Medien: Springer-Chef Döpfner: "Ewige Drohung mit AfD-Verbot ist toxisch"

Journalisten als Creator statt als "Volkserzieher": Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner spricht über seine Vision für den Journalismus und warum er US-Investor Peter Thiel einen Preis verleiht.

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Mathias Döpfner hat klare Vorstellungen davon, was Journalismus leisten sollte - und was nicht. Journalisten sollten recherchieren, statt zu erziehen, sagt der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht er über verlorenes Vertrauen in Medien und darüber, wie Künstliche Intelligenz den Journalismus verändern wird. Beim Umgang mit der AfD zieht Döpfner eine klare Grenze. Zugleich stellt er ein verbreitetes Rezept gegen die Partei infrage.

Frage: Axel Springer wollte den "Telegraph" schon vor mehr als 20 Jahren kaufen. Jetzt hat es geklappt. Was bedeutet Ihnen das persönlich?

Antwort: Es war ein besonders glücklicher Moment. Nicht, weil wir das vor 22 Jahren schon einmal wollten, sondern weil es einfach eine Konstellation ist, die passt. Der "Telegraph" passt in besonderer Weise zu uns. Wir mussten den Kollegen dort nicht erklären, was unsere Werte sind und wie wir Journalismus verstehen, sondern auf sehr natürliche Weise sehen die das seit 155 Jahren genauso. Hinzu kommt: Es ist ein hochprofitables, wirtschaftlich sehr erfolgreiches Unternehmen mit fast einer Million Digitalabonnenten. Und wir konnten sehr unternehmerisch entscheiden. Am Ende war es eine Frage von wenigen Stunden: nachmittags um 16 Uhr haben wir beschlossen, ein verbindliches Angebot zu machen, am übernächsten Morgen um 8.08 Uhr war der Vertrag rechtswirksam unterschrieben. Das zeigt eindrucksvoll den Vorteil unserer neuen Governance-Struktur. Wir können sehr schnell und sehr unternehmerisch handeln.

Frage: Sie wollen aus dem britischen "Daily Telegraph" einen "Global Telegraph" machen. Was heißt das konkret?

Antwort: Wir glauben, dass in dem journalistischen Konzept, der Qualität und dem Wertefundament das Potenzial liegt, über Großbritannien als Heimatmarkt hinauszuwachsen - zunächst in andere englischsprachige Märkte: Australien, Amerika, Indien, überall da, wo englischsprachige Menschen leben. Und dann muss man sich fragen: Ist überhaupt die Sprachgrenze noch die natürliche Grenze? Ist es nicht sogar denkbar, dass eine solche Marke in andere Länder expandieren kann, in denen Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit herrschen?

Frage: Sie sehen gerade in den USA ein unterversorgtes Mitte-rechts-Publikum. Welche Lücke wollen Sie dort schließen?

Antwort: Ich würde das Profil des "Telegraph" als Center-Right, liberal-konservativ bezeichnen. Und das ist in Amerika im Moment eher unterversorgt. Ein großer Teil der Medien ist eher auf dem linken Teil des Spektrums zu finden, der andere auf dem sehr rechten. Dazwischen ist wenig. Das politische und gesellschaftliche Zentrum, das wir ansprechen wollen, findet sich im moderaten Teil der Demokraten genauso wie den moderaten Teil der Republikaner. Beide Parteien driften im Moment ein bisschen an die Ränder. Wir sprechen zur Mitte.

Frage: Sie haben Künstliche Intelligenz als vielleicht größte Veränderung seit dem Buchdruck bezeichnet. Was bleibt vom Journalismus, wie wir ihn heute kennen?

Antwort: Gute Geschichten. Ich glaube, dass Journalismus, wenn wir es richtig machen, unendlich von dieser Entwicklung profitieren und ein völlig anderes Qualitäts- und Relevanzlevel erreichen kann. KI kann uns helfen, uns wieder mehr auf das zu konzentrieren, was guten Journalismus immer ausgemacht hat: etwas herauszufinden, was nicht herauskommen sollte, Nachrichten und Neuigkeiten zu recherchieren. Ganz viele andere Dinge können wir in Teilen an Künstliche Intelligenz delegieren, die sie schneller und besser erledigt als Menschen. Entscheidend ist, dass KI dem Menschen dient und nicht der Mensch der KI, dass KI dem Journalismus dient und nicht der Journalismus der KI.

