Wirtschaft

Hafenwirtschaft im Norden: Wie der Lübecker Hafen die Zukunft gewinnen will

Adobe Stock / Dmitry Nikolaev Bild: Adobe Stock / Dmitry Nikolaev

  • Artikel teilen:

Wenn am Vormittag die letzten Schiffe den Skandinavienkai verlassen haben, wird nur kurz durchgeatmet. Bald schon beginnt wieder geschäftiges Schwirren von Gabelstaplern mit riesigen Papierrollen, scheinbar schwereloses Auf und Nieder von Verladekränen, Vorbereitungen auf die abendlichen Schiffsankünfte. Für Zuschauer ist von den Lübecker Häfen vor allem die Aus- und Einfahrt der Schiffe aus nächster Nähe an der Touristenpromenade von Travemünde zu sehen.

Etwas versteckt hinter dem ersten Bogen der Trave liegt eines der größten RoRo-Terminals in Europa. RoRo bedeutet, dass ganze Lastwagen oder nur deren Auflieger und andere Fahrzeuge direkt auf die Schiffe geladen werden. Die Fahrzeuge fahren selbstständig auf die Decks der riesigen Fähren oder die Auflieger werden von speziellen Zugmaschinen dort abgestellt. Viele Lastwagenfahrer nutzen die Fährpassage etwa nach Helsinki (Finnland), Trelleborg (Schweden) oder Klaipėda (Litauen) als Ruhezeit. Andere nehmen direkt neue Fracht auf und fahren auf der Straße weiter zu ihrem nächsten Ziel.

Die Lübecker Hafen-Gesellschaft setzt auf Wachstum

Um wachsen zu können, muss Lübeck gut an das Schienen- und Straßennetz angebunden sein. Gerade bei der Bahn hapert es aber. In Bereichen, in denen die Deutsche Bahn benötigte Leistungen nicht angemessen anbieten konnte, habe die Lübecker Hafen-Gesellschaft (LHG) inzwischen eigene Unternehmen gegründet, sagte deren Geschäftsführer Sebastian Jürgens. Das betreffe etwa das Rangieren von Zügen oder die Reparatur von Waggons. Das habe zu mehr Ladung für Lübeck geführt. Knapp 130.000 Einheiten im Kombiverkehr zwischen Bahn und Schiffen sind es jetzt. "Wir haben uns in diesem Segment wirklich engagiert."

Die LHG hat kräftig investiert. Längere Gleise, ein zusätzlicher Portalkran. Der Bereichsleiter Betrieb, Timo Beyer, spricht von einer angestrebten Verdoppelung im Kombiverkehr.

Dabei gibt es einen starken Wandel. 2024 seien noch etwa 50 Prozent der Verkehre auf der Schiene mit der Deutschen Bahn abgewickelt worden. Im folgenden Jahr habe das bundeseigene Unternehmen seine Ladung jedoch komplett verloren. Sie werde jetzt von privaten Unternehmen gefahren - bei vier Prozent Wachstum, wie Jürgens betont. Entscheidend für den Erfolg sei unter anderem die Zahl der täglichen Abfahrten. So verlassen jede Woche unter anderem 15 Züge Travemünde Richtung Verona und weitere 11 Richtung Mailand.

Kritik an der Deutschen Bahn

Allerdings bereite die Bahn massive Probleme, klagt Jürgens. "Die Züge kommen nicht mehr stundenweise zu spät, sie kommen tageweise zu spät." Das Baustellenmanagement der DB InfraGo für die Sanierung der Schienentrassen "hat eindeutig noch Luft nach oben, vor allem auch bei der Informationspolitik." Das sei eine Bremse. "Es führt nicht zu einem Rückgang, es führt zu einem gedämpften Wachstum."

Die Deutsche Bahn wies auf eine Arbeitsgruppe hin, die alle Beteiligten an einen Tisch bringen solle. Die aktuellen Probleme hingen mit Streckensanierungen zusammen, etwa zwischen Hamburg und Berlin sowie zwischen Hamburg und Hannover, sagte ein Sprecher der Bahn.

