Kanonenfutter für Wladimir Putin: Kremlchef lockt Ausländer mit perfidem System an die Front
Wladimir Putin setzt im Ukraine-Krieg laut ZDF-Recherche verstärkt auf ausländische Kämpfer. Bild: picture alliance/dpa/Sputnik Kremlin Pool via AP | Alexander Kazakov
Von news.de-Redakteurin Anika Bube
21.07.2026 13.31
- Putin wirbt Tausende Ausländer für den Ukraine-Krieg an
- Viele landen nach wenigen Tagen Ausbildung direkt an der Front
- Gefangene ausländische Kämpfer lässt Moskau oft im Stich
Mehr als 200.000 Soldaten soll Wladimir Putin im Ukraine-Krieg bereits verloren haben. Russland sucht verzweifelt daher nach Ersatz. Eine Massenmobilisierung im eigenen Land will der Kreml jedoch um jeden Preis vermeiden. Stattdessen setzt Moskau auf Männer aus wirtschaftlich schwachen Staaten, wie eine Recherche des ZDFoffenlegt.
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Perfides Rekrutierungssystem im Ukraine-Krieg aufgedeckt
Gezielt werden junge Männer aus Ländern wie Kenia, Indien, Nepal, Sri Lanka oder Kuba angeworben – mit Geldangeboten, erfundenen Jobangeboten, angeblichen Studienplätzen oder schlicht unter Zwang. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes befinden sich mittlerweile über 18.000 ausländische Kämpfer in russischen Reihen. Viele von ihnen erhalten nur eine minimale Ausbildung, bevor sie direkt an die Front geschickt werden – wo ihr Überleben kaum jemanden zu interessieren scheint.
In kenianischen WhatsApp-Gruppen wurden Stellen in der russischen Armee mit einem Bonus von umgerechnet rund 10.500 Euro und einem Monatslohn von etwa 1.840 Euro angepriesen – in einem Land, in dem das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen bei gerade einmal 150 Euro liegt. Der kenianische Geheimdienst geht von rund 1.000 Landsleuten in russischen Streitkräften aus. Auch die Vermittler verdienten kräftig mit: bis zu 4.300 Euro pro angeworbenem Mann.
Die Folgen zeigen sich in konkreten Schicksalen. Dennis Ombwori, zuvor Wachmann in Katar, unterschrieb Ende September 2025 einen Einjahresvertrag – einen Monat später war er tot. Zwei seiner Kameraden fielen bereits bei ihrem allerersten Kampfeinsatz. Auch der junge David, der seiner Mutter erzählte, er werde in Russland als Wachmann arbeiten, überlebte nur wenige Wochen. "Ich liebe euch sehr. Passt auf euch auf", lautete seine letzte Sprachnachricht an die Familie.
Wladimir Putin lockt Ausländer mit falschen Jobs oder erfundenen Studienplätzen an die Front
In Indien zeigt sich ein systematisches Täuschungsmuster. Karan Bhandari flog im März 2024 mit einem vermeintlichen Arbeitsangebot nach St. Petersburg – dort stellte sich heraus, dass der "Job" beim Militär war. Als er ablehnte, forderten die Vermittler die Reisekosten zurück. "Wir waren arm, also trat ich der Armee bei", berichtet er. Der junge Samjet wiederum reiste mit einem Studienvisum nach Moskau, angeblich für eine Ausbildung zum Röntgenassistenten. Am 10. September 2025 war er tot – gefallen bei Pokrowsk.
Sieben weitere Inder waren 2024 als Touristen eingereist und wurden vor die Wahl gestellt: Haft wegen illegalen Aufenthalts oder Armeevertrag. Einer von ihnen, Gurpreet Singh, kam erst nach diplomatischer Intervention frei – leidet aber bis heute unter Albträumen. In Indien laufen inzwischen Ermittlungen wegen Menschenhandels gegen mutmaßliche Vermittler.
Kanonenfutter mit Kalaschnikow – ohne Helm, ohne Chance
Wie die russische Armee mit ihren ausländischen Rekruten umgeht, dokumentieren Videos, die der ukrainische Militärgeheimdienst sichergestellt hat. In einer Aufnahme werden zwei afrikanische Soldaten – mutmaßlich aus Kamerun und Togo – von russischen Kameraden beschimpft und misshandelt. Ein viral verbreitetes Video zeigt einen kenianischen Soldaten mit einer Panzerabwehrmine vor der Brust, den sein russischer Vorgesetzter rassistisch beleidigt.
An der Front bei Kupjansk nahmen ukrainische Einheiten einen Kenianer gefangen – ohne Schutzweste, ohne Helm, nur mit einem Gewehr und Zivilkleidung ausgestattet. Die militärische Vorbereitung beschränkte sich laut Überlebendem Karan Bhandari auf eine einzige Woche. Besonders gefährliche Aufgaben wie das Bergen von Leichen wurden gezielt an Ausländer delegiert. "Der russische Kommandeur begleitete uns nie", schildert Karan. "Sie blieben drin sitzen und gaben uns über Walkie-Talkie die Befehle."
Vergessen im Gefangenenlager: Moskau holt nur die eigenen Leute raus
Wer den Fronteinsatz überlebt und in ukrainische Gefangenschaft gerät, steht vor dem nächsten Problem: Beim Austausch von Kriegsgefangenen werden ausländische Kämpfer offenbar systematisch übergangen. Russland bevorzugt Soldaten mit russischer Staatsbürgerschaft. Ein aus Usbekistan stammender Gefangener beklagt: "Sie holen nur russische Kriegsgefangene, welche in Russland geboren sind." Ein ägyptischer Student, der in Russland für die Armee angeworben wurde, wartet bereits seit drei Jahren vergeblich auf seine Freilassung.
Auf die Rekrutierungspraktiken angesprochen, fiel die Reaktion des Kremls denkbar knapp aus: Zu den Anwerbungen lägen keine Informationen vor. Die ZDF-Recherchen mit Dokumenten, Zeugenaussagen und Videobeweisen zeichnen ein grundlegend anderes Bild.
Die Doku "Putins Kanonenfutter – Wie Ausländer an die Front gelockt werden" finden Sie in der ZDF-Mediathek.
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