Politik

Aus des Achtstundentags: Finger weg von unserer Lebenszeit, Friedrich Merz!

Jeden Tag verbringen die meisten Arbeitnehmer etwa acht Stunden auf der Arbeit - vielen ist auch das eigentlich schon zu lange. Bild: picture alliance/dpa | Christoph Soeder

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  • Die Bundesregierung stellt den Achtstundentag infrage - entgegen der Wünsche der Bevölkerung
  • Es drohen längere Arbeitszeiten, gesundheitliche Folgen und geschwächte Arbeitnehmerrechte
  • Trotz wachsender Unzufriedenheit bleibt organisierter Widerstand bislang weitgehend aus

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Hätten Sie Lust auf über 12 Stunden Arbeit am Tag? Vermutlich nicht - und doch könnte das mit einem für Juni angekündigten Gesetzesentwurf bald Realität werden. Bereits im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD festgelegt, dass der Achtstundentag (bereits jetzt sind übrigens schon maximal 10 Stunden möglich) zugunsten einer Wochenarbeitszeit weichen soll. Für Ausbeuter und deren Freunde geht damit ein Traum in Erfüllung - für Arbeitnehmer könnte hingegen ein Albtraum beginnen. Von Massendemos und Generalstreiks fehlt trotzdem jede Spur. Wo bleibt der Widerstand?

Regierung wirbt für ein Arbeitszeitmodell, das keiner will

Schon seit 1918 gilt der Achtstundentag in Deutschland als unumstößliches Maß aller Dinge. Er gilt als eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung -der erste dokumentierte und erfolgreiche Streik für einen Achtstundentag wurde sogar schon 1840 in Neuseeland ausgetragen. Bis das Konzept sich endlich durchsetzen konnte, war es ein langer und beschwerlicher Weg. Und doch droht die schwarz-rote Koalition nun, diese Errungenschaft zu kippen. Was verspricht man sich davon?

Die Antwort ist - wie in jeder wettbewerbsorientierten Wirtschaft - natürlich: Profite. Im Vordergrund der Änderung steht die Sorge um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit. CDU/CSU machen daraus auch überhaupt keinen Hehl. Fast noch schlimmer, weil perfider in der Argumentation: Die SPD wirbt vor allem mit mehr Flexibilität, die vermeintlich aus der Wochenarbeitszeit resultieren soll. Dass das bestehende Gesetz bereits ausreichend Flexibilität in Branchen bietet, in denen diese Arbeitszeit tatsächlich ab und an nötig sein kann, wird dabei außer Acht gelassen.

Immerhin: Das Schleifen von Arbeitnehmerrechten hat in der SPD ja Tradition - insofern ist das ganze Debakel nichts, was nicht jeder schon vorhergesehen hatte. Für Arbeitnehmer würde die Aufhebung des Achtstundentags mehr Arbeit, weniger Freizeit, weniger Schlaf und mehr Schäden für die Gesundheit bedeuten. Kritiker spekulieren sogar auf eine maximale Wochenarbeitszeit von insgesamt 73,5 Stunden(!) - der reinste Wahnsinn. Aktuellen Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung nach würde diese Änderung den Wünschen der arbeitenden Bevölkerung ohnehin widersprechen - rund 40 Prozent würden ihre Arbeitszeit lieber kürzen. Auch das Konzept der Viertagewoche erfreut sich wachsender Zustimmung.

Wo bleibt der Widerstand der Arbeitnehmer?

Die Botschaft der Merz-Regierung ist klar: Arbeitet länger, "Lifestyle-Teilzeit" ist out! Anreize dafür werden natürlich nicht geschaffen - wohin kämen wir denn, wenn Arbeit gerecht entlohnt würde? Trotz allem sind die Proteste gegen die bevorstehende Gesetzesänderung bislang klein geblieben. Auf diesen Angriff auf die Arbeitnehmerrechte scheint ein großer Teil linker Bewegungen keine Antwort zu wissen - weder Gewerkschaften noch Parteien oder Sozialverbände scheinen irgendein Interesse daran zu haben, Widerstand zu organisieren.

Mit dem Angriff der Regierung auf dieses fundamentale Gesetz nehmen Arbeitnehmer auch hin, dass in Zukunft weitere Grenzen ausgetestet werden. Dass das - zwar schweren Herzens, aber ohne aktiven Widerstand - schlichtweg akzeptiert wird, ist vielleicht auch symptomatisch für die zunehmend apathische Stimmung der Bevölkerung. Die wird allerdings Konsequenzen haben - wer jetzt nicht langsam laut wird, setzt damit buchstäblich seine Lebenszeit aufs Spiel. Und wer will schon die Hälfte seines Lebens auf Arbeit verbringen?

Klar ist: Der Achtstundentag wurde den Arbeitnehmern nicht geschenkt - er wurde erkämpft. Über Generationen hinweg, gegen den Widerstand von Politik und Wirtschaft. Und teils unter Einsatz des eigenen Lebens. Wenn diese Rechte heute Stück für Stück wieder abgebaut werden, dann geschieht das nur, weil zu viele schweigen. Doch soziale Errungenschaften verschwinden nie plötzlich, sondern immer scheibchenweise. Wer verhindern will, dass Arbeit erneut das gesamte Leben bestimmt, darf jetzt nicht auf bessere Zeiten hoffen, sondern muss anfangen, Widerstand zu leisten - organisiert und lautstark.

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