Polizei-News Nienburg, 25.02.26: Shoa-Überlebender Dr. Leon Weintraub besucht Polizeiakademie Niedersachsen in Hann-Münden
Mord für das Presseportal Bild: Adobe Stock / Andreas Gruhl
Erstellt von Team Datenjournalismus
25.02.2026 17.50
Hann. Münden) Es ist mucksmäuschenstill, als der Shoa-Überlebende Dr. Leon Weintraub in der feierlich geschmückten Sporthalle der Polizeiakademie Niedersachsen am Studienort in Hann. Münden am 25. Februar zu rund 400 Gästen, überwiegend Polizeistudierenden, spricht. Gewohnt klar in der Aussage, aufrecht, zugewandt und mit einem unvergleichlichen Optimismus gesegnet, trug der mehrfach mit Bundesverdienstkreuzen ausgezeichnete Shoa-Überlebende seine mittlerweile 100-jährige Lebensgeschichte vor.
Im Alter von 14 Jahren wurde der 1926 geborene Leon Weintraub von den Nationalsozialisten gezwungen, im Getto Litzmannstadt zu leben, in dem Jüdinnen und Juden Zwangsarbeit leisten mussten. Mit Auflösung des Gettos Litzmannstadt wurden er und ein Teil seiner Familie, darunter seine Mutter und seine Schwestern nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ihm gelang es, Auschwitz-Birkenau zu entkommen, von den SS-Männern und den Capos ungesehen, hat er sich einer zum Transport bereiten Gruppe von Häftlingen angeschlossen. Um so der Ermordung zu entgehen.In den letzten Monaten des Krieges überlebte er mehrere von den Nationalsozialisten initiierte unmenschlichen Verlegungsaktionen. Auf einem dieser Transporte gelang ihm die Flucht. Abgemagert, völlig entkräftet und krank wurde er gerettet. Ein Großteil seiner Familie überlebte den Holocaust nicht.
Nach einer kurzen Zeit der Rekonvaleszenz begann das andere Leben des Leon Weintraub:In berührender Weise berichtete vom Wiedersehen mit seinen Schwestern in Bergen-Belsen. Die Wiedersehensfreude war groß, glaubten die Schwestern doch, dass nicht nur ihre Mutter und ihre Tante in Auschwitz ermordet wurden, sondern auch ihr Bruder Leon die Shoa nicht überlebte.
Nahezu unvorstellbar sollte ausgerechnet eine Stadt im Land der Täter Ausgangspunkt seines "neuen" Lebens werden: Göttingen.1946 nahm er das Studium der Medizin an der Georg-August-Universität auf. Dr. Weintraub berichtete von seinem hohen Wissensdurst, aber auch von den Schwierigkeiten als Shoa-Überlebender die Zulassung zum Studium zu bekommen. Weintraub wurde Facharzt der Geburtshilfe und Frauenheilkunde, promovierte und wurde - mittlerweile nach Polen ausgewandert - Oberarzt im Kreiskrankenhaus in Otwock bei Warschau. Aufgrund des sich steigernden Antisemitismus emigrierte er mit seiner Familie 1969 nach Schweden. Seither lebt er in Stockholm und hält seit Jahren Vorträge in Schulen, Gedenkstätten und setzt sich nachdrücklich für die Erinnerung an die Shoa ein.
Zu Göttingen, Hann. Münden und zur Polizeiakademie Niedersachsen pflegt Dr. Weintraub eine besondere Beziehung. Seine Frau Evamaria Loose-Weintraub lebte in ihrer Jugend in Hann. Münden. Anlässlich des Gedenkens an die Reichspogromnacht am 08. November 2024 sprach Leon Weintraub nicht nur auf Einladung der Landtagspräsidentin Hanna Naber im Niedersächsischen Landtag, sondern er besuchte auch Hann. Münden. Vermittelt durch die Polizeiakademie nahmen er und seine Frau dort an einer Gedenkveranstaltung der Stadt teil. In einer bewegenden Rede erinnerte der Stadtarchivar Stefan Schäfer seinerzeit an die Verbrechen der Nationalsozialisten und hielt ein eindringliches Plädoyer dafür, jeglichen antidemokratischen Bestrebungen und völkischem Gedankengut zu widerstehen und sich aktiv für den Erhalt der Werte des Grundgesetzes einzusetzen.Bis heute stehen beide in Kontakt und die Wiedersehensfreude war groß bei der Veranstaltung in der Polizeiakademie Niedersachsen - ebenso groß wie die Begegnung mit niedersächsischen Polizeistudierenden, die Leon Weintraub anlässlich zweier Bildungsreisen in den Jahren 2024 und 2025 in Lodz, Dobra und Chelmno begleitete.
Die Auseinandersetzung mit der Rolle der Polizei während des Nationalsozialismus hat sowohl für die Polizeiakademie Niedersachsen als auch für Leon Weintraub eine besondere Bedeutung. Als Träger des staatlichen Gewaltmonopols müssen sich Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamte ihrer Verantwortung und ihrer Pflicht zum aktiven Eintreten für die demokratischen Grundwerte fortwährend bewusst sein."Die Aktivitäten im polizeilichen Studium, aber auch die Aufgeschlossenheit und Reflexionsfähigkeit der jungen angehenden Polizistinnen und Polizisten lassen uns trotz der festzustellenden gesellschaftlichen Polarisierung optimistisch nach vorn schauen", sagte Dr. Leon Weintraub.Im Hinblick auf die Eigenverantwortung der angehenden Polizistinnen und Polizisten, gab er den jungen Studierenden mit auf den Weg: "Wir haben ein Gehirn zum Denken, zum Bewerten und zum Entscheiden. Nutzt es!"
In diesem Sinn pflanzten Dr. Leon Weintraub und der Direktor der Polizeiakademie Niedersachsen, Carsten Rose, auf dem Gelände der Polizeiakademie Niedersachsen einen Baum. "Der Baum ist Ihnen, lieber Leon Weintraub, gewidmet - als Zeichen tiefster Dankbarkeit und Hochachtung für Ihren unermüdlichen Einsatz gegen das Vergessen.", hob Carsten Rose in seiner kurzen Ansprache hervor."Gerade in Zeiten, in denen gesellschaftliche Debatten zunehmend polarisierend geführt werden, ist es unsere Aufgabe, angehenden Polizistinnen und Polizisten ein klares demokratisches Wertefundament zu vermitteln, das durch die Achtung der Würde aller Menschen geprägt ist. Dass Sie uns bei unserer Arbeit so nachdrücklich unterstützen, dafür danken wir Ihnen von ganzem Herzen."
Für Dr. Leon Weintraub, seine Frau Evamaria und seinem Sohn Robert Weintraub ist es nicht der einzige Termin in Südniedersachsen. Am Folgetag nahmen sie an den Feierlichkeiten zum 80jährigen Bestehen der polizeilichen Bildungsarbeit teil. In den ersten Märzwochen soll Dr. Leon Weintraub sowohl der Göttinger Friedenspreis als auch die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen verliehen werden.
+++ Redaktioneller Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einer Meldung der Polizeiakademie Niedersachsen vom 25.02.2026 gegen 17:09 Uhr. Die Originalmeldung aus dem Blaulichtreport des Presseportals finden Sie hier. Um Sie schnellstmöglich zu informieren, werden diese Texte datengetrieben aktualisiert und stichprobenartig kontrolliert. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++
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