Von Christiane Oelrich - 30.01.2010, 15.00 Uhr

Unterwegs im Regenwald: Kuschelforschung trotz Giftschlangen

Der Krach ist enorm - fernab der Zivilisation, tief in einem der unberührtesten Stücke Regenwald, die es noch auf der Erde gibt, ist vor allem nachts die Hölle los. Es zirpt, pfeift, singt, rauscht, schallt, kracht - hier tobt das Leben.

Biologe Ulmar Grafe nimmt die «ICE»-Schlange im Regenwald von Brunei in Augenschein. Bild: dpa

Ulmar Grafe (49), Tropenbiologe und Bio-Akustiker aus Würzburg, steht mitten drin im Regenwald und fühlt sich pudelwohl. Der Frosch-Experte lebt in Brunei und ist dort Professor. Das ölreicheSultanat liegt an der Nordküste Borneos, am Südchinesischen Meer. Etwa die Hälfte des Landes ist waldbedeckt, und ein Drittel der Staatsfläche steht unter Naturschutz. Brunei ist gut doppelt so groß wie Luxemburg.

So oft es geht, fährt Grafe zur Forschungsstation Kuala Belalong, die die Uni mitten im Regenwald unterhält. Es geht erst mit dem Schnellboot an Mangroven vorbei 45 Minuten in den durch malaysisches Staatsgebiet abgetrennten Landesteils Temburong, dann eine halbe Stunde mit dem Auto, bis die Straße zu Ende ist, und schließlich mit einem schmalen Longboat aus Holz tief in den Wald. Die Station liegt am Belalong-Fluss. «Hier her zu kommen ist für mich pure Erholung - keiner erreicht mich», sagt Grafe. Für den Frosch-Kenner ist es ein wahres Paradies. «In Deutschland gibt es 14 Froscharten, in diesem Gebiet allein 66.»

Mit Schirm, Dolch und Kamera

Grafes Arbeit beginnt kurz vor Einbruch der Dunkelheit. «Dann werden die Tiere, die uns interessieren, aktiv», sagt er. An diesem Abend macht der Regenwald zunächst mal seinen Namen alle Ehre: es gießt wie aus Kübeln. Als es aufhört, geht es los. In Hemdsärmeln, mit Gummistiefeln, Bergmann-Lampe am Kopf, Rucksack, Schirm, Dolch - «man weiß ja nie» - Kamera, Fernglas und einem Schlangengreifer macht er sich auf den Weg.

Bachbetten eignen sich besonders, um in dem Dickicht voranzukommen. Ein Stau, der den Bach stellenweise zum Tümpel macht, mit hüfthohem Wasser, allerlei Getier und Stämmen und Schlingpflanzen im trüben Wasser? Kein Problem. «Die Taschen einfach hochhalten», sagt Grafe ungerührt und geht voran. «Die Stiefel kann man anschließend ja ausschütten.» An diesem Abend stolpert niemand, keine Wasserschlange wuselt vorbei, die Ausrüstung kommt sicher und trocken am anderen Ende des Tümpels an.

Grafe ist in dieser Nacht mit dem Studenten Matthias Dahmen aus Trier unterwegs. Die beiden suchen einen winzigen Frosch im riesigen Wald. Nicht irgendeinen. Grafe hat ein paar Fröschen Mikrochips eingepflanzt um zu sehen, in welchem Radius sie sich bewegen. Telemetrie heißt das. Dahmen faltet eine riesige Antenne aus. Auf dem Peilgerät schlägt die Nadel aus - der Frosch, in diesem Fall ein Borneo-Flussfrosch - muss in der Nähe sein. «Das heißt natürlich nicht, dass er noch lebt», sagt Grafe. «Der Chip sendet auch Signale, wenn er samt Frosch im Bauch einer Schlange ist.»

ICE-Schlange kringelt sich auf einem Blatt

Schlangen - ein heikles Thema für unbedarfte Regenwaldbesucher. Einige der giftigsten sind auf Borneo zu Hause, wie die Grubenotter, der Grafe und Dahmen tags zuvor bei einem nächtlichen Ausflug begegnet sind. Seelenruhig machten sie Fotos. «Grubenottern können auch bei völliger Dunkelheit ihre Beute sicher erkennen und töten», heißt es warnend in Fachbüchern. «Ein Lauerjäger», bestätigt Grafe. Die Schlange wartet, bis die Beute ihres Weges kommt, und schlägt dann blitzschnell zu. Sie kann nämlich das durch Körpertemperatur erzeugte Infrarotlicht erkennen, bei Ratten etwa, oder Mäusen. Oder Menschen. Grafe lacht. «Man muss halt Abstand halten», sagt er.

