Dresden: Visite per Videoanruf – Sichert Telemedizin die Versorgung?
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Erstellt von Sarah Knauth
24.06.2026 04.04
Mittwochvormittag im Seniorenzentrum "Herbstsonne" in Dresden. Wohnbereichsleiter Marc Ulbricht ist unterwegs mit Hausarzt Antonio Kantchew-Haustein. Der Dresdner Allgemeinmediziner soll einen Blick auf Irene Weise werfen. Die 80-Jährige erwartet den Arzt in ihrem Rollstuhl. Seit einem Schlaganfall ist ihre linke Körperhälfte gelähmt – an ihrem Arm hat sich ein Bluterguss gebildet, da ihr häufig die Lehne ihres Rollstuhls in die Quere kommt, berichtet sie. "Zeigen Sie mal das kleine Wehwehchen her", so der 49-jährige Mediziner. Er verschreibt der Dame eine Salbe.
Soweit wirkt es wie ein ganz normaler Hausbesuch – doch Kantchew-Haustein ist gar nicht im Raum. Für seine Patientin erscheint er nur als Gesicht auf einem Tablet, das Ulbricht vor ihr platziert hat. Es sei schon ungewohnt, ihrem Arzt nicht persönlich gegenüberzusitzen, findet Irene Weise. "Aber so geht es auch gut."
Nächster Besuch: Dem 64-jährigen Lutz Kiesewalter musste der große Zeh amputiert werden. Ulbricht nutzt das Tablet als Kamera. Der zugeschaltete Arzt kontrolliert die Wunde und entscheidet, wie viele Fäden vorerst entfernt werden sollen. Für das Pflegeheim ist das inzwischen Routine.
Während Kantchew-Haustein so von seiner Praxis aus Hausbesuche erledigt, tut Ulbricht vor Ort vieles von dem, was sonst eigentlich dem Arzt vorbehalten ist: Blut abnehmen oder Katheter legen. Er ist qualifizierte Pflegefachkraft und einer von rund zehn Mitarbeitenden im Haus, denen der Arzt bestimmte Tätigkeiten übertragen hat. Ein solches Modell, in dem nicht ärztliches Personal unter ärztlicher Anleitung vor Ort arbeitet, gilt als mögliche Lösung für die drohende Unterversorgung im Freistaat.
Tatsächlich werden qualifizierte nicht ärztliche Kräfte in Sachsen mittlerweile häufig eingesetzt. Nach Angaben des sächsischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes gibt es sachsenweit derzeit 551 sogenannte Versorgungsassistenten in Hausarztpraxen (VERAH). Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen verweist auf 486 Praxen mit der Genehmigung für Nicht-ärztliche Praxisassistenten (NäPa).
Hausärzteverband: Telemedizin reizvoll, aber nicht etabliert
Diese Zahlen seien eine "relevante Größe", schätzt Torben Ostendorf, Vorsitzender des Hausärzteverbandes. Doch die zusätzlich qualifizierten Kräfte kämen vor allem im Praxisalltag zum Einsatz, wo sie Ärztinnen und Ärzte entlasten würde. Telemedizinische Hausbesuche mit einer Assistenzkraft vor Ort seien "konzeptionell reizvoll", aber über Pilotprojekte hinaus nicht flächendeckend etabliert.
Die KV Sachsen berichtet von einem einzigen Fall im vergangenen Jahr, in dem die Zusammenarbeit zwischen telemedizinischer Assistenz und Arzt abgerechnet worden ist. So spielen Assistenzkräfte zwar in den als unterversorgten Regionen die größte Rolle, "also im ländlichen Raum, etwa in Teilen des Erzgebirges, der Lausitz oder Nordsachsens. Praxen, die dort unter erheblichem Versorgungsdruck arbeiten, sind auf qualifizierte Delegation angewiesen, schlicht, weil ärztliche Kapazität nicht unbegrenzt skalierbar ist", berichtet Ostendorf.
Telemedizin scheint flächendeckend nicht im Einsatz zu sein. Doch Beispiele gebe es dennoch einige, so eine Sprecherin der KV Sachsen: Videokontakte in der Psychotherapie, elektronische Visiten in Pflegeeinrichtungen oder auch das "dermatologische Telekonsil". Das Pilotprojekt soll den Mangel an Fachärzten in unterversorgten Regionen bekämpfen helfen. Mittels Spezialkamera fertigen Hausärzte Fotos von Hautstellen ihrer Patienten und holen sich so den Rat von Hautärzten.
Hausarzt: Teure Geräte, teure Software, Hürden hoch
Wann immer aber Telemedizin zum Einsatz kommt, brauche es neue Geräte, mitunter teure Software, müssten Zertifizierungen und Qualifikationen nachgewiesen werden. All das sorgt in der Praxis dafür, dass die Einstiegshürden mitunter hoch sind, glaubt der Dresdner Allgemeinarzt Antonio Kantchew-Haustein. Nach einem anfänglichen "Corona-Boom" sei die Telemedizin mittlerweile deutlich weniger relevant und im normalen Praxisalltag "keine große Größe".
In der "Herbstsonne" funktioniert das Modell gut als Ergänzung zu Vor-Ort-Besuchen des Hausarztes. Heimleiterin Katrin Mittag berichtet, die Videosprechstunde um die Mittagszeit sei fest in den Tagesablauf eingebaut und für das Seniorenzentrum eine große Hilfe: "Es kann immer etwas sein – morgens war der Arzt da, abends passiert doch noch etwas", sagt sie. Dann sei es hilfreich, wenn das Personal schnell per Tablet Kontakt aufnehmen und der Arzt mitentscheiden könne, ob sofort gehandelt werden müsse oder man bis zur nächsten Visite warten kann. Für die Bewohner zähle am Ende, dass jemand hinschaut – ob am Bett oder auf dem Bildschirm.
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