Von news.de-Redakteurin Fabienne Rzitki - 04.04.2011, 10.37 Uhr

Sauerstoffbars: Die pure Abzocke

In den USA erfreuen sich Sauerstoffbars seit den 1990er Jahren großer Beliebtheit. Das lebenswichtige Gas, hoch konzentriert - das gibt es für ein paar Euro mittlerweile auch in Deutschland. Welche Heilwirkungen die Anbieter versprechen und warum das nichts bringt, verrät news.de.

Sauerstoffbars erfreuen sich in den USA ungebrochener Beliebtheit. Auch in Deutschland wächst die Nachfrage. Bild: Wikimedia Commons/ Xiaphias / Creative Commons License

Nein, das im Einkaufszentrum in Las Vegas ist kein Feldlazarett. Die Menschen, die am Tresen sitzen und Sauerstoffmasken tragen, sind keine Opfer einer Rauchvergiftung. Es sind gestresste Großstädter, die freiwillig hochprozentigen Sauerstoff schnüffeln - und sie bezahlen dafür. Pro Minute etwa einen Dollar. Immer mehr dieser Bars gibt es inzwischen auch in Deutschland - unter anderem in Frankfurt, Berlin, Wiesbaden, Leverkusen und Köln.

Diese Menschen glauben den Heilsversprechen der Sauerstoffwirte - und sind überzeugt, dass das Inhalieren des lebensnotwendigen Stoffs sie leistungsfähiger macht. Die schnelle Dosis soll die Konzentration fördern und ein Jungbrunnen sein.

«Das ist völliger Quatsch», meint Professor Dieter Köhler vom wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) sowie Leiter der Lungenfachklinik Kloster Grafschaft im sauerländischen Schmallenberg. Die Wirksamkeit sei wissenschaftlich widerlegt, sagt Köhler gegenüber news.de. «Es gibt lediglich einen Placebo-Effekt, mehr nicht.»

Mundaufsatz und Nasenstöpsel

Im Angebot sind verschiedene Sauerstoffkuren, die durch spezielle Nasenstöpsel oder einen Mundaufsatz eingenommen werden. Einige Sauerstoffbars filtern via Konzentratoren den Sauerstoff aus der Luft. Dabei werden Konzentrationen zwischen 92 und 96 Prozent erreicht. Dieser Anteil relativiert sich in der Praxis, denn die tatsächlich eingeatmete Menge ist ungleich weniger. Ein Rechenbeispiel: Während der Kur werden zwei Liter hochprozentiger Sauerstoff und etwa zehn Liter normale Luft pro Minute eingeatmet. Effektiv macht das etwa 30 Prozent reinen Sauerstoff, der in die Lunge kommt.

Es gibt auch Kuren mit ionisiertem Sauerstoff, der negativ geladene Teilchen enthält. Dieses Gas soll noch besser wirken. Versprochen wird eine Leistungssteigerung bis zu 90 Prozent. Auch das ist laut Köhler nicht zu halten. «Der Großteil des ionisierten Sauerstoffs bleibt an der Nasen- und Bronchialwand hängen. Es kommt gar nicht so viel in die Lunge und damit auch nicht ins Blut.»

Was passiert mit dem Sauerstoff im Blut?

Der Mensch hat sich perfekt an seine Umwelt angepasst. «Zum Leben reichen die 21 Prozent Sauerstoffanteil in der Luft», erklärt Köhler. Heftig kritisiert er die Praktiken der Anbieter: Diese propagierten, dass eine Anhebung des Sauerstoffgehalts im Blut die Zellen besser mit dem lebensnotwendigen Gas versorgt. «Durch die Inhalation kann der Sauerstoff im Blut kaum erhöht werden», sagt der Experte.

Die SauerstoffsättigungGibt an, wie viel Prozent des Hämoglobins im Blut mit Sauerstoff beladen sind. im Blut beträgt bis zu 98 Prozent. Mehr geht kaum und bringt auch nichts. Denn «der Sauerstofftransport geht über das HämoglobinEiweiß, dass sich im roten Blutkörperchen befindet. . Es nimmt so viel Sauerstoff auf, wie es braucht. In der Regel ist es gesättigt», so Köhler. Ein Beispiel: «Ein volles Glas Wasser kann nicht noch mehr Wasser aufnehmen, es schwappt über.» Zu viel Sauerstoff wird einfach wieder abgeatmet. Wer also an den Bars in Wellness-Instituten oder Kliniken Sauerstoff inhaliert, verbrennt Geld. «Egal, ob man 50- oder 100-prozentigen Sauerstoff inhaliert, er reichert lediglich die Luft an.»

Und wie sieht es mit den Hochleistungssportlern aus? Unter Wettkampfbelastung schlafen einige Athleten in Sauerstoffzelten, um fitter zu sein. Auch das hält Köhler für nicht notwendig. «Wenn die Sportler leistungsfähiger werden wollen, müssen sie unter Sauerstoffmangel trainieren oder leben - hoch oben im Gebirge, bei etwa 3000 Metern.» Der Trick dahinter: Unter HypoxieSauerstoffmangel werden mehr rote Blutkörperchen gebildet. Dann wird mehr Sauerstoff über das Hämoglobin transportiert. Das steigert die Leistung.

«Die Welt will betrogen werden»

Der Hype um die Sauerstoffbars funktioniere so gut, weil er esoterisch unterlegt sei. Die Medien hätten daran eine große Mitschuld. Köhler zufolge gibt es in Boulevard-Magazinen viele esoterische Artikel, die solche Heilwirkungen beteuern. «Die Versprechen der Anbieter werden immer nebulöser. Stets kommen falsche Versprechen hinzu, ohne einen einzigen wissenschaftlichen Beweis», erklärt Köhler. «Die Welt will betrogen werden, denn die Menschen möchten an die Heilwirkungen einfach glauben.»

Reiner Sauerstoff sei hochgiftig. Die hochreaktive Substanz könne den Körper stark schädigen. «Wer ausschließlich reinen Sauerstoff inhaliert, muss bereits nach zehn Minuten mit Lungenschäden rechnen. Nach einer Stunde kollabieren bereits Teile der Lunge», warnt der Spezialist. Ein gesunder Mensch, der zwei Wochen lang hochkonzentrierten Sauerstoff einatmet, ist nach 14 Tagen tot. Allerdings sei es nicht gefährlich, an Sauerstoffbars den Hochprozentigen zu inhalieren, da gleichzeitig viel mehr Luft eingeatmet wird und eine Sitzung nur fünf bis zehn Minuten dauert.

zij/ham/reu/news.de

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