TV: 40 Jahre Tschernobyl - Der Super-GAU als Fernsehereignis
Vor 40 Jahren ereignete sich der Super-GAU in Tschernobyl. Im Fernsehen gibt es zum Jahrestag der bis heute spürbaren Atomkatastrophe gleich mehrere Dokus – eine mit deutschem Bezug sticht heraus.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Die Nuklearkatastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl steht auch 40 Jahre nach der verheerenden Reaktorexplosion für Angst und Schrecken. Der Super-GAU vom 26. April 1986 mit seinen tödlichen Folgen ist schon lange auch Film- und Fernsehthema. Zum 40. Jahrestag zeigen unter anderem ARD, ZDF und Arte Dokumentationen.
Der ARD-Film "Tschernobyl 86 – Der Super-GAU" von Volker Heise ("Gladbeck") gibt dabei einen besonderen deutschen Blick auf das Ereignis in der Ukraine kurz vor dem Zerfall der Sowjetunion (im Ersten linear am 13.4. um 23.05 Uhr; auch in der ARD-Mediathek ab 13.4.).
"Es ist ein einschneidendes Ereignis gewesen, etwas, das unser Leben, unseren Alltag komplett auf den Kopf gestellt hat", sagt Heise im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Ihn interessiere dabei, wie derartige Schock-Erlebnisse – als Beispiele nennt er auch die Corona-Pandemie oder die Wucht der Künstlichen Intelligenz – auf Gesellschaften wirken.
In seinem etwa anderthalbstündigen Film kommt Heise ohne Erzähler aus. Er lässt Bilder und Protagonisten sprechen. Was ihn bei der Recherche überrascht hat? Wie "krass unterschiedlich" in den beiden Teilen Deutschlands über die Katastrophe berichtet wurde. In der DDR gab es kaum Berichte, "fast alles, was es gibt, sehen sie in dem Film", sagt Heise. In der BRD hingegen war Tschernobyl Dauerthema mit Debatten um die Sicherheit der Atomkraft über Lebensmittelvernichtung bis hin zu den Protesten von Kernkraftgegnern.
Zwischen Verharmlosung in der DDR und Panikmache im Westen
Montiert ist die Doku ausschließlich aus Archivmaterial, das nicht nur spektakuläre Perspektiven auf den havarierten Reaktor zeigt. Zu sehen ist die lebensgefährliche Arbeit der Liquidatoren, die in provisorischen Schutzanzügen aufräumen in den Trümmern des Reaktors. Kaum zu ertragen sind die Aufnahmen der Strahlenopfer im Krankenhaus, deren Haut sich vom Körper löst.
Heise schneidet gegeneinander, wie die Öffentlichkeit in der Sowjetunion unter Generalsekretär Michail Gorbatschow und in der DDR einerseits und in der BRD andererseits mit der Nuklearkatastrophe umgeht. Im Osten Verharmlosung, im Westen Hysterie und Panikmache. Liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen? Heises Film überlässt das Urteil dem Zuschauer selbst.
Entstanden ist eine aufregende Reise in die Vergangenheit vor 40 Jahren. In der Nacht um 1.23 Uhr explodierte am 26. April 1986 der Reaktor 4 des Atomkraftwerks während einer Notfallübung. Bei dem Super-GAU wurde radioaktives Material kilometerhoch in die Luft geschleudert. Die Strahlen-Wolke breitete sich damals auch über weite Teile Westeuropas aus. Bis heute sind Böden durch Regenfälle mit radioaktiven Stoffen wie etwa Cäsium-137 belastet. Das Strahlengift kann Krebs und andere Krankheiten auslösen.
Zeitreise mit deutsch-deutschen Erinnerungen
Heises Zeitreise ist voll mit fast vergessenen Erinnerungen. Da ist Boris Jelzin, der spätere russische Präsident, der damals als strammer Moskauer Kommunist auf einem Kongress in Hamburg gegen eine "Spirale antisowjetischer Hysterie" wettert. Auch Carmen Nebel kommt vor, die vor ihrer Westkarriere als Moderatorin von Schlagersendungen im DDR-Fernsehen Ansagen machte.
Die Doku zeigt jene, die - wie der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer (Grüne) – die Stilllegung aller Atomkraftwerke fordern, und jene, die sich – wie der damalige Kanzler Helmut Kohl (CDU) - ungeachtet der Katastrophe für die Nutzung der Kernenergie aussprechen. Die Gegner siegten Jahrzehnte später, als Deutschland den Atomenergie-Ausstieg beschloss.
Zwar stellt Heise den Befürwortern der Atomkraft immer wieder auch Bilder der Vernichtung entgegen. Am Ende überlässt er auch hier das Urteil über Für und Wider dem Zuschauer. Es ist eine politische Doku ohne Belehrung.
Katastrophenreaktor im Ukraine-Krieg weiter in Gefahr
Die Katastrophe ist auch 40 Jahre danach Thema auf allen Kanälen. Beispiele: Das ZDF zeigt zum Jahrestag die vierteilige Miniserie "Tschernobyl – Die Katastrophe" von 2023. Und bei Arte läuft ab 14. April (20.15 Uhr) und in der Mediathek der britische Dreiteiler "Tschernobyl – Der Insiderbericht" in einer Erstausstrahlung, in dem Augenzeugen ihre Sicht schildern.
Die amerikanisch-britische Miniserie "Chernobyl" (HBO/Sky) von 2019, die die Ereignisse um die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl dramatisiert, gilt als eine der besten Serien der TV-Geschichte.
Auserzählt ist die Geschichte der Katastrophe aber auch damit nicht. Bis heute gibt es eine streng bewachte 30 Kilometer große Sperrzone um den Reaktor - die wegen Waldbränden und auch im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine immer wieder für Schlagzeilen sorgt.
Kurz nach Kriegsbeginn im Februar 2022 brachten russische Truppen das AKW-Gelände zeitweilig unter ihrer Kontrolle. 2025 wurde die als Jahrhundertschutz errichtete Hülle durch einen russischen Drohnenangriff beschädigt. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) beziffert die Kosten für die Reparatur mit einer halben Milliarde Euro. Ein Frieden, der auch die Gefahr für Tschernobyl und andere Kernkraftwerke in der Ukraine bannen könnte, ist nicht in Sicht.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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