4.800 Bundeswehr-Angehörige für Litauen: Pistorius liebäugelt mit Soldaten-Verpflichtung für Nato-Ostflanke
Boris Pistorius (SPD), Bundesminister der Verteidigung, schaut sich die Übung "Freedom Shield 2026" an, für die an der Ostflanke der Nato rund 2.900 Soldaten - darunter 2.300 aus Deutschland auf dem Truppenübungsplatz Pabrade zusammengezogen wurden. Bild: Kay Nietfeld/dpa/dpa
Erstellt von Claudia Löwe
22.06.2026 21.05
- Bundeswehr nimmt an Nato-Manöver "Freedom Shield 2026" im Baltikum teil
- 4.800 deutsche Soldaten sollen bis Ende 2027 nach Litauen - notfalls mit Zwang
- "Einsatzbereitschaft hat höchste Priorität": Verteidigungsminister Pistorius setzt noch auf Freiwilligkeit
Viereinhalb Jahre nach beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sind sich Experten sicher, dass Kreml-Chef Wladimir Putin sein Blutvergießen nicht in der Ukraine stoppen wird, sondern schon in naher Zukunft einen neuen Krieg gegen den Westen beginnen könnte. Dabei lautet die Frage nicht, ob Wladimir Putin einen Krieg gegen die Nato vom Zaun bricht, sondern eher, wann das geschieht. Schon jetzt bereiten sich die Streitkräfte der Nato-Staaten auf den Ernstfall vor: Nicht nur die Militärübung "Vigorous Warrior" gehört zu den Trainingseinheiten, auch das Manöver "Freedom Shield 2026", das derzeit in Pabrade in Litauen an der Nato-Ostflanke durchgeführt wird.
Bundeswehr rüstet sich bei "Freedom Shield 2026" für Putin-Angriff auf die Nato
Verteidigungsminister Boris Pistorius hat bei seinem Besuch der Nato-Übung "Freedom Shield 2026" in Litauen klargestellt, dass er notfalls Soldaten für die Panzerbrigade 45 verpflichten wird. Der SPD-Politiker rechnet damit, dass sich etwa 90 bis 95 Prozent der benötigten Kräfte freiwillig melden werden – für den Rest könnte es jedoch anders aussehen.
Boris Pistorius könnte Bundeswehr-Soldaten zu Litauen-Einsatz verpflichten
"Die Einsatzbereitschaft hat höchste Priorität", betonte Pistorius während seines Aufenthalts in Pabrade nahe der belarussischen Grenze. Besonders in Spezialbereichen wie Technik, Logistik oder ABC-Abwehr sei der Pool an möglichen Bewerbern deutlich kleiner als bei den Kampftruppen. Sollten die Freiwilligenzahlen dort nicht ausreichen, werde es zunächst Personalgespräche geben. "Und im Zweifel wird dann auch eine Verpflichtung ausgesprochen", so der Minister gegenüber der ARD. Bislang hätten sich alle Soldaten freiwillig für den Auslandseinsatz entschieden.
4.800 Bundeswehr-Soldaten sollen an die Nato-Ostflanke - Verteidigungsminister setzt noch auf Freiwilligkeit
Die Verlegung der Panzerbrigade nach Litauen markiert einen historischen Einschnitt für die Bundeswehr. Erstmals in ihrer Geschichte stationiert sie einen Großverband dauerhaft außerhalb Deutschlands – eine direkte Antwort auf die wachsende Bedrohungslage durch Russland.
Bis Ende 2027 soll der Kampfverband seine volle Einsatzfähigkeit erreichen. Dann werden rund 4.800 Soldaten sowie 200 zivile Mitarbeiter in dem baltischen Nato-Partnerstaat ihren Dienst versehen. Aktuell befinden sich etwa 1.800 Bundeswehrangehörige vor Ort. Die Stationierung gilt als zentraler Baustein zur Stärkung der östlichen Allianzflanke. Sie soll sowohl der Abschreckung als auch der Verteidigung des Bündnisgebiets dienen. Innerhalb der Bundeswehr wird das Vorhaben als "Leuchtturmprojekt" bezeichnet, das Deutschlands Bekenntnis zu seinen NATO-Verpflichtungen unterstreichen soll.
