Von news.de-Mitarbeiterin Angelika Megyesi - 25.12.2010, 10.19 Uhr

Mythos und Wahrheit: Das Fest der Suizide

Weihnachten - ein Fest der Liebe und vor allem der Familie. Doch nicht für jeden verspricht es das zu werden. Menschen, die die Festtage allein verbringen müssen, sollen an Weihnachten suizidgefährdeter sein als in den Sommermonaten.

Einsamkeit an Weihnachten: Soziale Kontakte verhindern in der Adventszeit Suizide. Bild: ddp

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Traditionell verbringt man wenigstens diese Tage im Jahr mit der Familie. Gemeinsam isst man den Festtagsschmaus, sitzt besinnlich unter dem Weihnachtsbaum und im Fernseher läuft einmal mehr die Schmonzette Sissi.

Doch was ist mit denen, die dieses perfekte Bild an den Festtagen nicht erleben? Einsame, verzweifelte Menschen sollen in diesen Tagen besonders suizidgefährdet sein.

Der Mythos vom weihnachtlichen Freitod

Stimmt aber nicht. Laut Statistischem Bundesamt werden ausgerechnet im Dezember wesentlich weniger Selbstmorde begangen, als in anderen Monaten. Auch wenn die Herbst- und Wintermonate dunkel und trüb sind, nehmen sich tendenziell sogar mehr Menschen im Frühjahr und Sommer das Leben. 2008 wählten 9571 Menschen den Freitod; die meisten im April und Mai. Im Dezember und im Februar hingegen war die niedrigste Selbstmordrate. Warum?

Gerade in der Adventszeit werden Suizide verhindert. In keinem anderen Monat ist der Terminkalender so voll gepackt: da gibt es hier eine Unternehmens-Weihnachtsfeier, dort ein Wichtelabend vom Verein. Für Psychologen sind solche Verpflichtungen präventive Maßnahmen, die der Dezember automatisch mit sich bringt.

Aber warum sollen ausgerechnet in den schönen Sommermonaten die meisten Selbstmorde geschehen? Forscher versuchen schon lange Antworten darauf zu finden. So erklärt Professor Thomas Bronisch vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München im Gespräch mit news.de: «Biologisch fällt in den sonnigen und warmen Monaten der Serotoninspiegel ab. Da Serotonin aber impulsives und aggressives beziehungsweise autoaggressives Verhalten dämpft, spielt das oft bei suizidalen Handlungen eine bedeutende Rolle.» Einen unmittelbaren Zusammenhang sieht Bronisch zwischen der ebenfalls erhöhten Depressionsrate in den Frühlings- und Sommermonaten. Er geht davon aus, dass es ohne depressive Stimmung auch selten zu einem Suizid komme.

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Aus psychologischer Sicht wird angenommen, dass gefährdete Menschen die dunkler werdende Jahreszeit als natürlich bewerten. Erst ab dem Frühjahr, wenn sich die Gemütsstimmung mit dem Sonnenschein und der Wärme nicht wie erwartet verbessert, sind sie enttäuscht. Entgegen weitläufiger Meinung besteht also kein direkter Zusammenhalt zwischen trüber Jahreszeit und traurig-depressiver Stimmungslage.

Männer und Senioren sind am meisten gefährdet

Besonders Männer sehen oft keinen anderen Ausweg. 2008 waren laut Statistischen Bundesamt Dreiviertel der Selbstmörder Männer. Eine besonders gefährdete Personengruppe stellen auch die älteren Menschen dar: So war jeder Dritte, der sich 2008 das Leben nahm, zwischen 45 und 60 Jahre alt. Auch Pastor Bernd Blömeke von der Telefonseelsorge im Diakonischen Werk der EKD meint, dass die Suizidgefährdung mit dem Alter zunimmt.

Die Suizidrate ist zwar in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Doch Psychologen warnen vor einer hohen Dunkelziffer bei den Selbstmorden älterer Menschen. So sei beispielsweise der sogenannte «stille Suizid» ein Phänomen in den Pflegeheimen. Alte und gebrechliche Menschen nehmen beispielsweise unbemerkt eine Überdosis von Medikamenten ein oder lassen notwendige weg.

Ein Suizid kann nicht rückgängig gemacht werden. Und viele derjenigen, die sich umbringen wollten, distanzieren sich innerhalb von Stunden und Tagen wieder davon. Bronisch empfiehlt deshalb Angehörigen und Freunden von selbstmordgefährdeten Menschen persönlichen und anteilnehmenden Kontakt herzustellen - dies sei die erste und wichtigste Hilfe.

iwe/news.de

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