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Kerosin-Mangel in der Reisesaison: Millionen Urlaubern droht Sommerreise-Debakel

Für Millionen Urlauber könnte der Sommerflug deutlich teurer werden oder ganz ausfallen. Bild: picture alliance/dpa | Bodo Marks

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  • Energiekrise wegen Iran-Krieg: Worauf müssen sich Urlaubsreisende gefasst machen?
  • Kerosinpreis explodiert - Fluggesellschaften bitten Passagiere zur Kasse
  • Wird Flugzeugtreibstoff ausgerechnet zu den Sommerferien knapp?

An der Tankstelle bekommen Autofahrer bereits seit Ende Februar die Auswirkungen des Iran-Kriegs in Gestalt von schwindelerregend hohen Spritpreisen zu spüren - nun droht auch im diesjährigen Sommerurlaub der Kosten-Hammer, denn kurz vor Beginn der Sommersaison bedroht der Iran-Krieg die europäische Luftfahrt. Flugbenzin könnte nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) schon in naher Zukunft zur Mangelware werden. Die EU will am 22. April erste Gegenmaßnahmen vorstellen.

Kerosin bald Mangelware? Flugzeugtreibstoff droht vor sommerlicher Urlaubssaison knapp zu werden

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) schlägt bereits Alarm und verlangt ein umfassendes Krisenpaket von der Bundesregierung sowie der EU. Die Branche warnt vor massiven Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Konkrete Absagen von Ferienflügen gibt es bislang zwar nicht, doch die Fluggesellschaften prüfen ihre Verbindungen und entwickeln Notfallszenarien.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters dürfte Brüssel zunächst eine Bestandsaufnahme aller verfügbaren Raffinerien anordnen, wie bei "Focus online" zu lesen ist. Diese sollen dann maximal ausgelastet werden, um Europas Eigenversorgung zu stärken.

Blockierte Handelsroute lähmt Ölversorgung - Engpässe bei Kerosin-Verfügbarkeit drohen

Die Ursache der drohenden Engpässe liegt im Nahen Osten. Iranische Angriffe haben die Produktion in der Golfregion massiv eingeschränkt, die Blockade der Straße von Hormus behindert zusätzlich den Transport. Nach Angaben von Energieexperten sind am Persischen Golf mehr als 80 Öl-Anlagen teils schwer beschädigt. Die Abhängigkeit Europas von dieser Region ist enorm: Bislang stammten 75 Prozent der europäischen Kerosin-Nettoimporte aus dem Mittleren Osten. "Die Mineralölwirtschaft geht davon aus, dass noch für längere Zeit 20 Prozent der globalen Öl-Kapazität nicht verfügbar sind", erklärt BDL-Hauptgeschäftsführer Lang.

Ersatzlieferungen kommen derzeit hauptsächlich aus den USA. Diese können jedoch nur etwa die Hälfte der ausgefallenen Mengen kompensieren. Laut IEA hängt alles davon ab, wie viel die EU aus alternativen Quellen beschaffen kann – gelingt ein Ausgleich von mindestens 90 Prozent, bleibt eine Knappheit aus.

Flexibel reisen lohnt sich: Wer An- und Abreisetage verschieben kann, spart oft Geld. Bild: Jan Woitas/dpa/dpa-tmn/dpa

Ticketpreise für Ferienflüge explodieren – Lufthansa streicht Flotte zusammen

Die Kerosinpreise haben sich seit Kriegsbeginn mehr als verdoppelt. Fluggesellschaften wie Lufthansa und Air France reagieren mit deutlich höheren Treibstoffzuschlägen, die auf Langstreckenflügen schnell mehrere hundert Euro ausmachen können. Diese Aufschläge verstecken sich oft in einer zusammengefassten "International Surcharge" und sind für Kunden schwer erkennbar. "Die Ticketpreise werden stark steigen, damit wird die Nachfrage nach Flugdienstleistungen zurückgehen", prognostiziert der Ökonom Gabriel Felbermayr im Deutschlandfunk. Einzelne Verbindungen könnten wegfallen, weil sie sich nicht mehr rechnen.