Verteidigungsminister Boris Pistorius sieht den Aufbau der Bundeswehr-Brigade im Nato-Partnerland Litauen auf einem guten Weg. Bild: Kay Nietfeld/dpa/dpa
2.900 Soldaten üben nur 20 Kilometer von Belarus entfernt
Für die Übung "Freedom Shield 2026" wurden auf dem Truppenübungsplatz Pabrade beachtliche Kräfte zusammengezogen: Rund 2.900 Soldaten aus acht Nato-Staaten sowie etwa 800 Fahrzeuge nehmen an dem Manöver teil. Den Löwenanteil stellen mit 2.300 Kräften die deutschen Streitkräfte.
Die Wahl des Übungsgeländes ist dabei alles andere als zufällig. Pabrade liegt gerade einmal 20 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt – dem Land, dessen Machthaber Alexander Lukaschenko eng mit Kreml-Chef Wladimir Putin verbündet ist.
Pistorius verfolgte das Gefecht gegen simulierte feindliche Einheiten mit Kampfpanzern, Jets und Hubschraubern von einem Boxer-Radpanzer aus – ausgestattet mit Flecktarn-Jacke, Sonnenbrille und Kopfhörern. "Ich bin wirklich beeindruckt", kommentierte er das Geschehen. Die Übung sei "ein klares Signal unserer Stärke und Entschlossenheit."
Nato-Streitkräfte rüsten auf: Militärstadt wächst aus dem Waldboden
Der künftige Hauptstandort der Brigade entsteht in Rudninkai, etwa 35 Kilometer von Vilnius entfernt. Auf einem Waldgelände, das kurz nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Mai 2022 per Sondergesetz zum Truppenübungsplatz erklärt wurde, stampft Litauen eine komplette Militärstadt aus dem Boden. Nur anderthalb Kilometer vom Ortszentrum des 500-Einwohner-Dorfes entfernt entstehen Kasernen, Waffen- und Munitionsdepots sowie Hallen für die Unterbringung und Wartung von Panzern und anderen Gefechtsfahrzeugen. Es handelt sich um das größte militärische Infrastrukturprojekt in der Geschichte des baltischen Staates.
Litauens Verteidigungsminister Robertas Kaunas verkündete erfreuliche Nachrichten: Bei der ersten Aufbauphase liege man sogar zehn Monate vor dem Zeitplan. Die Finanzierung der Infrastruktur übernimmt Litauen. Kaunas bezeichnete die Stationierung als "Meilenstein für die deutsch-litauischen Beziehungen".
Pistorius räumte bei seinem Besuch der ersten Übung der Panzerbrigade 45 ein, dass voraussichtlich nicht alle 4.800 Soldaten freiwillig rekrutiert werden können. Im Zweifel könnte eine Verpflichtung ausgesprochen werden müssen. Bild: Kay Nietfeld/dpa/dpa
"Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin"
Die dauerhafte Präsenz deutscher Soldaten im Baltikum stößt in Litauen auf breite Zustimmung. Umfragen zeigen hohe Sympathiewerte, und selbst in litauischen Schulbüchern findet der Beitrag der Bundeswehr zur Sicherheit des Landes bereits Erwähnung.
Beim Aufstellungsappell im Mai 2025 auf dem Kathedralenplatz von Vilnius verfolgten Tausende Litauer die feierliche Zeremonie, die das litauische Fernsehen live übertrug. Bundeskanzler Friedrich Merz fand dabei Worte, die später an der Wand des historischen Rathauses verewigt wurden: "Die Sicherheit Litauens ist auch unsere Sicherheit. Der Schutz von Vilnius ist der Schutz von Berlin." Heeresinspekteur Generalleutnant Christian Freuding ließ in Pabrade keinen Zweifel an der Verlässlichkeit der deutschen Zusagen: "Wir werden Ende 2027 einsatzbereit sein. Punkt." Darauf könne sich Litauen verlassen.
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