Frage: Ist das Schreiben eines Nachrichtentextes noch eine originär journalistische Leistung?

Antwort: Absolut, wobei man sehr genau hingucken muss. Informationen, die bereits bekannt sind, zu aggregieren und neu zu formulieren, ist sicherlich nicht mehr im Zentrum journalistischer Arbeit. Das machen große Sprachmodelle sehr gut. Aber etwas zu recherchieren, was niemand weiß, an einem Ort zu sein und etwas zu sehen und zu beschreiben, was noch keiner gesehen und beschrieben hat, Gedanken zu formulieren, die neu, provozierend oder inspirierend sind - das bleiben originär journalistische Aufgaben. Dazu gehört auch, in einer Weise zu schreiben, die Menschen zum Lachen, zum Weinen oder zum Nachdenken bringt. Ich glaube, diese Angst, dass die Maschine den Menschen überflüssig macht, ist vollkommen falsch. Ich prognostiziere das Gegenteil: Ich glaube, wir werden eine Renaissance des Menschlichen erleben. Das entsteht, wie die Sehnsucht nach persönlicher Begegnung während der Pandemie, aus dem Mangel. Wir werden eine neue Bedeutung von menschlichen Eigenschaften erfahren, vielleicht auch eine Sehnsucht nach menschlicher Imperfektion. Menschliche Intuition, menschliche Emotionen werden eine viel größere Wertschätzung in der Gesellschaft erfahren als alles, was rein rational, rein quantitativ ist. Das kann künstliche Intelligenz schneller und in weiten Teilen besser. Das menschliche Charisma, die Person des Journalisten, neudeutsch: der Creator rückt mehr in den Vordergrund.

Frage: Wie viel KI darf in einem journalistischen Text von Axel Springer stecken?

Antwort: Wir behalten die Verantwortung. Wir nennen es das Verantwortungsprinzip. Der Mensch hat die Verantwortung für Inhalt, Stil, Sprache und Faktenkorrektheit. Wie viel er dabei von Künstlicher Intelligenz nimmt oder von Suchmaschinen oder menschlichen Quellen, liegt in seinem Ermessen. Er kann es allerdings nicht ausschließlich der Künstlichen Intelligenz überlassen. Mit einem rein KI-generierten Text oder Video wäre bei uns eine Grenze überschritten, die zumindest gekennzeichnet werden müsste. Im Rahmen dieses Verantwortungsprinzips herrscht große Freiheit. KI nicht zu benutzen, und das wie ein Qualitätsmerkmal zu präsentieren, führt in die Sackgasse. Das wäre so, als würden Sie einem Kurzsichtigen sagen, er dürfe seine Brille nicht mehr tragen. KI ist eine Hilfe, vielleicht wie eine Art Sehhilfe. Aber was nützt eine Brille ohne Augen?

Frage: Medienstaatsminister Wolfram Weimer will das Europageschäft von TikTok in europäische Hände legen. Wie stehen Sie dazu?

Antwort: Ich unterstütze diesen Vorstoß ausdrücklich. Ich habe vor vier Jahren bei der Code Conference in Amerika gefordert, dass TikTok in jeder Demokratie mit Selbstrespekt entweder an demokratische Aktionäre verkauft oder verboten werden müsste. Ich verstehe immer noch nicht, warum wir hier in Europa nicht handeln. Die Amerikaner haben doch gezeigt, dass es geht. Wenn aber nicht bald eine Lösung gefunden wird, werden auch wir auf TikTok als Vertriebskanal nicht verzichten können. Es ist der bei jungen Menschen wichtigste Distributionskanal.

Frage: Dann kommt auch Bild auf TikTok, wo die Tagesschau schon ist?

Antwort: Wenn die Politik keinen Ehrgeiz entwickelt, für TikTok in Europa Rahmenbedingungen zu gestalten, die einer Demokratie und einem Rechtsstaat entsprechen, werden auch wir mit allen Marken auf TikTok vertreten sein müssen. Die Politik muss hier den Rahmen setzen, in dem Wettbewerb stattfindet. Auf die Dauer kann kein Unternehmen diesen Wettbewerbsnachteil tragen.

