Von news.de-Redakteurin Corina Broßmann - 29.04.2011, 10.00 Uhr

Arte-Doku: Botox - das Gift mit vielen Gesichtern

Botox, das «Wurstgift», ist in aller Munde - und immer mehr Gesichtern. In Zeiten von Botoxparties stellt eine Arte-Dokumentation die Frage, ob das Nervengift letztich eher Fluch oder Segen ist.

Inzwischen lassen sich jährlich 150.000 Deutsche das Nervengift Botox unter die Haut spritzen, um ihre Mimikfalten zu glätten. Bild: dpa

Das Schlagwort Botox assoziieren wir seit Jahren mit Jugendwahn und Schönheitsindustrie. Das Nervengift gilt als stärkste Waffe gegen Mimikfalten. Weltweit wird es täglich tausendfach in zerfurchte Stirnpartien und tiefe Mundwinkel injiziert. Allein in Deutschland lassen sich jährlich 150. 000 Patienten das Gift spritzen. Aber ist BotulinumtoxinDieser korrekte Begriff für das Nervengift Botox kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie "Wurstgift". Grund dafür: Botulinumtoxin wurde im 19. Jahrhundert als Auslöser von Lebensmittelvergiftungen entdeckt. , wie Botox ausgeschrieben heißt, wirklich so ungefährlich, wie es uns Schönheitschirurgen und Kosmetikerinnen Glauben machen wollen?

In der Arte-Dokumentation Botox - Ein Gift macht Karriere geht Filmemacherin Antje Christ dieser Frage auf den Grund. Sie spricht mit Frauen in den USA, Frankreich, Italien und Deutschland über ihre Erfahrungen mit dem Modegift.

Gift auf Rezept

Entgegen dem Klischee geht es nicht nur um ästhetische Behandlungen. So muss sich Tanja Müller die Substanz aus medizinischen Gründen injizieren lassen. Sie kann sonst die Bewegungen ihres Kopfes nicht kontrollieren. Die zweifache Mutter leidet am sogenannten Schiefhals. Bei dieser Erkrankung sind die Muskeln des Hals- und Nackenbereichs überaktiv, wodurch sich die Muskeln ständig ungewollt zusammenziehen. Botox verhindert, dass AcetylcholinAcetylcholin (ACh) ist einer der wichtigsten Neurotransmitter im menschlichen Körper und für die Übertragung von Nervenimpulsen zuständig. ausgeschüttet wird. Dieser Botenstoff ist für die Muskelaktivität zuständig. Fehlt er, kommen Muskulatur und Patient zur Ruhe.

Botox kann also in Fällen von Spastiken der Gesundheit durchaus förderlich und als Medikament ein wahrer Segen sein. Anschaulich erklärt die Doku an dieser Stelle den Nutzwert des Toxins in der therapeutischen Praxis.

Der gefragte Faltenkiller

Antje Christ spricht natürlich auch - ganz ohne Wertung - mit ewig Junggebliebenen, die sich Botox zu rein kosmetischen Zwecken spritzen lassen und so versuchen, ihr ästhetisches Ideal zu verwirklichen. So verdankt Astrid Neufeld dem Botulinumtoxin eine glatte Stirn mit reduzierter Zornesfalte. Das ist überraschenderweise aber auch die einzige Anwendung des Nervengifts, die in der Schönheitschirurgie überhaupt zugelassen ist. Für die Unterspritzung weiterer Gesichtspartien muss eine Einwilligung unterschrieben werden.  Der Patient trägt dann das Risiko selbst. Der Grund: Die Langzeitfolgen von Botox sind noch nicht bekannt.

Botulismus - die Wurstvergiftung

Neben Botox-Kundinnen kommen auch Wissenschaftler zu Wort, die von Hinweisen auf bislang noch unterschätzte Gefahren durch Botox berichten. So könne sich das Gift sogar im Stammhirn ausbreiten. Fest steht, dass Botulinumtoxin eine tödliche Wirkung besitzt, die eine Million Mal stärker ist als Arsen.

Bereits im 19. Jahrhundert war Botox bekannt - und das eben nicht für faltenfreie Gesichter: Der Arzt und Dichter Justinus Kerner entdeckte schon vor knapp zweihundert Jahren das Neurotoxin, das sich besonders in Wurst vermehrt und Verursacher des Botulismus - einer Lebensmittelvergiftung - ist.

Unter dieser Krankheit litt auch Ines Pfeifer, nachdem sie verdorbene Wurst gegessen hatte. Ihr ist es ein Rätsel, warum sich Menschen Botox freiwillig aussetzen. Denn auch, wenn Botulinumtoxin noch eine große Karriere als Faltenkiller vor sich hat und für viele Muskelkranke die einzige Chance auf Heilung ist: Es ist und bleibt ein hochgefährliches Gift.

Obwohl Antje Christ die Thematik Botox von allen Seiten differenziert beleuchtet und tolerant und wertfrei Beweggründe seiner Nutzung zusammenfasst, bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Wir fühlen uns angesichts der Leidensgeschichte der Botoxopfer in unserem Schönheitswahn geläutert. Spätestens, wenn eine Gruppe Ärzte bei einer Fortbildungsmaßnahme zum plastischen Chirurgen an Leichenköpfen die Giftinjektion im Gesicht übt, erscheint die Antifaltencreme doch wieder als verlockende Alternative.

Botox - Ein Gift macht Karriere - Freitag, 29. April, 21.45 Uhr, Arte

brc/reu/news.de

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