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Wladimir Putin: So will der Kreml-Chef Russlands dezimierte Armee aufstocken

Wladimir Putin muss tief in die Trickkiste - und den Geldbeutel - greifen, um seine von schweren Verlusten gebeutelten Truppen im Ukraine-Krieg aufzustocken. Bild: picture alliance/dpa/Kremlin Pool Planet Pix via ZUMA Press Wire | Mikhail Metzel

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  • Wladimir Putin führt seit knapp vier Jahren Krieg gegen die Ukraine
  • Russische Streitkräfte empfindlich dezimiert - so stockt Putin seine Truppe auf
  • Dicke Prämien, Haft-Begnadigung, Menschenhandel: Putins Strategie für Soldaten-Nachschub

In wenigen Wochen jährt sich der Tag, an dem Wladimir Putin seine "militärische Spezialoperation" in der Ukraine begann, zum vierten Mal - der Ukraine-Krieg tobt seit dem 24. Februar 2022 mit unerbittlicher Härte und schweren Verlusten auf beiden Seiten weiter. Für den Kreml-Chef sind die personellen Einbußen in seiner Armee alles andere als eine Lappalie. Doch wie füllt Putin seine Streitkräfte auf, ohne eine bei der russischen Bevölkerung unbeliebte landesweite Mobilmachung zu befehlen?

Ukraine-Krieg aktuell: Putin-Truppen von schweren Verlusten an der Front gebeutelt

Die britische "Daily Mail" hat dieser Frage einen eigenen Beitrag gewidmet, in dem Wladimir Putins breites Arsenal an Rekrutierungsmethoden offengelegt wird. Demnach setzt der Kreml-Chef auf hohe Geldprämien, die Freilassung von Strafgefangenen sowie einen beschleunigten Weg zur Staatsbürgerschaft für ausländische Kämpfer, um genügend Soldaten für sein Blutvergießen in der Ukraine zusammenzutrommeln.

Wladimir Putin schweigt zur Zahl gefallener Russland-Soldaten im Ukraine-Krieg

Die Zahl der russischen Soldaten in der Ukraine bezifferte Putin bei seiner jährlichen Pressekonferenz im Dezember 2025 auf 700.000. Die tatsächlichen Verluste an der Front hält Moskau freilich unter Verschluss. Das britische Verteidigungsministerium schätzte im vergangenen Sommer, dass mehr als eine Million russische Soldaten getötet oder verwundet worden sein könnten. Die unabhängige russische Nachrichtenseite Mediazona dokumentierte gemeinsam mit der BBC über 160.000 namentlich bekannte gefallene Soldaten. Darunter befinden sich mehr als 550 Ausländer aus über zwei Dutzend Ländern.

Wladimir Putin greift für Soldaten-Prämien tief in die Tasche

Um Freiwillige anzulocken, greift der russische Staat tief in die Tasche. Putins Regierung verspricht all jenen, die sich der Kreml-Armee anschließen, hohe Gehälter und umfangreiche Zusatzleistungen. Regionale Behörden stocken diese Angebote dem Vernehmen nach mit eigenen Bonuszahlungen auf. In der zentralrussischen Region Chanty-Mansijsk beispielsweise erhalte ein neuer Rekrut laut Angaben der dortigen Regionalregierung Prämien von insgesamt rund 50.000 US-Dollar. Das entspricht mehr als dem Doppelten des durchschnittlichen Jahreseinkommens in dieser Region, wo die monatlichen Gehälter in den ersten zehn Monaten 2025 bei knapp über 1.600 Dollar lagen.

Zusätzlich zu den Barprämien lockt der Staat mit Steuererleichterungen und Schuldenentlastung. Wladimir Putin erklärte im Dezember, dass im vergangenen Jahr über 400.000 Freiwillige Militärverträge unterzeichnet hätten. Diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Kreml-Chef scheut sich vor Mobilmachung - und verstärkt Druck auf Wehrpflichtige neben Rekrutierung hinter Gittern

Obwohl der Kreml offiziell von freiwilliger Anwerbung spricht, zeichnen Medienberichte und Menschenrechtsorganisationen ein anderes Bild. Russische Wehrpflichtige im Alter von 18 bis 30 Jahren, die eigentlich vom Einsatz in der Ukraine ausgenommen sind, werden demnach von Vorgesetzten unter Druck gesetzt, Kampfverträge zu unterschreiben. Aktivisten weisen zudem darauf hin, dass viele Verträge eine feste Laufzeit von beispielsweise einem Jahr vorsehen. Potenzielle Rekruten glauben daher oft, ihre Verpflichtung sei zeitlich begrenzt. Tatsächlich werden die Verträge jedoch automatisch unbefristet verlängert.

Die Anwerbung erstreckt sich auch auf Gefängnisse und Untersuchungshaftanstalten. Diese Praxis wurde zu Kriegsbeginn vom verstorbenen Söldnerchef Jewgeni Prigoschin eingeführt und später vom Verteidigungsministerium übernommen. Mittlerweile erlauben russische Gesetze die Rekrutierung sowohl von Verurteilten als auch von Beschuldigten in laufenden Strafverfahren.

Perfide Rekrutierungsmasche für Putins Ukraine-Krieg: Menschenhandel lockt Migranten mit falschen Jobversprechen

Ausländer sind sowohl innerhalb Russlands als auch im Ausland Ziel der Rekrutierungsbemühungen. Gesetze ermöglichen mittlerweile eine beschleunigte Einbürgerung für Militärrekruten. Im November 2024 verfügte Putin zudem, dass bestimmte Ausländer mit Aufenthaltsgenehmigung zum Wehrdienst verpflichtet werden können. Überdies locken Menschenhändlerringe Männer aus Indien, Nepal, Bangladesch und anderen Ländern mit Jobversprechen nach Russland – und zwingen sie dann zur Unterschrift unter Militärverträge. Indiens Bundesermittlungsbehörde zerschlug 2024 ein Netzwerk, das mindestens 35 Inder unter dem Vorwand von Arbeit ins Land gelockt hatte. Irakische Behörden verurteilten einen Mann wegen Menschenhandels zu lebenslanger Haft. Laut einer ukrainischen Behörde für Kriegsgefangene kämpften oder kämpfen über 18.000 Ausländer auf russischer Seite. Fast 3.400 von ihnen wurden getötet, Hunderte Bürger aus 40 Ländern befinden sich in ukrainischer Gefangenschaft.

Ukraine-Krieg tobt seit vier Jahren - Kreml-Strategie wird zur Belastung für Putins Wirtschaft

Die vielfältigen Rekrutierungsmethoden belasten Russlands ohnehin schwächelnde Wirtschaft zunehmend. Kateryna Stepanenko vom "Institute for the Study of War" in Washington beobachtet, dass der Kreml in den vergangenen zwei Jahren immer "kreativer" bei der Anwerbung von Soldaten geworden sei – auch bei der Rekrutierung von Ausländern. Gleichzeitig würden diese Bemühungen für Russland "extrem teuer".

Ausländische Kämpfer, die unter falschen Versprechungen angeworben wurden, seien besonders gefährdet. Anton Gorbatsevich von der Aktivistengruppe Idite Lesom, die Deserteuren hilft, erklärt: Diese Männer sprechen kein Russisch, haben keine militärische Erfahrung und werden von Kommandeuren als "entbehrlich, um es offen zu sagen" betrachtet. Artyom Klyga von der Bewegung der Kriegsdienstverweigerer betont jedoch, dass die russischen Rekrutierungsbemühungen insgesamt stabil erscheinen. Die meisten Hilfesuchenden seiner Organisation seien nach wie vor russische Staatsbürger.

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