An diesem Abend kringelt sich nur eine hübsche ICE-Schlange träge auf einem Blatt. Das fingerdicke giftgrüne Tier hat seinen Spitznamen von der Kopfform, die an den ICE erinnert. Sie heißt Ahaetulla prasina und ist harmlos. «Die größte Gefahr im Regenwald ist es, von einem Baum erschlagen zu werden», sagt Grafe. Das restliche Getier, das sich an diesem Abend bislang gezeigt hat, ist Kleinzeug. Schaben flitzen über den Waldboden, Falter und Motten fliegen herum, kleine Geckos sitzen auf Blättern - und dann kracht es plötzlich laut.

Dem Regenwaldneuling fährt der Schreck in die durchnässten und verschwitzten Glieder. Dunkel im Regenwald ist anders als dunkel in der Stadt. Dunkel fernab künstlicher Lichtquellen heißt pechschwarz. Nichts mit Sternenlicht, die Baumkronen sind viel zu dicht. Der Lichtkegel der Bergmannslampe ist klein - winzig, wenn es plötzlich kracht. Das vermeintliche Zwei-Meter-Biest entpuppt sich als Student Dahmen. «Noch mal gut gegangen», sagt er gut gelaunt. Er war ausgerutscht und hatte dabei einen dicken Ast durchgebrochen.

Wie sich ein Pilz im Kampf um Nährstoffe behauptet

Zurück zum Frosch. Grafe und Dahmen sind ganz begeistert, dass der präparierte Winzling in der Nähe sitzt. Dahmen deutet mit der Antenne auf einen steilen Hang, die Nadel schlägt noch fester aus. Grafe klettert ins Dickicht, schiebt auf dem Boden das Laub zur Seite, und bekommt den Chip-Frosch tatsächlich zu fassen. Er markiert die Stelle mit einem Satelliten-Navigationsgerät. Das ganze geht später in ein Computerprogramm. Dann darf der Frosch zurück ins Dickicht.

Richtig große Tiere gibt es im Regenwald auf Borneo nicht. Warane, Wildschweine, Affen, ein paar Hirscharten, kleine Wildkatzen, das war's auch schon. «Die Konkurrenz um Nährstoffe ist groß hier», sagt Grafe. «Die Humusschicht ist dünn, der Wald sehr alt. Es fehlt an Düngung. Der Amazonas-Regenwald wird beispielsweise mit Sand aus der Sahara gedüngt. Da sind Mineralien, Stickstoff und Phosphor drin.» Dafür gibt es hier 80 Meter hohe Bäume, höher als im Amazonas- und im Kongogebiet. In Wettbewerb um die Nähstoffe hat sich hier ein pfiffiger Pilz seinen Platz erkämpft. Er spannt Fäden so fest wie Nähgarn. Überall sind sie an Bäumen zu sehen. Darin verheddern sich herunterfallende Blätter, die der Pilz mit neuen Fäden überzieht, um auch das letzte Quäntchen Nährstoff daraus zu ziehen.

Der ganze Wald ist ein kompliziertes aufeinander abgestimmtes Ökosystem. Eine Schneise, zum Beispiel eine Straße, kann das Gleichgewicht empfindlich stören. Bestimmte Insekten können dort, wo die Bäume fehlen, plötzlich nicht weiter. Ihr Lebensraum ist abgeschnitten. Pflanzen, die es nicht gewohnt sind, bekommen plötzlich Licht. Bei heftigem Regen rutscht der gerodete Waldboden leicht ab und schüttet Bäche zu. Über eine solche Schneise wandern in Temburong zum Beispiel neuerdings Wasserhunde ein - Frösche, die ihren Namen dem Bellgeräusch verdanken, das sie statt Quaken zum Besten geben. Sie mögen das freie Feld, die Tümpel am Wegesrand.