Frage: Am 24. September verleihen Sie dem Tech-Unternehmer Peter Thiel den Axel Springer Award. Warum gerade ihm?

Antwort: Peter Thiel ist der wahrscheinlich mit Abstand einflussreichste Deutsche unserer Zeit. Der Axel Springer Award zeichnet herausragende Unternehmerpersönlichkeiten, Innovationskraft und eben auch den Mut aus, der damit verbunden ist. Peter Thiel hat als Gründer von PayPal über frühe Investments in Facebook und andere ehemalige Start-ups bis hin zur Gründung des US-Datenanalyseunternehmens Palantir so viel Innovation gestaltet und verändert wie ganz wenige. Hinzu kommt: Er ist ein besonders mutiger Widerspruchsgeist. Das finden wir bei Axel Springer als einem Ort Meinungsfreiheit besonders spannend.

Frage: Thiel wird immer wieder als Antidemokrat kritisiert. Wie sehen Sie ihn?

Antwort: Ich halte ihn für einen der inspirierendsten und interessantesten Denker. Die einen sagen: Antidemokrat - und beziehen sich auf ein einziges Zitat aus dem Jahr 2009. Die anderen sagen: Er will die Demokratie stärken oder retten und diskutiert gerade deshalb anders als andere. Das macht uns neugierig.

Frage: Welche Ideen Thiels haben Ihr eigenes Denken besonders beeinflusst?

Antwort: Diese permanente Disziplin, wenn eine Mehrheit das Gleiche sagt und denkt, zu überprüfen, ob nicht genau das Gegenteil richtig sein könnte, das ist als Denkdisziplin die Grundlage für Neues. Und dabei Dinge nicht nur rhetorisch infrage zu stellen, sondern sie auch in unternehmerisches Handeln münden zu lassen, das finde ich eindrucksvoll. Ich glaube beispielsweise, dass ohne ein Unternehmen wie Palantir die Demokratie weltweit in einem wesentlich gefährdeteren Zustand wäre. Ich sehe in Palantir eine Schutzmacht der Demokratie, keine Gefahr für die Demokratie.

Frage: Thiel hat Donald Trump schon 2016 öffentlich unterstützt. Was hat er damals in Trump gesehen?

Antwort: Ich glaube, gar nicht so viel. Ich habe ihn damals direkt danach gefragt. Er hat sinngemäß gesagt: Es ist völlig egal, wie gut oder schlecht Donald Trump ist. Es geht darum, eine verkrustete und nicht mehr funktionsfähige, dysfunktionale Regierung herauszufordern. Es braucht jetzt den Disruptor. Das war das Wichtigste, glaube ich, was ihn damals getrieben hat.

Frage: In den Aufzügen bei Axel Springer sollen Protestplakate gegen die Auszeichnung Thiels gehangen haben.

Antwort: Habe ich nicht gesehen....

Frage: ... das waren Zettel im DIN-A4-Format.

Antwort: Ach ja stimmt, es gab diese eine anonyme Aktion. Da wissen wir aber bis heute gar nicht, ob das wirklich von Axel-Springer-Kollegen gemacht wurde oder ob das jemand von draußen aufgehängt hat.

Frage: Thiel polarisiert stark, tritt selbst aber vergleichsweise selten öffentlich auf. Ist der Award für Sie auch eine Gelegenheit, ein anderes Bild von ihm zu zeigen?

Antwort: Wir sind nicht seine PR-Berater. Uns geht es um die Anerkennung von und Ermutigung zu herausragender Leistung, um Dialog, das Ausweiten der Räume dessen, was man diskutieren kann. Darum geht es. Und ich finde, dass das ausgesprochen gut zu unserem Haus passt. Es könnte vielleicht auch eine Diskussion darüber anstoßen, warum wir in Deutschland Dinge eigentlich immer so schnell moralisch bewerten, bevor wir sie erst einmal erkundet und verstanden haben. Das gilt in ganz besonderer Weise für Journalismus. Einfach mehr Neugier auf die Wirklichkeit, mehr Neugier auf das, was hinter dem Offenkundigen steckt. Bei einer kontroversen Figur wie Thiel finde ich das besonders wichtig. Lassen Sie uns doch erst einmal betrachten und auch auszeichnen, was er als Unternehmer und Innovator geleistet hat. Und dann stellen wir Fragen, welche anderen Aspekte zu dieser Persönlichkeit gehören. Möglicherweise stellt sich das eine oder andere auch völlig anders dar, als es das Klischee so will.

