Politik

Friedrich Merz und Markus Söder: Debatte um Krankenstand in Deutschland – Willkommen im Paralleluniversum

Friedrich Merz und Markus Söder: Aussagen zu Krankschreibungen gehen an Realität vorbei. Bild: picture alliance/dpa | Karl-Josef Hildenbrand

  • Artikel teilen:
  • Aussagen von Friedrich Merz zum Krankenstand im Faktencheck
  • Warum Krankheit nichts mit Faulheit zu tun hat
  • Weshalb Markus Söder die Ursachen verkennt

Mehr News zur Bundesregierung finden Sie unter dem Artikel.

Deutschland hat ein Problem. Nicht etwa marode Schulen, überlastete Kitas oder steigende Lebenshaltungskosten, sondern kranke Menschen. Zumindest, wenn man Friedrich Merz glaubt. Der Bundeskanzler wundert sich öffentlich über durchschnittlich 14,5 Krankheitstage pro Jahr und stellt die Frage, ob das "wirklich richtig" und "wirklich notwendig" sei.
Die Botschaft ist klar: Weniger krank, mehr leisten. Am besten gleichzeitig.

Drei Wochen Krankheit oder drei Wochen Realität?

Fast drei Wochen Kranktage pro Jahr. Das klingt viel, wenn man Gesundheit als lästige Unterbrechung der Produktivität betrachtet. Es klingt weniger dramatisch, wenn man bedenkt, dass Menschen nun einmal krank werden. Manche kurz, manche lang, manche regelmäßig. Das ist keine politische Fehlentwicklung, sondern Biologie.

Krankheit ist kein Freizeitmodell und auch kein moralisches Versagen. Sie ist Teil des Lebens. Vielleicht sollte das jemand den Herren erklären, die selbst kaum Berührungspunkte mit der Realität eines durchschnittlichen Arbeitsalltags haben.

Wenn "Blaumachen" zum Kampfbegriff von Markus Söder wird

Während Merz noch fragt, legt Markus Söder direkt nach. Die telefonische Krankschreibung sei ein Einfallstor fürs "Blaumachen", sagt der CSU-Chef. Das Problem sei also nicht Krankheit, sondern Faulheit. Eine bemerkenswert einfache Weltsicht.

Dabei ignoriert diese Debatte konsequent, dass krank sein sehr viel mehr bedeutet als Schnupfen oder Husten. Vor allem für Menschen, die nicht in politischen Spitzenämtern sitzen.

Unsichtbare Krankheiten passen nicht ins Narrativ

Als Frau kann krank bedeuten, einmal im Monat mit massiven Menstruationsschmerzen auszufallen. Als Mensch kann krank bedeuten, unter Depressionen, Angststörungen oder Erschöpfung zu leiden. Psychische Erkrankungen sind real, auch wenn man sie nicht auf Röntgenbildern sieht.

Dauerstress, Existenzangst, steigende Preise bei stagnierenden Gehältern hinterlassen Spuren. Wer ständig Angst hat, krank zu werden oder den Job zu verlieren, wird krank. Psychisch, mental, seelisch. Das ist keine Ausrede, das ist Forschungslage.

Kranke ins Büro – eine brillante Idee?

Was ist eigentlich der Plan? Kranke Mitarbeiter ins Büro schicken, damit sie dort andere anstecken? Das Ergebnis wäre eine endlose Schleife aus Krankmeldungen und Leistungseinbrüchen. Ein kranker Mensch arbeitet schlechter. Punkt. Das ist keine Ideologie, sondern Fakt.

Wer wirklich an Produktivität interessiert ist, sollte verstehen, dass Gesundheit keine Störung, sondern Voraussetzung von Leistung ist.

Markus Söder und Friedrich Merz schimpfen am falschen Ende der Kette

Vielleicht sollten Merz und Söder ihre Kritik nicht am Ende der Kette abladen, bei den Beschäftigten. Vielleicht sollte man am Anfang ansetzen: bessere Arbeitsbedingungen, mehr Homeoffice-Möglichkeiten, verlässliche Kinderbetreuung, sichere Jobs, faire Löhne.
Denn die "kleinsten Räder im Getriebe" sind keine Zahlen in einer Statistik. Es sind Alleinerziehende, Menschen mit Existenzsorgen, Menschen, die beim Wocheneinkauf rechnen müssen. Ihnen mangelnden Leistungswillen zu unterstellen, ist nicht nur zynisch, sondern bequem und realitätsfremd.

Mehr Leistung entsteht nicht durch Misstrauen. Sondern durch ein System, das Menschen gesund hält, statt sie dafür zu bestrafen, dass sie es nicht immer sind.

Mehr News zur Bundesregierung finden Sie hier:

/news.de

Themen

Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.