«Ist ihre Ankunft gut oder schlecht?», sagt Grafe. «Verschwinden Arten, vermehrt sich die Zahl der Arten? Wir wissen es nicht.» Dann stellt er rhetorisch die Frage vieler Laien: «Muss man das erforschen? Die Antwort ist einfach: Man weiß nie, wozu es gut ist.» So könnte es sein, dass durch Eingriffe im Ökosystem Frösche verschwinden, deren Hautsekret Krebs heilende Wirkung hätte. Um diese Möglichkeiten zu erforschen, müsse der Wald so bleiben wie er ist. «Der Regenwald bringt jede Menge kostenloser Dienstleistungen - frisches Wasser, saubere Luft», sagt Grafe. «Wenn der Primärwald abgeholzt wird, verschwinden die Tiere. Holzplantagen laugen den Boden aus, Palmölplantagen auch - am Ende verkarstet das Land.»

Fast keine Mücken im Regenwald

Und Eingriffe stören die natürliche Nahrungskette. Zum Beispiel gibt es in Südostasien heute viel mehr Mücken, die das gefährliche Dengue-Fieber übertragen, als früher. Ein reicher Staat wie Singapur bringt Unsummen Geld auf, um sein Territorium mit der Chemiekeule frei von Mücken zu halten. Das kann sich aber kaum ein anderes Land leisten. Trotz Hitze und Feuchte gibt es hier im Regenwald kaum Mücken - ein Anzeichen für intakte Natur, erläutert Grafe. Brunei ist offiziell Malaria-frei.

Grafe wendet sich wieder den Fröschen zu. Ein winziges Exemplar auf einem Blatt am Bachlauf lässt sein Herz höherschlagen. Ein Winkerfrosch, seine Spezialität. Der Winzling lebt an Wasserläufen, und weil hier das Wasser rauscht und die Geräuschkulisse besonders laut und vielseitig ist, hat er ein besonderes Merkmal entwickelt, um seine Liebste im Dickicht anzulocken: er hat an den Füßen weiße Schwimmhäute und «winkt» damit. Der Frosch riecht wie eine feuchte Frühlingswiese. «Ich könnte bei Wetten, dass... mitmachen», sagt Grafe. «Erkennen Sie zehn Frösche am Geruch....»

Dann gibt es die blutsaugenden Fliegen, die von den Lauten der Frösche angezogen werden - nur die Männchen mit ihrem Gequake werden befallen. Frösche, die im Hochfrequenzbereich rufen, entgehen den Plagegeistern. Das fand Grafe bei Experimenten mit Lautsprechern heraus, die im Dickicht Frosch-Töne in den Regenwald bliesen. So konnte er die Fliegen einfangen. Wie genau sie hören, wird noch untersucht. Daraus könnten Erkenntnisse über das Richtungshören an sich gewonnen und für den Bau von Hörgeräten genutzt werden.

Zehn Tage unter einem simplen Unterstand

Schichtwechsel im Regenwald. Neben den nächtlichen Streifzügen hat auch die Zeit vor Sonnenaufgang ihren besonderen Reiz. Dann steigt der Nebel auf und die tagaktiven Tiere erwachen. Das Geschrei der Gibbons ist als erstes zu hören. Sie markieren damit im Morgengrauen ihr Territorium. Auf dem Waldboden ist eine Armee Treiberameisen unterwegs - große Tiere, die in einer nicht enden wollenden Kolonne vorbeimarschieren. «Sie wohnen nirgends und fressen alles, was ihnen in die Quere kommt», sagt Grafe. «Auch Menschen, wenn man nicht aufpasst.» Der Biologe hat sich schon einmal vor einem solchen Ameisen-Angriff in Sicherheit bringen müssen. «Sie stören durch ihre Fresssucht auch die Natur, aber das ist gut so - so haben auch weniger dominante Arten eine Chance», sagt er.

Grafe nennt die Arbeit an seiner Station gerne «Kuschelforschung». Weil es hier nach durchschwitzter Nacht eine warme Dusche und ein richtiges Bett gibt. Bei Expeditionen im nahen Malaysia verbringt Grafe mit Kollegen auch schon mal acht, zehn Tage unter einem sehr simplen Unterstand auf einer Pritsche. Blutegel sind dort tägliche Begleiter - was den Forscherdrang natürlich nicht dämpfen kann.

car/news.de/dpa

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