01.03.2011, 10.47 Uhr

Psychologie: Warum Sex mit dem Ex normal ist

Jede vierte Frau hatte laut einer Gewis-Umfrage Sex mit dem Ex-Partner. Sexualpsychologe Dr. Karl Javorszky erklärt bei news.de, warum das nicht überrascht und wie man mit erotischen Spannungen nach der Trennung umgeht, ohne verletzt zu werden. 

Passiert öfter, als man annehmen möchte: Sex mit dem Ex. 22 Prozent aller Frauen geben zu, nach dem Beziehungsende noch einmal schwach geworden zu sein. Bild: Istock

Herr Javorszky, wie normal ist die erotische Anziehungskraft zwischen Ex-Partnern?

Javorszky: Sehr normal. Es war schließlich mal eine enge Verbindung da, nur wurde sie von anderen Gefühlen überlagert. Man ändert sich zwar nach der Trennung hormonell, im Weltbild, nach Erfahrungen, durch Änderungen der Lebensumstände und Interessen. Dennoch ist die wiederkehrende erotische Komponente zu einem Menschen, mit dem man zusammen war, absolut normal. Jede vierte Frau hatte laut einer Studie, die ich neulich gelesen habe, schon Sex mit dem Ex.

Warum verschwindet mit dem Beziehungsende die gegenseitige sexuelle Anziehung nicht automatisch?

Javorszky: Das ist kulturabhängig. In Frankreich ist es akzeptiert, mit jemandem eine Vernunftehe zu führen und die emotionalen Beziehungen woanders stattfinden zu lassen. Es kann aber durchaus sein, dass Ehe oder Beziehung ein Zweckbündnis auf Zeit waren, deren belastende Geschäftsgrundlage mit der Trennung weggefallen ist, man aber als Person einander nach wie vor zugetan ist.

Wie können all die Konflikte, Macken und Ursachen für die Trennung vergessen werden, nur weil es wieder kribbelt?

Javorszky: Die Erklärung liegt in der ebenenweise Behandlung des Kommunikationspartners. Auf der einen Ebene liegen sie sich miteinander in den Haaren, auf anderen Ebenen können beide gut und professionell kooperieren. Wenn Sie mit Ihrem Ex ins Bett gehen, akzeptieren sie nicht gleich alle seine Fehler und nehmen Ihre Kritik, die zum Ende der Beziehung geführt hat, zurück. Die Macken bleiben, die Anziehung kommt zurück.

Ist Sex mit dem Ex im Normalfall wirklich so entspannt und praktisch, wie es klingt?

Javorszky: Im Idealfall kann das so sein. Wenn zwei Menschen sich verständnisvoll und kooperativ wieder annähern. Im Normalfall ist es aber ein Versuch, sich gegenseitig zu trösten, und das ist ein emotionales Minenfeld.

Kann die Nostalgienummer als Trostpflaster fürs angeknackste Ego taugen?

Javorszky: Ja. Der Gedanke «Es war nicht alles falsch, was zwischen uns gelaufen ist, sonst würden wir nicht wieder zusammenkommen» kann heilend wirken. Das klappt aber nur, wenn es beide brauchen, wenn beide traurig sind, dass es so gelaufen ist. Gemeinsam diesen Schicksalsschlag zu betrauern und zu akzeptieren, den man einander zugefügt hat, lässt nach dem Tod der Liebe besser weiterleben.

Hält der Ex-Sex vom neuen Glück ab oder kann er eine gesunde Übergangslösung sein?

Javorszky: Wenn das neue Glück ein wirkliches Glück ist, wird der Trostsex ganz automatisch ein Ende haben. Wenn die Trösterei fortbesteht, hat man einander noch etwas zu sagen und sollte über seine Gefühle nachdenken.

Kann Rache eine Rolle spielen?

Javorszky: Ein altes Sprichwort sagt, dass Sex aus Rache ein lausiges Vergnügen ist. Aggression und Erotik verbinden sich beim Normalfall allenfalls vorübergehend. Das wird schnell schal. Es ist einfach aus biochemischen Gründen kein Vergnügen, etwas aus anderen Gründen wiederholt zu machen als aus Spaß an der Sache. Alles andere ist Arbeit und befriedigt auf Dauer nicht.

Was sind die Voraussetzungen für schmerzfreien Sex mit dem Ex?

Javorszky: Viel Entspannung und wenig Leistungsdruck. Schließlich braucht man sich nun wirklich nichts mehr vorzumachen. Man kann gelassen sein und wirklich das sagen und zeigen, was man denkt. Das kann schon im Gespräch ungemein erleichternd sein und ob es dann nach einer solchen offenen Aussprache zu Sex kommt oder nicht, ist eher weniger wesentlich.

Wann sollte man unbedingt die Finger vom Ex lassen?

Javorszky: Wenn das Ganze seit längerer Zeit verlogen gelaufen ist. Wenn einer der beiden hoffnungslos unterlegen ist. Wenn man den inneren Stolz hat, dass man etwas Besseres auf dem Markt bekommt.

Ist Sex mit dem Ex mit Sex unter Freunden zu vergleichen?

Javorszky: Ja, da spielt oft ein ähnlicher Grundgedanke mit: Man kennt sich in- und auswendig, hat sich nichts vorzumachen und keine Verpflichtungen, man liebt sich bereits platonisch oder hat sich einmal geliebt und will das über den Körper ausdrücken. Wenn also nicht List, Betrug und Intrige erotisiert werden, kann das befriedigend sein.

Wann gelingt Sex ohne Liebe?

Javorszky: Selten. Tatsächlich öfter bei Männern als Frauen und als Folge des Mangels an emotionalen Objekten. Wenn es anders nicht geht, kann es gesünder sein, sich entsamen zu lassen als sich der Gefahr des Samenstaus auszusetzen. Frauen sollten ebenfalls aus hygienischen Gründen ihren Hormonhaushalt ordnen, weil sie sonst zu unbefriedigten Hysterikerinnen werden.

Wie verhalte ich mich am besten, wenn ich rückfällig geworden bin?

Javorszky: Beichten, beichten, beichten - und zwar sich selbst. Und dann erteilen Sie sich eine Absolution und sagen: Jetzt haben wir wieder etwas von der Religion gelernt. Es gibt einen Unterschied zwischen Engeln und den Menschen. Die Engel machen keine Fehler. Der Mensch kann irren und aus seinen Irrtümern lernen. Und dann machen Sie Ihrem Ex-Partner ehrlich klar, wie Sie wirklich zu ihm stehen.

Die Gewis-Studie wurde in der Zeitschrift Petra veröffentlicht.

brc/ham/rzf/ivb/news.de