Die Lufthansa hat bereits einen drastischen Schritt vollzogen: Die Regionaltochter Cityline wurde sofort stillgelegt. Damit verschwinden 27 Maschinen mit ungünstigen Verbrauchswerten vom Markt. Zudem streichen die Gesellschaften schwach gebuchte Flüge aus ihrem Programm. Besonders Verbindungen nach Südostasien und Australien sind durch den Ausfall der Golf-Drehkreuze bereits erheblich teurer geworden.

Sommerurlaub in Gefahr? Flugstreichungen ohne Entschädigung möglich

Für Reisende, die per Flugzeug in die Sommerferien düsen wollen, wird die Lage ungemütlich. Fluggesellschaften dürfen bereits gebuchte Verbindungen absagen, wenn sich diese wirtschaftlich nicht mehr lohnen. Erfolgt die Stornierung mindestens 14 Tage vor Abflug, haben Passagiere keinen Anspruch auf Entschädigung nach EU-Recht. Sie können lediglich einen Ersatzflug oder die Rückerstattung des Ticketpreises verlangen.

Bei einer Airline-Insolvenz sieht es noch schlechter aus. "Reisende sind keine bevorrechtigten Gläubiger", warnt die Verbraucherzentrale. Die Aussichten auf Erstattung seien entsprechend gering. Betroffene müssen sich selbst um Ersatz kümmern – zunächst auf eigene Kosten.

Pauschalurlauber sind dagegen besser geschützt. Der Deutsche Reisesicherungsfonds (DRSF) springt ein, wenn ein Veranstalter vor Reisebeginn pleitegeht. Voraussetzung ist ein gültiger Sicherungsschein, den Kunden sich vor jeder Zahlung vorlegen lassen sollten.

Verbraucherschützer schlagen Alarm: Airlines wollen Passagierrechte aushebeln

Die Luftfahrtbranche nutzt die Krise, um Entlastungen auf Kosten der Kunden durchzusetzen. Der BDL und der europäische Airlineverband A4E fordern, dass Flugausfälle oder Verspätungen wegen Treibstoffmangels als "außergewöhnliche Umstände" eingestuft werden. In diesem Fall müssten die Gesellschaften keine Entschädigungen nach der EU-Passagierrechtsverordnung zahlen.

Verbraucherschützer sehen diese Forderung kritisch. "Wichtig ist, dass die Regelung nur im absoluten Krisenfall und bei einem nachweisbaren Mangel greift", mahnt Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale-Bundesverbands. "Sie darf nicht zum Schlupfloch für Airlines werden, wenn zum Beispiel Kerosin sehr teuer ist oder Airlines zuvor auf günstigere Preise spekuliert haben." Zusätzlich verlangt die Branche Entlastungen bei Steuern und Abgaben sowie die Freigabe nationaler Kerosinreserven.

Wie groß ist die Angst deutscher Urlauber vor Kerosin-Engpässen und steigenden Flugpreisen?

Trotz der angespannten Lage macht sich die Mehrheit der Bevölkerung wenig Sorgen. Laut einer repräsentativen Yougov-Umfrage vom 17. bis 19. April sind lediglich 17 Prozent der Befragten stark beunruhigt über mögliche Kerosin-Engpässe. Knapp ein Drittel gibt an, überhaupt nicht besorgt zu sein, weitere 41 Prozent zeigen sich nur wenig bis mittelmäßig besorgt.

Infolge des Iran-Kriegs könnte Flugbenzin spätestens im Sommer knapp werden. Bild: Soeren Stache/dpa/dpa

Steigende Flugpreise würden die meisten Deutschen nicht akzeptieren. 54 Prozent der knapp 10.000 Befragten lehnen höhere Ticketkosten ab. Nur 14 Prozent wären bereit, mehr zu bezahlen. Dabei zeigt sich ein deutlicher Einkommensunterschied: Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen über 3.000 Euro würden eher Mehrkosten tragen (18 Prozent) als Geringverdiener unter 1.500 Euro (11 Prozent).

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/news.de/dpa/stg

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