Nicht weit von Lübeck entfernt wird aktuell an der festen Fehmarnbeltquerung gebaut. Wenn der Tunnel zwischen Deutschland und Dänemark in Betrieb genommen wird, rechnet Jürgens schon mit Auswirkungen, vor allem im Schienenverkehr und damit im sogenannten Intermodalgeschäft. "Es wird Vor- und Nachteile geben. Da wir uns zu einem Logistik-Hub entwickeln, werden wir da Chancen haben."

Schon heute hätten die begleiteten Verkehre, also Lastwagen mit Fahrer, mit der Fähre zwischen Puttgarden und Rødby eine Alternative. Die Fähre von Travemünde werde aber häufig wegen der nötigen Ruhezeiten gewählt.

Angesichts neuartiger Bedrohungen legt die Lübecker Hafen-Gesellschaft nach Beyers Angaben größten Wert auf die Sicherheit ihrer Computersysteme. Aber, falls doch etwas passiert: "Wir haben viele Übungen durchgeführt." Das sei bis zur Rückkehr zu Stift und Papier gegangen. Mit dem Einsatz aller Mitarbeiter habe man den Abfertigungsbetrieb aufrechterhalten können.

Klimaneutralität ist das Ziel

In dem Bundesland, das zum ersten klimaneutralen Industrieland in Deutschland werden möchte, investiert auch die Lübecker Hafen-Gesellschaft in ihre Energieversorgung. Das riesige Dach der Papierhalle in Travemünde trägt inzwischen in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken eine große Photovoltaikanlage.

Neue Fahrzeuge wie Gabelstapler werden, wenn es praktikabel ist, batterieelektrisch angetrieben, sagt Jürgens. Bei den Zugmaschinen für die Lkw-Trailer gebe es noch Probleme mit der Leistungsfähigkeit auf den Rampen. Die Umstellung von Diesel auf Batterie oder Wasserstoff werde aber folgen. "Ich wäre da gerne schon ein Stück weiter."

Für die Schiffe gibt es Landstromanlagen. Schiffe, die mit Flüssiggas (LNG) angetrieben werden, können in Travemünde bunkern. Wenn künftig eine Reederei Methanol bunkern möchte, werden man auch das ermöglichen, sagt der Unternehmenschef.

Zukunftsprojekte

Die LHG plant demnächst, einen der beiden älteren Portalkräne durch einen Neubau zu ersetzen. Außerdem wird eine Erweiterung der Terminalfläche ins Auge gefasst. Auch vonseiten der Kunden kommen Änderungen. So wolle Finnlines von 2028 größere Schiffe für den Verkehr mit Travemünde einsetzen. Dafür werde der Anleger hergerichtet, sagt Beyer.

"In den nächsten Jahren rechnen wir mit einem weiteren Wachstum an Passagieren, da Redereien am Standort neue Fährschiffe bestellt haben, die mehr Passagiere an Bord befördern und in Zukunft noch mehr Komfort bieten", hatte Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau (SPD) zur Hafenbilanz 2025 mitgeteilt.

Leichter Zuwachs beim Güterumschlag

Im vergangenen Jahr erreichte der Lübecker Hafen einen leichten Zuwachs von 1,7 Prozent beim Güterumschlag auf 23,2 Millionen Tonnen. Rund 91 Prozent des gesamten Seegüterumschlags entfallen auf den RoRo-Verkehr. Bei der Zahl der Ladungs- und Transporteinheiten 2025 betrug der Zuwachs 2,8 Prozent auf mehr als 1,1 Millionen Einheiten. Der Passagierverkehr blieb mit fast 506.000 Menschen stabil.

Vergleich mit Seehafen Kiel

Der Kieler Seehafen zum Vergleich steigerte seinen Güterumschlag im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent auf gut 7,9 Millionen Tonnen. Stärker als Lübeck ist Kiel bei Passagieren mit 2,7 Millionen Menschen. In der Landeshauptstadt spielt auch das Kreuzfahrtgeschäft eine große Rolle. Eine negative Entwicklung zeigt in Kiel die Schiene. 2025 wurden im Intermodalverkehr 8.529 Einheiten umgeschlagen, wie der Seehafen berichtete. 2024 waren es 13.000 Container.

Weitere aktuelle Meldungen aus dem Ressort "Wirtschaft":

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

/roj/news.de

Themen

Erfahren Sie hier mehr über die journalistischen Standards und die Redaktion von news.de.