Von news.de-Redakteurin Mara Schneider - 05.11.2008, 12.07 Uhr

Ausbildung Epilepsiehund: Züchter sagen: «Keine Tiere für Krüppel»

Ein Epilepsiehund kann das Leben von Epilepsie-Patienten erheblich erleichtern. Doch auf der Suche nach einem geeigneten Tier stehen die Betroffenen oft vor zahlreichen Problemen. Nicht nur die Kosten in Höhe von rund 25.000 Euro sind für viele eine Hürde.

Ein Golden Retriever dient als Epilepsiehund. Bild: news.de

Dass Hunde epileptische Anfälle anzeigen können, ist eher zufällig entdeckt worden. Epilepsiepatienten, die einen Hund hatten, schilderten, dass sich das Verhalten des Hundes änderte, bevor sie einen Anfall bekamen. Je länger die Betroffenen mit ihren Hunden zusammenlebten, desto früher konnten sie am Verhalten ihres Hundes feststellen, dass sich ein Anfall ankündigte.

«Aber nicht jeder Hund ist als Epilepsiehund geeignet», weiß Gabi Rosenbaum. In ihrer Welpenschule Hundetage in Bremen wird diese Art von Servicehunden seit vier Jahren ausgebildet. «Er darf nicht schreckhaft sein und kein aggressives Verhalten an den Tag legen», erklärt sie. Am besten geeignet sind Golden oder Labrador Retriever. Diese Jagdhunde sind sehr intelligent, verfügen über große Ausdauer und können selbstständig arbeiten. Schon seit langem werden Retriever daher auch als Berg- und Lawinenhunde eingesetzt, in Rettungsstaffeln, bei der Drogensuche oder als Begleithund.

Während die Ausbildung zum Epilepsiehund in den USA seit etwa 15 Jahren praktiziert wird, ist sie in Deutschland nach wie vor weitgehend unbekannt. Dementsprechend schwer ist es für Betroffene, einen geeigneten Ansprechpartner zu finden. «Wir sind gerade dabei, quer durch die Republik ein Netz aufzubauen, um die Ausbildung kostengünstiger zu gestalten», sagt Erik Kersting. Der 44-Jährige arbeitet für die Stiftung Hunde helfen Leben und hat in den vergangenen zehn Jahren rund 40 Epilepsiehunde ausgebildet. In Deutschland kooperiert die Stiftung bisher mit Einrichtungen in Bremerhaven, Koblenz, Stuttgart, im Saarland und im Raum Aachen. Für die nächste Ausbildung zum Servicehundetrainer im Januar 2009 werden noch Interessenten gesucht, vor allem in den neuen Bundesländern.

Was passiert, wenn Laien ohne spezielle Kenntnisse versuchen, einen Vierbeiner zum Epilepsiehund auszubilden, kennt Kersting aus Erfahrung. Er weiß von mehreren Fällen, in denen falsch oder gar nicht geschulte Hunde ihre Besitzer gebissen haben, statt sie vor einem epileptischen Anfall zu warnen.

Das lernt der Hund während seiner Ausbildung

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Ob ein Tier für den Job in Frage kommt, kann Kersting bei einem Welpen schon 24 Stunden nach der Geburt feststellen. Mit einem speziell dafür entwickelten Test überprüfen er und seine Mitarbeiter die Beweglichkeit der Neugeborenen, wie die Jungtiere auf Geräusche reagieren und wie stark Saugreflex und Schmerzempfinden entwickelt sind.

Dabei stehen die Mitarbeiter der Stiftung Hunde helfen Leben, die die Suche nach einem geeigneten Vierbeiner übernehmen, aber oft schon vor dem nächsten Problem. Nicht nur, dass viele Züchter so kurz nach der Geburt keine Menschen in die Nähe der Welpen lassen. Viele weigern sich, ihre Tiere an die Stiftung zu verkaufen. «Für einen Betroffenen habe ich schon mal 60 Züchter angerufen, bis ich einen Welpen gefunden habe. Einige haben gesagt, für Krüppel geben sie keine Hunde ab», erinnert sich Kersting.

Bis zu zwei Jahre können vergehen, ehe alle Formalitäten geklärt sind. Im Alter von acht Wochen beginnt die Ausbildung des Welpen. Im Gegensatz zum Blindenführhund lebt ein Epilepsiehund von Anfang an bei seinem Besitzer. So lernt der Hund frühzeitig, mit dessen Anfällen umzugehen. Denn er soll nicht nur davor warnen, sondern auch Hilfe holen, Notklingeln betätigen oder den Patienten wärmen. «Bei vielen sinkt irgendwann die Anfallsrate, weil sie sich mit dem Hund sicherer fühlen», berichtet Kersting. Das liegt auch daran, dass eine Vielzahl der Hunde die Anfälle vorausahnt. «Je näher der Anfall rückt, desto aufgeregter wird der Hund und hindert den Betroffenen immer häufiger daran, sich frei zu bewegen, etwa Treppen runterzulaufen», erzählt Kersting.

Wie Sie einen Epilepsiehund finanzieren können

Die Ausbildung selbst erfolgt in Teilschritten. Zunächst lernt der Hund Gehorsamkeit und wird sozialisiert, also an Menschen gewöhnt. Dann werden dem Tier speziell für seine Funktion nötige Verhaltensweisen antrainiert. Dazu gehört, dass der Hund bei einem epileptischen Anfall seines Besitzers laut bellt, damit andere aufmerksam werden. Er muss die entsprechenden Medikamente holen und sein Herrchen oder Frauchen nach einem Anfall sicher nach Hause bringen. Das Vorausahnen der Anfälle lässt sich in der Regel nicht antrainieren, ist aber vielen Hunden angeboren.

Nach zwei bis drei Jahren gilt die komplette Ausbildung als beendet, doch selbst nach bestandener Prüfung hört das Lernen nicht auf. «Man muss immer dran bleiben. Der Hund muss ständig gefordert und auch gefördert werden», macht Gabi Rosenbaum deutlich. Bei guter Pflege beträgt die Lebenserwartung der Tiere im Durchschnitt zehn Jahre. Erik Kersting weiß jedoch aus Erfahrung, dass beispielsweise Retriever, die als Epilepsiehunde eingesetzt werden, oft 16 Jahre und länger leben. «In Studien wurde festgestellt, dass diese Hunde viel weniger Stresshormone im Speichel haben als Haushunde.» Warum das so ist, konnten Wissenschaftler bisher nicht klären.

Generell ist das Thema Epilepsiehunde in Deutschland noch lange nicht ausgeschöpft. Um einen Beitrag zum Informationsaustausch zu leisten, sucht Gabi Rosenbaum derzeit an Epilepsie leidende Menschen aus der Region Bremen und Oldenburg. «Angesprochen sind Probanden mit regelmäßigen Anfällen, die sich einen Epilepsiehund zulegen möchten. Sie würden die Ausbildung kostenlos bekommen. Im Gegenzug erwarten wir eine rege Mitarbeit, um den Prozess genau dokumentieren zu können», erklärt die Hundetrainerin.

Bis zu 25.000 Euro kosten Anschaffung und Ausbildung eines Epilepsiehundes. Von den Krankenkassen ist im Normalfall keine Unterstützung zu erwarten, auch wenn Kersting einige wenige Ausnahmefälle kennt. Daher sind beispielsweise die Mitglieder der Stiftung Hunde helfen Leben fortlaufend auf der Suche nach Sponsoren. «Bisher haben wir aber fast immer Möglichkeiten gefunden, unsere Klienten zu unterstützen», macht Kersting Mut.

hos/news.de

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