Fernsehen: Werden Serien jetzt immer dümmer oder nicht?

Beknackte oder sich wiederholende Dialoge, unlogischer Aufbau in Sachen Action: Angeblich werden Produktionen bei den Streamern immer absurder. Stimmt das oder ist das bloß öder Kulturpessimismus?

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Aktuelle Nachrichten rund ums Thema Fernsehen lesen Sie auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / ronstik

"Meine Aufmerksamkeitsspanne ist durch die Streamingdienste massiv gestört - mein Interesse für etwas hält maximal zwei Wochen." Das sagt Dalia Müller-Müller (Taneshia Abt), eine überdrehte Musiklabel-Mitarbeiterin, in der deutschen Netflix-Serie "Kacken an der Havel" (benannt nach einem fiktiven Ort in Brandenburg). Dazu der typische Netflix-Tusch: Tudum.

Selbst Netflix spießt es jetzt also selbstironisch auf, dass Streamingdienste, die einst antraten, das Fernsehen zu verbessern, inzwischen der angeblichen Verdummung weiter Teile der Bevölkerung nichts mehr entgegensetzen.

Was ist dran an diesem Thema? Beziehungsweise besser: Woher kommt die aktuelle Debatte, dass Streamingdienste sich dem Doomscrolling ihrer Kundinnen und Kunden, der allgegenwärtigen Handyberieselung, unterordnen?

Und zwar, indem sie Filme und Serien produzieren, die angeblich bloß noch wie aneinandergereihte Kurzvideos aufgebaut sind - für Leute, die nicht mehr lange aufmerksam sein können (was viele gleich gern dumm oder verblödet nennen).

Wie kam das Thema der Verdummung durch Streamer aktuell auf?

Ben Affleck und Matt Damon, zwei alte Hollywood-Hasen, promoteten Mitte Januar im Podcast von Joe Rogan ihren Netflix-Actionfilm "The Rip". Erst sprachen sie allgemein über schlechter werdende Filme, dann darüber, dass Netflix schuld daran sein könnte. Damon plauderte dann aus dem Nähkästchen: Der mächtige Streamingdienst habe einen Teil der Action an den Anfang des Films verlegen wollen, damit die Leute nicht gleich ausschalten, auch wenn das die traditionelle Drei-Akt-Struktur von Filmen durcheinanderbringe. Außerdem hätten Netflix-Leute gebeten, im Dialog öfter mal zu wiederholen, worum es im Plot eigentlich geht, weil die Leute ja beim Filmgucken an ihren Handys hingen.

Wie wurde die Debatte in Deutschland darüber größer?

Rechtzeitig zur Berlinale im Februar griff ein Feuilleton-Text der "Süddeutschen Zeitung" die Damon-Worte auf und lieferte Beispiele aus der Branche. Die Analyse mit der Überschrift "Filme und Serien werden immer dümmer" war auf Partys während der Filmfestspiele großes Small-Talk-Thema. Etwa die Kritik an der fünften Staffel von "Stranger Things", in der sich Figuren gegenseitig erklärten, was sie bewegt und was sie warum gleich tun.

Eine anonyme Drehbuchautorin wurde zitiert, sie habe bei einem Streamer-Projekt detaillierte Vorgaben bekommen, wann wie viele Gags und welche Art von Gags vorkommen sollen, weil das den Daten zufolge am besten funktioniere. Eine andere Drehbuchautorin sagte, man bekomme zwar selbst nie Zahlen zu sehen, aber Rückmeldungen, welche Figuren wie gut angekommen seien und deshalb ausgebaut werden sollten.

Was hat das datenbasierte Arbeiten der Streamer für Folgen?

Plattformen wie Netflix, Amazon Prime Video, Disney+, Apple TV wissen heute genau, wann die Zuschauerinnen und Zuschauer auf welchem Gerät zu welcher Tageszeit was geguckt haben, wann sie abschalten, wobei sie durchhalten. Grundannahme ist überall, dass Leute beim Fernsehen ihr Handy in der Hand hielten und man dagegen ankommen müsse.

