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Angst vor Mega-Versorgungskrise : Experten warnen vor "tickender Zeitbombe" - Europa ab Mitte April betroffen

Öltanker und Frachtschiffe reihen sich in der Straße von Hormus auf. Bild: picture alliance/dpa/AP | Altaf Qadri

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  • Analysten warnen vor einer weltweiten Ölkrise mit Folgen für Preise und Versorgung
  • Besonders asiatische Länder hängen stark an Öl- und Gaslieferungen aus dem Persischen Golf
  • Europa droht wohl weniger eine akute Knappheit – dafür aber ein harter Preisschock

Die Weltwirtschaft steuert auf eine beispiellose Ölkrise zu. Die Investmentbank J.P. Morgan warnt in einer aktuellen Analyse vor einer "tickenden Zeitbombe", die sich von Ost nach West über den Globus ausbreitet. Seit den militärischen Angriffen der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar ist der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gekommen. Der Schiffsverkehr durch die strategisch wichtige Meerenge ist um 97 Prozent eingebrochen. Damit ist der größte Teil der Öl- und Gaslieferungen aus dem Persischen Golf vom Seeweg abgeschnitten.

Experten befürchten Mega-Krise durch Blockade der Straße von Hormus

Das Ausmaß der Versorgungsstörung übertrifft alle bisherigen Ölkrisen deutlich. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) ist der Rückgang der Ölversorgung doppelt so groß wie bei früheren Krisen. Das globale Ölsystem wandelt sich laut J.P. Morgan derzeit "von einem Kapitalzufluss-Schock zu einem Problem der Lagerbestandserschöpfung". Dabei bestimme nicht allein das Volumen, sondern vor allem der Zeitfaktor die Auswirkungen.

Die asiatischen Volkswirtschaften bekommen die Auswirkungen der Blockade bereits deutlich zu spüren. China ist mit Abstand am stärksten betroffen: Das Land importiert täglich 5,2 Millionen Barrel aus dem Persischen Golf – mehr als jede andere Nation. Rund ein Drittel der chinesischen Ölversorgung stammt aus dieser Region, kurzfristige Alternativen sind kaum verfügbar. Auch Japan, Südkorea und Indien mit jeweils etwa 2,2 bis 2,3 Millionen Barrel pro Tag geraten unter erheblichen Druck. Diese vier Länder zusammen absorbieren den Großteil der Golfexporte und sind strukturell vom nahöstlichen Öl abhängig. Die Philippinen haben bereits reagiert und einen nationalen Energie-Notstand ausgerufen. Die Regierung begründete den Schritt mit der "unmittelbaren Gefahr" für die Energieversorgung des Landes durch den anhaltenden Konflikt im Nahen Osten. In Südostasien wird der Ölbedarf im April voraussichtlich um etwa 300.000 Barrel täglich sinken.

Die Ölknappheit breitet sich entlang der Schifffahrtsrouten aus – je weiter vom Persischen Golf entfernt, desto später trifft sie ein. J.P. Morgan und das Analyseunternehmen Kpler haben die Ankunftsdaten der letzten Golflieferungen kartiert. Den Anfang machten Südafrika und der Indische Ozean bereits zwischen dem 20. März und 1. April. Ostasien mit China, Japan und Südkorea folgt ab dem 1. April. Europa wird die Auswirkungen ab dem 10. April spüren, die USA ab dem 15. April. Australien und der Pazifikraum bilden mit einem Stichtag um den 20. April das Schlusslicht. Das Land importiert trotz seiner überschaubaren Wirtschaftsgröße beachtliche 0,95 Millionen Barrel täglich und verfügt über kaum eigene Raffineriekapazitäten. Nach diesen Terminen ist das derzeit auf See befindliche Golföl aufgebraucht. Künftige Lieferungen werden später eintreffen, teurer sein und aus anderen Förderregionen stammen.

Europa droht Preisschock statt Versorgungslücke

Für den europäischen Kontinent zeichnet sich ein anderes Szenario ab als für Asien. Ab Mitte April werden die letzten Februarladungen aus dem Golf eintreffen – ohne dass Ersatzlieferungen folgen. Dennoch rechnen die J.P. Morgan-Analysten nicht mit direkten physischen Engpässen.

Der Schock werde in Europa "mehr durch steigende Kosten und den Wettbewerb mit Asien als durch tatsächliche Knappheit geprägt", heißt es in der Analyse. Deutschland und andere europäische Länder müssen sich auf einen verschärften Konkurrenzkampf um alternative Ölquellen einstellen. Europa verfügt über eine größere Lieferantenvielfalt als Asien. Der Kontinent kann auf Öl aus Nordafrika, Westafrika, Amerika und der Nordsee zurückgreifen. Die einzelnen Importmengen sind entsprechend geringer: Die Niederlande beziehen 0,30 Millionen Barrel täglich, Frankreich 0,25 Millionen und Großbritannien 0,16 Millionen.

Ölpreis bereits um fast 50 Prozent gestiegen

Die Märkte haben auf die Krise bereits heftig reagiert. Der Preis für die globale Referenzsorte Brent ist im März um 49 Prozent geklettert und schloss vergangenen Donnerstag bei 108,01 Dollar pro Barrel. Das amerikanische Pendant notierte etwa zehn Dollar niedriger, verzeichnete aber ebenfalls einen Anstieg von 41 Prozent. Die Rohstoffstrategen von Macquarie sehen eine 40-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen verlängerten Konflikt bis Juni. In diesem Szenario könnte der Ölpreis auf 200 Dollar steigen und die Benzinpreise in den USA auf etwa sieben Dollar pro Gallone klettern. US-Präsident Donald Trump verlängerte am Donnerstagabend nach Börsenschluss seine fünftägige Angriffspause auf Irans Energieinfrastruktur bis zum 6. April. Der Markt erwarte weiterhin, dass Trump "bald den Sieg erklären" werde, schrieben die Macquarie-Analysten laut "Morningstar".

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/gom/news.de/stg

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