Frage: In Sachsen-Anhalt steht die Landtagswahl bevor, die AfD ist dort stark. Was erwarten Sie von dieser Wahl?

Antwort: Ich habe mir schon immer zum Prinzip gemacht, Wahlen weder nachher, aber erst recht nicht vorher zu kommentieren. Was mich antreibt, ist die Stärkung der offenen Gesellschaft, basierend auf Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und der Integrität der Menschenrechte. Die Schwächung, in Teilen auch das Versagen des politischen Zentrums in Europa, Amerika und Deutschland besorgt mich seit vielen Jahren. Mich beunruhigt, dass diese Schwäche, die politischen Ränder stärkt. Und mich besorgt, dass die Alternativen, die in Deutschland angeboten werden, auf zu vielen Gebieten den Werten widersprechen, die uns und mir wichtig sind: beim Umgang mit autokratischen Regimen in Russland und China und im Iran, beim Verhältnis zu unserem wichtigsten Bündnispartner Amerika und beim Umgang mit strukturellem Antisemitismus. Das widerspricht meinen Grundüberzeugungen fundamental. Besorgt bin ich auch, weil ich die bisherigen Rezepte im Umgang mit diesem Phänomen für untauglich halte. Der einzige Weg, ein solches Driften an die politischen Ränder zu verhindern, wäre, die Kompetenz, Glaubwürdigkeit und den Erfolg des politischen Zentrums zu stärken. Und das passiert nicht.

Frage: Zu diesen Rezepten gehören ein mögliches AfD-Verbotsverfahren und die sogenannte Brandmauer. Was halten Sie davon?

Antwort: Ein Verbotsverfahren müsste nach ganz rechtsstaatlichen Prinzipien entschieden werden. Kann man Verfassungsfeindlichkeit klar nachweisen, dann ist das möglich. Wenn das nicht ausreichend gelingt, ist es kein probates Mittel. Entweder geschieht es oder nicht. Die ewige Drohung damit ist toxisch. Bei der Brandmauer ist die Frage, wie man sie interpretiert. Die Absage an eine AfD-Regierungsbeteiligung und an Koalitionen mit der AfD halte ich für richtig. Sie müsste allerdings gleichermaßen für die sozialistische Linke gelten. Die Linkspartei ist als strukturell antikapitalistische, von Enteignungsfantasien geprägte und in weiten Teilen tief antisemitische Partei eine absolute Bedrohung für eine zentristische Demokratie. Die begleitende Brandmauer-Rhetorik halte ich allerdings für falsch. Sie beleidigt viele Wähler und schafft Märtyrerlegenden. Besser wäre: Man definiert rote Linien und sagt, das sind unsere Werte. Wenn eine Partei sich zu diesen Werten glaubwürdig bekennt, kann sie auch ein Koalitionspartner sein. Wenn sie das nicht tut, dann nicht. Die Aufgabe liegt dann bei der Partei am Rand und nicht bei den Parteien der Mitte. Was ich aber immer schon für falsch gehalten habe, ist das Ausschließen einer Minderheitsregierung. Wenn man zu viel ausschließt, auch eine Regierung, die Stimmen aller Parteien für vernünftige Regierungs- und Gesetzesvorhaben einsammelt, dann hat man sich in eine Sackgasse manövriert. Eine Minderheitsregierung auszuschließen, halte ich deshalb für falsch, eine Koalition mit der AfD und der Linken auszuschließen für richtig.

Frage: Bei den AfD-Kundgebungen bekommt Spitzenkandidat Ulrich Siegmund besonders viel Beifall für seine Ankündigung, den Rundfunkstaatsvertrag für den MDR zu kündigen. Was haben die Medien möglicherweise falsch gemacht, dass Menschen sie so stark ablehnen?