Laut "SZ" kursierten im September 2024 bei einem sogenannten Producers' Summit von Netflix am Berliner Stadtrand Anweisungen, nach denen die besten Szenen einer Serie in die Pilotfolge gehörten, und zwar so früh wie möglich. Genre, Figuren müssten sofort klar sein. Nötig seien "Wow-Effekte", alle zwei, drei Minuten müsse etwas passieren. Unerwünscht sei eine zu "ungewöhnliche" Erzählstruktur.

Was hat es mit dem Phänomen Algorithmenfilm auf sich?

Letzten Endes machen Streamingdienste aber wohl nur den allgemeinen Medien-Trend der datenbasierten Content-Suche mit. Auch das Franchise-Kino arbeite zum Beispiel so, weiß die "SZ" von nicht namentlich genannten Insidern. Die Studios analysierten per KI Filmprojekte und Drehbücher auf Erfolgsaussichten. Manchmal schließe man angeblich Führungskräfte, die intern fürs Kreative zuständig seien, bei Besprechungen über neue Projekte extra aus, damit eine datenbasierte, saubere Entscheidung gefällt werde, "ganz ohne altmodischen Kunstdünkel".

War denn früher alles besser?

Wer mit Drehbuchexperten über den Trend zum angeblich dümmer werdenden Bewegtbildmarkt spricht, hört Klagen über die Zustände, aber auch Beschwichtigungen. Oft sei das doch bloß platter Kulturpessimismus. Wann sei denn die angeblich gute alte Zeit mit den durchweg anspruchsvollen Serien gewesen? Gerade in Deutschland - man denke an Klassiker wie "Derrick", "Das Traumschiff" oder die unzähligen langweiligen Krimis - gebe es seit Jahrzehnten oft hirnrissige TV-Dialoge und sehr berechenbare Handlungen.

Gibt es denn noch kluges und mutiges Fernsehen?

Vieles im Fernsehen der Gegenwart - und zwar international und in Deutschland, man muss es nur suchen und finden - ist überraschend und ungewöhnlich. Das muss man nicht immer gelungen finden.

Doch eine geradezu philosophische Produktion wie die behutsam erzählte US-Serie "Pluribus" (Apple TV) ist sicher nicht dumm. Sie dreht sich um eine Frau, die zu den ganz wenigen Personen weltweit gehört, die immun gegen ein unerklärliches Virus sind, das die Menschheit plötzlich in einem gemeinsamen zufriedenen Bewusstsein aufgehen lässt. Die Serie von Showrunner Vince Gilligan ("Breaking Bad", "Better Call Saul") ist ein Erlebnis, das zum Denken anregt.

Anderes Beispiel: Die von der ARD als Flop eingestufte vierte "Charité"-Staffel traute sich, die Stadt Berlin und die Medizin im Jahr 2049 zu erzählen und dabei zum Beispiel auch ganz selbstverständlich Polyamorie (ein Throuple/eine Dreierbeziehung) vorkommen zu lassen. Mutig - und auch alles andere als platt oder doof.

Und auch wenn viele die anfangs erwähnte Serie "Kacken an der Havel" albern finden dürften: Dumm ist sie nicht, sondern voller Wortwitz und verrückter Ideen.

Autor und Schauspieler Dimitrij Schaad, der mit seinem Bruder Alex die Serie schuf, schrieb neulich bei Instagram: "Fernsehen in Deutschland ist oft öde. Es minimiert Risiken. Es geht den Weg des geringsten Widerstands. Es traut sich nicht genug. Manchmal sogar gar nichts." Doch mit ihnen habe sich Netflix so richtig was getraut. Dafür habe er gern in Kauf genommen, mit Netflix über die Ausrichtung der Story, die Gagfarbe, die Farbe der Häuser, "die Haarfarbe jeder Figur zu diskutieren (alleine das waren zwei Termine à 3 Stunden)".

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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