Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus - 13.09.2011, 11.41 Uhr

Kartoffelsalat: Der Mayo-Äquator

Die einen essen ihn mit Brühe, die anderen schwören auf die richtige Mayonnaise: Wie der Kartoffelsalat gegessen wird, ist eine Streitfrage, die schon ganze Grillgesellschaften entzweit hat. News.de sagt, warum Deutschland durch die Mayo getrennt ist.

Mayo? Oder Brühe? Am Kartoffelsalat scheiden sich die Geister. Bild: news.de/dapd

Es gibt Dinge, darüber lässt sich vorzüglich streiten: Ob Jogi Löw ein guter oder nur ein gut gekleideter Bundestrainer ist, ob Charlotte Roche eine Literatin oder nur ein sensationshungriger Schreiberling ist - oder ob Kartoffelsalat nun mit Mayonnaise gemacht wird. Oder mit Brühe? Mit Essig und Öl?

Deutschland ist geteilt. Durch den Mayo-Äquator. Auf der einen Seite gibt es den Kartoffelsalat mit der Brühe, die fettarme Variante, auf der anderen Seite den Salat mit Mayonaise - ein Angriff auf die Hüfte unter dem Decknamen des Salates.

Petra Foede ist Expertin für kulinarische Forschung. Die Journalistin und Kulturhistorikerin beschäftigt sich mit unserem Essen. Auch zu dem Phänomen Kartoffelsalat hat sie geforscht und herausgefunden: Obwohl der Mayo-Salat eher dem Norden zugesprochen wird, und der Brühe-Salat dem Süden, ist diese Unterscheidung erst neueren Datums.

FOTOS: Kartoffelsalat Wo sich Brühe und Mayo scheiden
zurück Weiter We Butter The Bread With Butter (Foto) Foto: Redfield Records Kamera

Der Ursalat war aus Essig und Öl

Ungezählte Grillgesellschaften haben sich schon gefragt: Was war erst? Der mayonnaisige Kartoffelsalat oder der brühige? Die Antwort: Gar keiner von beiden. Petra Foede hat das erste Rezept mit Fleischbrühe erst in einem Buch von 1850 entdeckt, Mayo kam sogar noch später. Und eine Grenze gab es auch nicht. Auch Norddeutschland kochte mit Brühe.

Eines der ersten Rezepte für Kartoffelsalat stammt aus dem Jahre 1621. In einem österreichischen Kochbuch beschreibt ein Mönch, wie man Kartoffeln zubereiten könne. Zum einen als Püree mit Rosenwasser, zum anderen als Salat mit Öl, Essig, Pfeffer, Salz und etwas Zucker, als Beilage zu Huhn oder Masthahn. Wer also ganz traditionell seinen Kartoffelsalat essen möchte, der greift zu Essig und Öl. Alles andere: neumodischer Kram.

Die einsame Brühe-Hochburg

Im Gegensatz zum Mayo- ist der Weißwurst-Äquator klar definiert. Einhundert Kilometer um München wird die Weißwurst gegessen, alles außerhalb ist kein Weißwurstland. Und die Mayo-Grenze? Die schlängelt sich eher, sorgt sogar dafür, dass es ein paar einsame Brühe-Hochburgen im Mayo-Land gibt. Und umgekehrt.

In Berlin beispielsweise. Da gibt es den traditionellen Kartoffelsalat Berliner Art mit Mayonnaise, sagt Petra Foede. Wer im Internet nach Rezepten sucht, der findet für den Berliner Kartoffelsalat aber auch Rezepte mit Brühe: «Um 1900 wurde er bei Aschinger in Berlin - eine Schnellrestaurant-Kette - aber noch mit Essig, Öl und Senf angemacht», sagt Petra Foede. Berlin - geteilt durch die Mayo-Grenze?

Eine Grenze verläuft ziemlich sicher zwischen Niederrhein und Rheinland. Während im Rheinland der Salat mit Brühe angemacht wird, gibt es am Niederrhein die Mayo-Variante. Dicht an dicht sitzen sie da, die Mayo- und die Brühegläubigen. Im brühehaltigen Rheinland leben vorwiegend Katholiken, der Niederrhein ist eher protestantisch geprägt. Der Kartoffelsalat, ein Ausdruck der Religionszugehörigkeit? Forschungen dazu gibt es noch nicht, bietet sich aber als kulinarisch durchaus interessantes Untersuchungsgebiet an.

Mayo ist für die Faulen, Brühe für die Fleißigen

An der Gewerbeschule für Gastronomie und Ernährung in Hamburg macht man sich die Überlegung zu «Mayo oder Brühe» übrigens viel leichter. Ein Kartoffelsalat mit Mayo ist «kein Kartoffelsalat, sondern ein Mayonnaisensalat», sagt Kirsten Schwetie, Abteilungsleiterin Köche/Köchin. Ein richtiger Kartoffelsalat, der wird mit heißer Brühe und Zwiebeln übergossen.

Aber woher dann die Mayonnaise? Warum vor jeder Grillparty die bange Frage, ob ein Kartoffelsalat mit Brühe auch allen Anwesenden schmeckt? Petra Foede hat dafür eine Erklärung: «Salate mit Mayonnaise wurden in Deutschland seit den 1920er Jahren durch fertig hergestellte Feinkostsalate populär», sagt sie. Und weil der gemeine Grillgast den Salat meist aus dem Kühlfach des Supermarktes holt, steht auf vielen Gartentischen der Salat mit Mayo. Nichts mit Grenze, nichts mit religiösen Vorstellungen und der Fastenzeit, vielleicht einfach nur: Faulheit?

Ein Lied über den Kartoffelsalat und wie US-Amerikaner ihn nennen: Zehn Dinge zum Kartoffelsalat finden Sie in unserer Bilderstrecke.

hem/news.de

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