Antwort: Diese Diskussion würde ich gerne über die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten hinaus für unsere ganze Branche führen. Ich glaube, das ist ein Phänomen, das man nicht alleine den Öffentlich-Rechtlichen vorwerfen kann. Sie sind nur zum Symbol dafür geworden. Wir Journalisten sollten zuallererst von Neugier getrieben sein: Neugier auf die Wirklichkeit, herausfinden, was ist, dann gerne provozierend, polemisch und leidenschaftlich kommentieren, aber nicht erziehen. Wir sind keine Erziehungsanstalt. Wir sind auch keine Weltverbesserungsanstalt. Wir sind keine Aktivisten. Aktivismus und Journalismus sind absolute Gegenteile. Ein Journalist, der Journalist geworden ist, weil er den Klimawandel aufhalten oder den Kapitalismus abschaffen oder stärken möchte - ganz egal welches Projekt -, hat den Beruf verfehlt. Der sollte Politiker werden, in eine NGO gehen oder Aktivist werden. Die braucht es auch, die sind wichtig in der Gesellschaft, aber nicht im Journalismus.

Journalismus ist durch dieses Verwechseln der Rollen zu berechenbar und zu volkserzieherisch geworden und hat sich in Teilen zu sehr von Leserinnen und Lesern und Zuschauern entfernt. Zu viele haben vor der Recherche schon das Ergebnis und recherchieren nur das, was die These stärkt. Was die These nicht stärkt, wird weggelassen. Das merken die Leute. Sie können es vielleicht rational nicht sofort beweisen, aber sie spüren die Absicht und sind verstimmt. Da gibt es vielleicht im Osten eine besondere Sensibilität. Die Menschen haben staatsnahe oder staatstreue Medien zu lange erlebt und haben da ganz feine Antennen. Das führt vielleicht auch zu Entwicklungen, die übertrieben und pauschal sind - etwa wenn daraus Formulierungen wie "Lügenpresse" oder "Systemmedien" werden. Aber das Grundgespür, das dahintersteht, ist nicht so falsch. Anstatt dass wir Medienmenschen unser Publikum beschimpfen, sollten wir erst einmal eine selbstkritische Diskussion führen: Was können wir besser machen?

Frage: Was wäre das?

Antwort: Das wichtigste Kapital des Journalismus ist das Vertrauen. Vertrauen, dass wir alles tun, um rauszufinden, was ist. Wenn wir dieses Vertrauen vertiefen oder, wo nötig zurückgewinnen, hat Journalismus eine unfassbare Chance. Denn Social Media und KI sorgen für fundamentale Verunsicherung. Wenn man uns vertraut, dass wir zumindest alles tun, um wahrheitsgemäß zu informieren und da, wo wir Fehler machen diese korrigieren, dann stehen uns goldene Zeiten bevor. Wenn wir das Vertrauen verspielen, sind wir weg. Journalismus hat es, anders als Sport, Pop oder Kunst, nicht geschafft, globale Stars zu schaffen. Journalisten als eigenständige Medienmarken zu entwickeln und auch wirtschaftlich erfolgreich zu machen, darin sehe ich eine strategisch zentrale Aufgabe. Ich möchte Axel Springer über die nächsten Jahre zu einer Creator Plattform entwickeln. Das individuelle Talent, die Autorin, der Anchorman, der Podcaster, der Video Creator, der Influencer - der Mensch steht schon heute viel mehr im Vordergrund als vor 50 Jahren, wo viele Zeitschriften oder Zeitungen noch namenlose Artikel veröffentlicht haben. Viele Menschen folgen heute nicht mehr einer Medienmarke, sondern einer Person. Einem Menschen, dessen Ton, dessen Haltung, dessen Genauigkeit, dessen Charisma Menschen anziehend finden. Deshalb hören sie einen Podcast, lesen eine Kolumne. Und irgendwann wird dann ein Verlagshaus so etwas wie ein Plattenlabel sein. Man folgt dem Talent, aber Label steht für eine bestimmte Qualität, für einen Sound- in unserem Fall für bestimmte Werte. Axel Springer als Creator Platform, wir nennen das immer "United Artists" - das ist für mich eines der wichtigsten strategischen Transformationsziele unseres Hauses.

