Kanzler-Rücktritt: Regierungschef aus dem Amt drängen - das sind die Optionen
Die Rücktrittsforderungen halten an: Kann Friedrich Merz als Bundeskanzler abgesetzt werden? Bild: picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Von news.de Redakteurin Sabrina Böhme
04.06.2026 21.34
- Können Bundeskanzler abgesetzt werden?
- Rechtliche Grundlagen zum Kanzler-Aus
- Von Brandt bis Schmidt: Politiker-Rücktritte in der Geschichte
Diskriminierende Aussagen, schleppende Reformen und Streit in der Koalition: Für Bundeskanzler Friedrich Merz läuft es nicht gut. Das Vertrauen in seine Arbeit schwindet. In Umfragen sinkt die Zustimmung. Dabei ging es zuletzt so weit, dass es sogar Gerüchte gab, dass der Kanzler intern ausgetauscht werden soll. Wäre eine Absetzung des CDU-Chefs rechtlich betrachtet überhaupt möglich?Das Grundgesetz sieht dafür mehrere Wege vor.
Rücktritt des Bundeskanzlers
Der Bundeskanzler könnte jederzeit zurücktreten oder mit einer Minderheitsregierung weitermachen. Im Grundgesetz gibt es dafür keine explizite Regelung. Dennoch kann der Bundespräsident nach Artikel 63 des Grundgesetzes eine Person vorschlagen, die der Bundestag wählt. Dadurch gibt es aber keine Neuwahlen.
Merz-Abwahl durch den Bundestag? Das konstruktive Misstrauensvotum
Das konstruktive Misstrauensvotum ist das einzige Verfahren, mit dem der Bundestag den amtierenden Bundeskanzler gegen seinen Willen aus dem Amt werfen kann. Hier greift Artikel 67 des Grundgesetzes. Das Parlament ist befugt, bei absoluter Mehrheit dem Bundeskanzler das Misstrauen auszusprechen. Sie müssen dann aber einen Nachfolger wählen. Sollte es dazu kommen, wird der Bundestag aber nicht aufgelöst.
So funktioniert die Vertrauensfrage
In der Vergangenheit kam ein häufig angewendeter Mechanismus zum Einsatz: die Vertrauensfrage. Wenn eine Mehrheit der Abgeordneten dem amtierenden Bundeskanzler das Vertrauen abspricht, kann er den Bundespräsidenten nach Artikel 68 Absatz 1 des Grundgesetzes fragen, den Bundestag aufzulösen. Rechtlich ist der Bundespräsident dazu aber nicht verpflichtet. Er muss aber prüfen, ob der Bundeskanzler verfassungsgemäß vorgeht. Zwischen der Fragestellung und der Abstimmung müssen 48 Stunden liegen. Sollten die Abgeordneten mehrheitlich einen neuen Bundeskanzler wählen, verfällt das Recht, den Bundestag aufzulösen.
Regierungschefs durch Wahlen austauschen
Typischerweise können die Wähler bei der regulären Bundestagswahl oder bei vorgezogenen Wahlen entscheiden, ob der Regierungschef im Amt bleibt. Hier kommt wieder der Rücktritt ins Spiel. Sollte in zwei Wahlgängen keine absolute Mehrheit vorliegen, hat der Bundespräsident nach Artikel 63, Absatz 4 in sieben Tagen zwei Möglichkeiten:
- die Person mit den meisten Stimmen zum Bundeskanzler zu machen
- Neuwahlen
Von Brandt bis Schröder - in diesen Fällen kamen Vertrauensfrage und Misstrauensvotum zum Einsatz.
In der Geschichte der Bundesrepublik wurden seit 1949 fünf Vertrauensfragen gestellt und zweimal das konstruktive Misstrauensvotum angewendet.
- Willy Brandt: Das konstruktive Misstrauensvotum scheiterte im April 1972. Im Herbst des Jahres stellte Brandt die Vertrauensfrage, was zu Neuwahlen führte.
- Helmut Kohl: Er stellte nach seiner Wahl durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Dezember 1982 die Vertrauensfrage. Nach der Niederlage wurde neu gewählt.
- Gerhard Schröder: Der SPD-Politiker verlor 2005 bewusst die Vertrauensfrage, um vorgezogene Neuwahlen zu ermöglichen. Danach begann die Ära Merkel.
- Olaf Scholz: Er bat den Bundespräsidenten am 6. November 2024 darum, die Vertrauensfrage stellen zu dürfen. Neuwahlen wurden so ermöglicht. Am 23. Februar wurde Friedrich Merz im zweiten Wahlgang zum aktuellen Bundeskanzler gewählt.
Diese Politiker verkündeten ihren Rücktritt
Zwei Politiker haben sich dafür entschieden, ihre Posten zu verlassen:
- Ludwig Erhard: Nachdem seine Regierungskoalition zerbrach, trat er am 30. November 1966 zurück.
- Willy Brandt: Nach der sogenannten Guillaume-Affäre zog er politische Konsequenzen und gab seinen Rücktritt am 7. Mai 1974 bekannt. Womöglich war die Enttarnung von Brandts Mitarbeiter Günter Guillaume als Stasi-Spion nicht der einzige Grund für seine Entscheidung.