Verlangen nach Zucker: Woher kommt der Heißhunger auf Süßigkeiten?
Dass das Verlangen nach Zucker nicht nur psychisch bedingt ist, zeigen verschiedene Studien. Bild: AdobeStock/anaumenko
Erstellt von Felix Schneider
19.01.2026 12.44
- Trotz vollem Magen haben wir manchmal Appetit auf Süßes
- Die Ursache dafür ist nicht allein reine Willensschwäche
- Forscher machen auch biologische Mechanismen verantwortlich
Mehr rund um das Thema Zucker finden Sie am Ende dieses Beitrags.
Nach einem üppigen Abendessen ist der Magen eigentlich voll - und trotzdem meldet sich plötzlich der Appetit auf etwas Süßes. Liegt das bloß an mangelnder Disziplin? Die Wissenschaft gibt Hinweise darauf, dass auch andere Faktoren einen Einfluss auf den Heißhunger haben. Schuld sind unter anderem biologische Mechanismen, die den Appetit steuern.
Körpereigene Opiate machen Zucker unwiderstehlich
So haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut Versuche an Mäusen durchgeführt. Deren Gehirne ähneln strukturell dem menschlichen Denkorgan. Die Tiere wurden zunächst bis zur Sättigung gefüttert und erhielten anschließend Zucker. Dabei machten die Forscher eine bemerkenswerte Entdeckung: Genau jene Neuronen, die das Sättigungsgefühl vermitteln, schütten gleichzeitig β-Endorphin aus - ein körpereigenes Opiat.
Diese Substanz dockt an Rezeptoren im Gehirn an und löst ein Belohnungsgefühl aus. Als das Forscherteam diesen Signalweg blockierte, verloren die Mäuse ihr Interesse am Zucker. Den gleichen Mechanismus konnten die Wissenschaftler auch beim Menschen nachweisen. "Weil Zucker so leicht verstoffwechselt werden kann, ist sein Konsum über den Energiebedarf hinaus für Tiere vorteilhaft", erklärt Studienautor Henning Fenselau. Evolutionär betrachtet hat sich unser Gehirn also darauf programmiert, den Konsum von Zucker übermäßig zu belohnen.
Darmbakterien wirken wie ein natürliches Ozempic
Doch nicht nur das Gehirn steuert die Lust auf Süßes - auch der Darm mischt kräftig mit. Chinesische Wissenschaftler haben in einer im Fachjournal "Nature Microbiology" veröffentlichten Studie einen faszinierenden Zusammenhang aufgedeckt: Ein bestimmtes Darmbakterium namens Bacteroides vulgatus beeinflusst das Zuckerverlangen über ähnliche Mechanismen wie das Abnehm-Medikament Ozempic.
Die Forscher analysierten Blutproben von 60 Typ-2-Diabetikern und verglichen sie mit gesunden Kontrollpersonen. Bei den Diabetikern fanden sie deutlich niedrigere Werte des Proteins FFAR4, das wiederum das Hormon GLP-1 aktiviert - genau jenes Hormon, auf das auch Ozempic abzielt. Im Darm von Mäusen und Menschen mit Zuckergelüsten war Bacteroides vulgatus deutlich seltener vertreten. Dieses Bakterium setzt eine Signalkette in Gang, die vom Darm über die Leber bis zum Hypothalamus reicht und dort das Verlangen nach Zucker unterdrückt.
Verlangen nach Zucker ist nicht immer Willensschwäche
Kurzum: Einen großen Teil tragen biologische Mechanismen dazu bei, dass wir Lust auf Naschkram bekommen. Die Erkenntnisse der Forscher des Max-Planck-Instituts lassen darauf schließen, dass es grundsätzlich hilfreich sein kann, den Konsum zu reduzieren. So werden seltener größere Mengen Glückshormone durch den Zucker im Körper ausgeschüttet. Eine zu häufige Ausschüttung kann suchtähnliche Symptome nach sich ziehen und zu vermehrtem Konsum anregen.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der chinesischen Forscher, dass das Verlangen nach Süßspeisen selbst schon durch die Menge des Darmbakteriums, die uns innewohnt, mitbestimmt wird. Die Wissenschaftler mutmaßen nach weiteren Experimenten mit Mäusen, dass eine Zugabe des Bakteriums in Form von Nahrungsergänzungsmitteln auch beim Menschen das Verlangen dämpfen könnte. Bis tatsächlich entsprechende Medikamente entwickelt werden, könnte es allerdings noch dauern.
Hier finden Sie noch mehr spannende Informationen zu ähnlichen Themen:
- Jeden Tag Cola trinken - das passiert mit Ihrem Körper
- Diese Lebensmittel sind Gift für den Darm und die Verdauung
- Süßstoffe können das Denkvermögen deutlich beeinträchtigen
- Alkoholfreies Bier kann Diabetes-Risiko fördern
- Diese 8 Anzeichen verraten: Ihr Zuckerkonsum ist gefährlich hoch