Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen - 05.10.2009, 06.03 Uhr

Studie über Geschwister: Glücklich ist, wer eine Schwester hat

Manche verfluchen sie und würden sie am liebsten zum Teufel schicken. Dabei kann sich jeder, der eine Schwester hat, glücklich schätzen. Sie macht nämlich das Leben leichter und heiterer und fördert die Kommunikation.

Wie kann man sich nur so gut verstehen? Doch die Schwestern Anja (links) und Gerit Kling kommen offensichtlich prächtig miteinander aus - und das ist nicht geschauspielert. Bild: ddp

«Wenn du nicht da bist, verschwindet die Farbe aus meinem Leben», schrieb die Schriftstellerin Virginia Woolf an ihre Schwester. Die in Hannover lebende Malerin Susanne Riemann findet ihre elf Jahre jüngere Schauspieler-Schwester Katja «süß wie eine Puppe». Und Gerit und Anja Kling spielen sogar vor der Kamera das, was sie im wahren Leben sind: gut gelaunte Schwestern.

Doch nicht alle Geschwisterbeziehungen sind so innig. Man denke da nur an Paris und Nicky Hilton; bei den beiden exzentrischen Hotelerbinnen tobt immer mal wieder der Zickenkrieg-Alarm – meist aus Gründen wie «Ich kann deine beste neue Freundin nicht leiden». Und Lulu – das ist die 17 Jahre alte Schwester von Sarah Connor – würde die Popsängerin am liebsten zum Teufel schicken, weil niemand in ihr Lulu sieht, sondern nur die kleine Schwester der berühmten Sarah.

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Lulu hat das große Los gezogen

Was Lulu (noch) nicht weiß: Sie hat das große Los gezogen – gerade weil sie eine Schwester hat. Jedenfalls sagen das Wissenschaftler der britischen Universitäten Ulster und De Montfort. Die Soziopsychologen nahmen 570 Menschen zwischen 17 und 25 Jahren unter die Lupe. Dabei versuchten sie herauszufinden, wie sehr sich ihre Probanden sozial unterstützt fühlten und wie gut sie ihr Leben im Griff hatten.

Bereits in einem früheren Projekt hatten die Wissenschaftler gezeigt, dass sich Mädchen mit Schwestern schneller wieder aufrappeln, wenn sie in ihrem Leben auf Schwierigkeiten stoßen. «Nun wollten wir herausfinden, ob sich der positive Einfluss von Schwester nur auf weibliche Geschwister erstreckt oder auch auf Brüder», wird Studienautorin Liz Wright in der Zeitschrift Psychologie heute zitiert. Das tut er tatsächlich.

Menschen mit Schwestern fühlten sich ausgeglichener und optimistischer als Menschen, die nur Brüder hatten, fanden Wright und ihre Kollegen heraus. Auch im späteren Leben bleibt der Schwesternbonus erhalten. Wer mindestens eine Schwester hat, ist ehrgeiziger, motivierter, hat mehr Freunde und führt insgesamt ein besseres Sozialleben. «Mädchen sprechen eher über ihre Gefühle und ermuntern die restlichen Familienmitglieder dazu, das Gleiche zu tun», sagt Wright. Und: «Schwestern fordern innerhalb der Familie die offene Kommunikation und stärken so den Familienzusammenhalt.»

Schwestern leben ihre Gefühle anders aus

Mit dem Phänomen Schwestern hat sich auch Professor Hartmut Karsten auseinandergesetzt: «Das Besondere unter Schwestern ist, dass Frauen untereinander Gefühle anders artikulieren und ausleben als Männer. Äußert sich bei Männern die Rivalität eher physisch, so gibt es zwischen Frauen Intrigen und Sticheleien auf der emotionalen und verbalen Ebene. Da Frauen in der Regel eine höhere Sensibilität für das Innerseelische besitzen, können Schwestern auch eine intimere Beziehung zueinander aufbauen als Brüder oder gemischt-geschlechtliche Geschwisterpaare», erklärt der Familienforscher und Frühpädagoge am Staatsinstitut für Frühpädagogik und Dozent für Psychologie und Pädagogik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

Und wie sieht es mit Einzelkindern aus? Die holen sich laut Wright ihre soziale Rückendeckung oft außerhalb der Familie. Sie lagen in der britischen Studie deshalb auch im Mittelfeld und konnten durchschnittlich gut mit Herausforderungen umgehen.

Pech haben laut der Studie vor allem Männer, die nur mit Brüdern aufwachsen. Sie waren von allen Teilnehmern am pessimistischsten. Anscheinend hemmt eine solche Geschwisterkonstellation eine offene Kommunikation. «Jungen neigen dazu, ihre Probleme zu verinnerlichen, und entmutigen damit auch andere, über die Gefühle zu sprechen», sagt Wright zu Psychologie heute. Eltern sollten sich dieses Effekts bewusst sein, rät die Wissenschaftlerin. Denn: Offene Kommunikation kann natürlich gelernt werden.

Vor der Schwester ist man seelisch nackt

Und außerdem: Unter Brüdern entstehen seltener solche heftigen Gefühle wie Neid, Konkurrenz und Eifersucht. «Die Schwester ist die engste und intensivste Beziehung, die Frauen haben. Kein anderer Mensch kennt sie so lange, so genau und so nah in verschiedensten Lebensphasen und Gefühlslagen», sagt Familienforscher Karsten. «Vor der Schwester ist man seelisch nackt. Dies bewirkt eine unvergleichbare Liebe, Vertrautheit, Verbundenheit und Nähe. Aber genau diese Verbundenheit macht auch ungeheuer verletzbar.»

Denn Schwestern kennen wechselseitig ihre wunden Punkte so genau wie niemand anderes. Verstärkt wird dies, da Schwestern immer verglichen werden. Von den Eltern, Freunden, Lehrern. Dies schürt natürlich Konkurrenz, Neid und Eifersucht. «Ebenfalls verstärkend kommt hinzu, dass wir in einer sehr leistungsorientierten Zeit leben, in der permanent verglichen und miteinander konkurriert wird», sagt Karsten.

Ach ja: Der Münchner Wissenschaftler misstraut dem Bild, das berühmte Schwestern wie etwa die beiden Schauspielerinnen Gerit und Anja Kling in der Öffentlichkeit vermitteln. «Diese Schwestern möchte und kann ich gar nicht beurteilen», sagt er. «Das, was wir wahrnehmen, ist das öffentliche Rollenverhalten. Das, was die Schwestern nach außen zeigen wollen und wie sie wahrgenommen werden wollen.» Was aber tatsächlich zwischen ihnen stattfindet, darüber könnten wir uns kein Urteil erlauben. Es wird in jedem Fall differenzierter sein als das klare einfache Bild, welches wir gezeigt bekommen.

kat/reu/news.de

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