Frage: Das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete im Juli über Gespräche zwischen Ihnen und Bundeskanzler Friedrich Merz. Sie hätten ihn zu einer Zusammenarbeit mit der AfD bewegen wollen. Springer bezeichnete das als "glatte Lüge". Worüber haben Sie mit Merz tatsächlich gesprochen?

Antwort: Die Kollegen sind einer zwei Jahre alten Sommerente aufgesessen. Das hat mittlerweile auch zu einer sehr klaren Korrektur und Entschuldigung der RND-Podcaster geführt. Da ist wirklich einfach gar nichts dran. Wenn Sie jetzt legitimerweise versuchen, von mir herauszufinden, was ich mit Herrn Merz besprochen habe, muss ich sie enttäuschen. Aber ich kann Ihnen klar sagen: Was da behauptet und wie in einer schlechten Operette beschrieben wurde, ist komplett falsch.

Frage: Sie führen Axel Springer seit mehr als zwei Jahrzehnten. Die Medienbranche schaut durchaus darauf, wie Sie das Unternehmen in dieser Zeit entwickelt haben. Wenn Sie selbst Bilanz ziehen: Was war dafür entscheidend?

Antwort: Dieses Unternehmen erfindet sich ständig neu. Damit hat Axel Springer 1946 angefangen, und das machen wir jetzt seit zweieinhalb Jahrzehnten unter meiner Führung weiter. In diesen Zeiten müssen die Zyklen der Neuerfindung und der permanenten Selbstdisruption immer kürzer werden. Gleichzeitig ist Journalismus heute viel zentraler für unser Unternehmen. Vor zwölf Jahren, als wir unsere Zeitschriften und Regionalzeitungen verkauft haben, gab es Spekulationen: Wie lange ist Axel Springer eigentlich noch ein Verlag? Heute kann selbst unser ärgster Kritiker nicht bestreiten, dass Journalismus eine viel zentralere Rolle spielt. Wir haben statt deutschen Fernsehzeitschriften und Lokalzeitungen transatlantische Publikationen wie "Politico","Business Insider" und "Morning Brew", den "Daily Telegraph" in England, "Bild" und "Welt" in Deutschland, "Onet" und "Fakt" in Polen. Journalismus ist bei Axel Springer über die Jahre reichweitenstarker, relevanter internationaler und besser geworden. Das freut mich und spornt mich an.

Frage: Die Zahlen sind auch gut?

Antwort: Stimmt, darüber haben wir noch gar nicht geredet. Im ersten Halbjahr 2026 liegen wir bei 4,5 Prozent, währungsbereinigt bei sechs Prozent Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahr - und das ohne den "Telegraph". Beim EBIT sind wir sogar um 51,9 Prozent gegenüber einem schon sehr guten ersten Halbjahr 2025 gewachsen. Das ist ermutigend. Aber die Herausforderungen der Zukunft sind die beste Versicherung gegen Zufriedenheit. Wir bleiben bei aller Freude vorsichtig und achten weiterhin streng auf Kostendisziplin.

Frage: Bei so vielen Marken im eigenen Haus: Was lesen Sie morgens eigentlich als Erstes?

Antwort: Oft "Bild" mal "Welt" mal "Telegraph". Eine klare Ordnung gibt es eigentlich nicht.

Frage: Und zum Schluss an den früheren Musikkritiker Döpfner: Welche drei Songs stehen gerade ganz oben auf Ihrer Playlist?

Antwort: Da muss ich mal nachsehen. "Die Reblaus" von Hans Moser, "Saint-Tropez am Baggersee" von den Rodgau Monotones und "Ein bisschen Spaß muss sein" von Roberto Blanco.

ZUR PERSON: Mathias Döpfner, geboren 1963, studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Theaterwissenschaft in Frankfurt und Boston. Seine journalistische Laufbahn begann er 1982 bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Nach Stationen bei Gruner + Jahr sowie als Chefredakteur der "Wochenpost" und der "Hamburger Morgenpost" wechselte er 1998 als Chefredakteur der "Welt" zu Axel Springer. Seit 2000 gehört Döpfner dem Vorstand an, seit 2002 ist er Vorstandsvorsitzender. Gemeinsam mit Friede Springer hält er 95 Prozent der Anteile an dem Medienunternehmen.

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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