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Annalena Baerbock: "Kein Land mehr sicher!" Ex-Außenministerin warnt vor Trumps Weltordnung

Annalena Baerbock warnt bei "maybrit illner" vor Donald Trump. Bild: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

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  • Baerbock warnt eindringlich: Völkerrecht steht auf dem Spiel
  • Röttgen beschwichtigt: Europa solle nicht hysterisch reagieren
  • Ernüchternde Erkenntnis: Die EU hat kaum Einfluss auf Trumps Machtpolitik

Die ZDF-Talkshow "maybrit illner" startete am Donnerstagabend mit technischen Pannen in die neue Saison und lieferte inhaltlich schwere Kost. Unter dem Titel "Iran, Grönland, Venezuela – Trumps neue Weltordnung?" diskutierten die Gäste über die Ambitionen des US-Präsidenten, die dänische Insel Grönland in Besitz zu nehmen. UN-Vollversammlungspräsidentin Annalena Baerbock warnte aus New York zugeschaltet eindringlich vor den Konsequenzen für die internationale Ordnung. Sollte gegen die UN-Charta verstoßen werden, sei weltweit kein Staat mehr sicher, mahnte die ehemalige Außenministerin. Die Runde offenbarte dabei vor allem eines: Europas Ohnmacht angesichts amerikanischer Machtpolitik. Während CDU-Außenexperte Norbert Röttgen zur Besonnenheit aufrief, zeichnete Journalistin Melanie Amann ein düsteres Bild. Die ernüchternde Bilanz des Abends: Die EU agiert auf der Weltbühne bestenfalls als Zuschauer – selbst wenn es um europäisches Territorium geht.

Annalena Baerbock mahnt bei "maybrit illner": Völkerrecht ist kein Wunschkonzert

Die Präsidentin der UN-Vollversammlung räumte in der Sendung ein, dass die Situation zunächst aussichtslos erscheine. "Natürlich fühlt es sich so an, als hätte man überhaupt keine Chance", gestand Baerbock. Dennoch pochte sie auf die Bedeutung internationaler Regeln: Nach zwei Weltkriegen habe man sich darauf geeinigt, dass das Recht des Stärkeren nur ins Desaster führe. Die Grünen-Politikerin forderte ein deutliches Signal der Staatengemeinschaft. Sollten die USA militärisch gegen Grönland vorgehen, müsse die Mehrheit der UN-Mitglieder klarmachen: "Bis hierhin und nicht weiter." Allein könnten die Vereinten Nationen einen solchen Schritt nicht verhindern, das gab Baerbock offen zu. Dafür brauche es die EU, die Nato und die übrigen Sicherheitsratsmitglieder. Ihre zentrale Warnung: Werde militärische Intervention zur Normalität, "dann ist kein Land mehr sicher auf dieser Welt".

Röttgen warnt vor europäischer Hysterie

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen hielt dagegen und mahnte zur Gelassenheit. Die Debatte über militärische Gegenwehr gehe ihm entschieden zu weit. "Was kann er denn eigentlich machen?", fragte Röttgen in die Runde. Selbst wenn Trump zehntausend Soldaten nach Grönland schicke und amerikanische Flaggen aufstelle, werde die Insel dadurch nicht US-Territorium. Der stellvertretende Unionsfraktionschef verwies auf verfassungsrechtliche Hürden: Für eine Annexion benötige Trump die Zustimmung des Kongresses – und die habe er nicht. Dänen wie Grönländer seien Patrioten und würden ihr Land niemals verkaufen.

Röttgen kritisierte die Neigung, auf jede Äußerung aus Washington mit Aufregung zu reagieren. "Springen wir über jedes Stöckchen?", fragte er. Europa solle stattdessen eigene Stärke entwickeln, anstatt in "Hysterien" zu verfallen. Eine Eskalation, bei der die EU zwischen NATO und Grönland wählen müsse, liege nicht im europäischen Interesse.

Amann kontert: Venezuela zeigt Trumps Entschlossenheit

Journalistin Melanie Amann teilte Röttgens Zuversicht nicht. Sie verwies auf das jüngste Vorgehen in Venezuela, wo Trump den Präsidenten des Landes hatte entführen lassen. "Es ist schon vorstellbar, dass Soldaten kommen, die die Regierung festsetzen und sagen: Das gehört jetzt alles uns", warnte die Chefredakteurin der Funke Zentralredaktion. Dass Trump die verfassungsrechtlichen Konsequenzen durchdenke, bezweifelte sie: "Er will es haben, nicht ins Grundbuch eintragen." Auch Baerbocks Appelle an das Völkerrecht wischte Amann beiseite. Das sei "graue Theorie" – gut gemeint, aber ohne praktische Wirkung.

Militärexperte Carlo Masala lieferte eine nüchterne Analyse der Motive: Es gehe Trump nicht um Sicherheit, sondern um Landnahme. Der US-Präsident wolle als derjenige in die Geschichte eingehen, der Amerika territorial vergrößert habe – pünktlich zum 250. Geburtstag der USA am 4. Juli 2026.

Europa zwischen Ohnmacht und Aufbruch

Grünen-Politiker Omid Nouripour benannte das Dilemma schonungslos: Europa sei von den USA weit stärker abhängig als einst von russischer Energie. Diese Abhängigkeit lasse sich nicht in wenigen Monaten abbauen. Dennoch müsse man Washington die Folgekosten seines Handelns verdeutlichen – ohne dabei zu provozieren.

Sicherheitsexperte Peter Rough, aus Washington zugeschaltet, wies auf einen oft übersehenen Trumpf hin: Die wirtschaftliche Bedeutung des europäischen Binnenmarkts sei auch für Amerika eine Lebensader. Europas Stärke liege nicht im Militärischen, sondern in seiner ökonomischen Macht. Die Forderungen des Abends klangen eindringlich: "Wir brauchen einen eigenen europäischen Willen zur Macht", verlangte Röttgen. Nouripour sekundierte: "Wir müssen eine Großmacht werden." Doch das Zeitfenster für diesen Wandel scheint sich rapide zu schließen.

Die komplette Sendung "maybrit illner" vom 15.01.2026 finden Sie in der ZDF-Mediathek als Video-on-Demand.

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