Bereichen. Es gibt keinen Text von mir, bei dem ich nicht im Nachhinein noch etwas ändern würde. Aber viele von uns denken sehr schnell in Schubladen. Und etwas "ein bisschen rechtsextrem" zu nennen, egal wie satirisch, nützt am Ende nur den echten Rechtsextremen.

Insofern hat das der Debatte nicht geholfen – und ich fand es auch Julia Ruhs gegenüber unfair. Als ich das Angebot des NDR erhielt, war die Entscheidung schon gefallen, dass sie das Format nur beim BR weitermacht. Wir wechseln uns ab, ihre nächste "Klar"-Sendung kommt am 29. April. Ich halte "Klar" für ein gutes journalistisches Format, das wir nun weiterentwickeln – mit dem Team war die Zusammenarbeit professionell in jeder Hinsicht bereichernd und hat noch dazu richtig Spaß gemacht.

Frage: Hatten Sie vor Ihrem Einstieg Kontakt mit Frau Ruhs?

Antwort: Ich kannte Julia zuvor nicht persönlich, habe mich dann aber sehr schnell bei ihr gemeldet. Das war mir wichtig, und wir tauschen uns gelegentlich aus. Ich schätze sie als Kollegin in einer Branche – und einer Gesellschaft –, die jedenfalls nicht unter zu viel Meinungsvielfalt leidet, sondern noch mehr davon braucht.

Frage: Worauf sind Sie nach der Ausstrahlung am meisten gespannt? Verfolgen Sie die Reaktionen darauf?

Antwort: Natürlich, auch wenn es nicht abwegig wäre, wenn sich manche schon eine Meinung gebildet haben, ohne die Sendung gesehen zu haben. Das gehört dazu. Es gibt aber Stimmen, deren Urteil ich sehr schätze – egal, ob positiv oder negativ. Auf die bin ich tatsächlich gespannt. Insgesamt finde ich: Uns ist eine gute Premiere gelungen, und wir haben mit dem Champions League Rückspiel Bayern gegen Real einen würdigen Quotengegner.

ZUR PERSON: Tanit Koch ist Journalistin und Moderatorin. Die frühere Chefredakteurin der "Bild"-Zeitung und der RTL-Zentralredaktion moderiert für den Norddeutschen Rundfunk Ausgaben des Reportageformats "Klar". Zuvor war sie unter anderem im Wahlkampfteam des früheren Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) tätig.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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