Medien: Springer-Chef Döpfner über Medien: "Wir sind keine Erziehungsanstalt"
Mathias Döpfner führt Axel Springer seit Jahrzehnten. Warum er die "Brandmauer"-Rhetorik für falsch und Peter Thiel für den "wahrscheinlich mit Abstand einflussreichsten Deutschen unserer Zeit" hält.
Erstellt von Sarah Knauth - Uhr
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Den Ausgang von Wahlen will Mathias Döpfner nicht kommentieren. Das habe er sich schon immer zum Prinzip gemacht, sagt der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer ("Bild", "Welt") im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Das gilt auch für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Über den Umgang mit der AfD spricht er dagegen sehr deutlich.
Eine Regierungsbeteiligung der Partei und Koalitionen mit ihr lehnt der 63-Jährige ab. Die begleitende Brandmauer-Rhetorik hält er allerdings für falsch. "Sie beleidigt viele Wähler und schafft Märtyrerlegenden." Besser sei es, rote Linien und die eigenen Werte zu definieren. "Wenn eine Partei sich zu diesen Werten glaubwürdig bekennt, kann sie auch ein Koalitionspartner sein. Wenn sie das nicht tut, dann nicht."
Für die Linke müsse die Absage an eine Koalition gleichermaßen gelten, sagt Döpfner. "Was ich aber immer schon für falsch gehalten habe, ist das Ausschließen einer Minderheitsregierung." Wenn man zu viel ausschließe, auch eine Regierung, die Stimmen aller Parteien für vernünftige Regierungs- und Gesetzesvorhaben einsammele, habe man sich "in eine Sackgasse manövriert". "Eine Minderheitsregierung auszuschließen, halte ich deshalb für falsch, eine Koalition mit der AfD und der Linken auszuschließen für richtig."
Die Stärke der politischen Ränder beschäftigt Döpfner schon länger. Die Schwächung und "in Teilen auch das Versagen" des politischen Zentrums besorge ihn seit Jahren. Der einzige Weg, ein weiteres Abdriften an die Ränder zu verhindern, sei aus seiner Sicht, "die Kompetenz, Glaubwürdigkeit und den Erfolg des politischen Zentrums zu stärken".
Auch bei den Medien sieht Döpfner verlorenes Vertrauen als Problem. Journalisten sollten zuallererst von Neugier getrieben sein: herausfinden, was ist, dann könne man auch provozierend, polemisch oder leidenschaftlich kommentieren, "aber nicht erziehen". "Wir sind keine Erziehungsanstalt. Wir sind auch keine Weltverbesserungsanstalt. Wir sind keine Aktivisten." Journalismus habe sich in Teilen zu sehr von Lesern und Zuschauern entfernt.
Gerade im Osten gebe es möglicherweise eine besondere Sensibilität dafür. Das könne auch zu übertriebenen und pauschalen Entwicklungen führen, etwa zu Formulierungen wie "Lügenpresse" oder "Systemmedien". "Aber das Grundgespür, das dahintersteht, ist nicht so falsch." Statt das Publikum zu beschimpfen, plädiert Döpfner für eine selbstkritische Debatte der Medienbranche.
Springer wächst - und kauft wieder zu
Seit mehr als zwei Jahrzehnten führt Döpfner Axel Springer. Gerade feiert das Medienhaus sein 80-jähriges Bestehen, im Springer-Neubau zeigt eine Ausstellung 80 Stücke aus der Unternehmensgeschichte. Auf einer der mittleren Etagen fällt der Blick auf die "Bild"-Redaktion, das große Logo und einige bekannte Schlagzeilen des Boulevardblatts.
Auch strukturell hat sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren stark verändert. Springer zog sich von der Börse zurück, der US-Finanzinvestor KKR stieg ein, im vergangenen Jahr wurde der Konzern schließlich aufgeteilt. Das Mediengeschäft blieb bei Friede Springer, der Witwe des Unternehmensgründers Axel Springer, und Döpfner.
Das Geschäft ist inzwischen deutlich internationaler geworden. 2025 kam Axel Springer nach Unternehmensangaben auf einen Pro-forma-Umsatz von 2,2 Milliarden Euro, das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag bei 241,4 Millionen Euro.
Ende Juni schloss Springer die Übernahme der traditionsreichen britischen Zeitung "Telegraph" ab. 575 Millionen Pfund, umgerechnet rund 661 Millionen Euro, zahlte der Konzern für die Telegraph Media Group. Schon vor mehr als 20 Jahren hatte Springer versucht, den "Telegraph" zu kaufen. Die Übernahme sei für Döpfner "ein besonders glücklicher Moment" gewesen. Der "Telegraph" sei hochprofitabel, wirtschaftlich sehr erfolgreich und habe fast eine Million Digitalabonnenten.
Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Pro-forma-Umsatz von Axel Springer um 4,5 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro, währungsbereinigt um sechs Prozent. Das bereinigte Ebit legte um 51,9 Prozent auf 125,8 Millionen Euro zu. Die Telegraph Media Group ist darin noch nicht berücksichtigt.
"Das ist ermutigend", sagt Döpfner. Springer bleibe aber bei aller Freude vorsichtig und achte weiterhin streng auf Kostendisziplin.
Mit dem "Telegraph" will Springer nun auch außerhalb Großbritanniens stärker wachsen. Das Profil der Zeitung beschreibt Döpfner als "Center-Right, liberal-konservativ". Vor allem in den USA sieht er dafür Potenzial. "Ein großer Teil der Medien ist eher auf dem linken Teil des Spektrums zu finden, der andere auf dem sehr rechten. Dazwischen ist wenig", sagt er.
Springer will mit dem "Telegraph" nach Döpfners Worten das politische und gesellschaftliche Zentrum ansprechen. Dieses finde sich im moderaten Teil der Demokraten ebenso wie im moderaten Teil der Republikaner. "Beide Parteien driften im Moment ein bisschen an die Ränder. Wir sprechen zur Mitte."
Was KI mit Journalismus macht
Besonders ausführlich wird Döpfner, wenn es um Künstliche Intelligenz und die Zukunft des Journalismus geht. Diese sei vor allem die Chance, Journalisten Arbeit abzunehmen. Das Sammeln und Neuformulieren bereits bekannter Informationen werde an Bedeutung verlieren. Wichtiger würden eigene Recherche, Beobachtungen und neue Gedanken.
Die Verantwortung müsse aber beim Menschen bleiben. Bei Axel Springer gelte das sogenannte Verantwortungsprinzip: Der Mensch trage die Verantwortung für Inhalt, Stil, Sprache und Faktenkorrektheit. Bei Axel Springer wäre mit einem rein KI-generierten Text oder Video eine Grenze überschritten; ein solcher Beitrag müsste zumindest gekennzeichnet werden.
Döpfner selbst hatte wenige Monate zuvor mit einem vollständig KI-generierten Kommentar für Diskussionen gesorgt. Er reagierte damit auf die Debatte um einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU), den die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" aus dem Netz genommen hatte. Die "FAZ" kritisierte Döpfner daraufhin scharf.
Trotzdem erwartet Döpfner eine "Renaissance des Menschlichen". Er rechnet mit einer neuen Wertschätzung von Intuition, Emotion und vielleicht sogar menschlicher Imperfektion. Auch die Person des Journalisten werde stärker in den Vordergrund rücken. Überhaupt beschäftigt ihn die Frage, wie Neues entsteht - und welche Rolle dabei Menschen spielen, die anders denken als die Mehrheit.
Warum Döpfner Peter Thiel auszeichnet
Genau das hebt er auch bei Peter Thiel hervor. Der umstrittene US-Milliardär soll am 24. September den Axel Springer Award erhalten. "Er ist ein besonders mutiger Widerspruchsgeist", sagt Döpfner. Für ihn ist Thiel sogar der "wahrscheinlich mit Abstand einflussreichste Deutsche unserer Zeit".
Thiel ist IT-Investor und Mitgründer des Softwareunternehmens Palantir. Er unterstützte Donald Trump bereits 2016 öffentlich und polarisiert mit seinen politischen Positionen. Die Entscheidung, ihn mit dem Axel Springer Award auszuzeichnen, ist umstritten. Auch im eigenen Haus soll es Unmut geben, etwa Protestplakate im Aufzug des Springer-Gebäudes. Darauf angesprochen, spricht Döpfner von einer anonymen Aktion. "Da wissen wir aber bis heute gar nicht, ob das wirklich von Axel-Springer-Kollegen gemacht wurde oder ob das jemand von draußen aufgehängt hat."
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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