Mehr als Selbstversorgung: "Gemüsepower" auf kleiner Fläche - was wir vom Gärtnern im Dorfgarten lernen können
Lucia Schauerhammer versorgt mit ihrem 4.500 Quadratmeter großen Dorfgarten fast 100 Familien. Bild: Lucia Schauerhammer
Von news.de-Redakteurin Anika Bube
30.01.2026 13.36
- Vom Leistungssport zum Acker: Lucia Francesca Schauerhammer bewirtschaftet 4.500 Quadratmeter bei Jena händisch und versorgt 100 Familien mit regionalem Gemüse.
- Effizienz auf kleiner Fläche: Dank des Market-Garden-Prinzips regeneriert sie den Boden und erzielt maximale Erträge ohne schwere Maschinen.
- Praxiswissen und Vision: In ihrem Buch "Gemüsepower" teilt sie ihre Erfahrungen und plant den Ausbau zum biodiversen Kreislaufsystem.
Im Dorfgarten bei Jena wächst auf gut 4.500 Quadratmetern nicht nur ungespritztes Gemüse für etwa 100 Familien, sondern auch eine Idee, die größer ist, als jedes Beet. Gute Ernährung beginnt wieder dort, wo sie einmal herkam: in der Erde. Die Frau hinter diesem Garten heißt Lucia Francesca Schauerhammer. Jahrgang 1999, aufgewachsen in Thüringen, ehemalige Leistungssportlerin, heute Market-Gärtnerin, Autorin und Mutter. Ihr Weg zurück zum Garten ist kein romantischer Ausstieg, sondern das Ergebnis von Disziplin, Erfahrung und klarer Haltung.
Die Beziehung von Lucia Francesca Schauerhammer zum Gärtnern beginnt früh. Aufgewachsen ist sie in Zeulenroda. Der Garten ihrer Urgroßeltern war ihr Rückzugsort. "Mein Safe Place", nennt sie ihn. Alles, was dort geerntet wurde, landete später auf dem Teller. Dort lernte sie früh, dass wahre Qualität vor allem einen gesunden Boden braucht. Heute zeigt sie uns, dass Selbstversorgung auch auf kleinen Flächen funktioniert und dass Regionalität kein Verzicht ist, sondern der pure Luxus.
Vom Leistungssport zum Dorfgarten: Lucia Francesca Schauerhammer bewirtschaftet 4.500 Quadratmeter in Handarbeit
Ihr Lebensweg führte sie zunächst jedoch in eine ganz andere Richtung - dem Leistungssport. Anfangs Judo, dann Leichtathletik. Mit zwölf Jahren wechselte sie auf die Sportschule nach Jena, lebte fünf Jahre im Internat und nahm als Speerwerferin an deutschen Meisterschaften teil. Ihr damaliger Traum: Olympia. Doch wie bei vielen Leistungssportlerinnen kam irgendwann der Punkt, an dem der Körper Grenzen setzte. Mit 16 Jahren beendete sie ihre aktive Sportkarriere, trainierte Kinder und machte zunächst eine kaufmännische Ausbildung mit Abitur. Doch die Bildschirmarbeit forderte ihren Tribut. "Das hat mich total unglücklich gemacht", sagt sie rückblickend. Ihr Körper, jahrelang auf Bewegung trainiert, rebellierte gegen das Sitzen. Sie zog es zurück ins Freie.
Über die Tomatenernte freut sich Lucia Schauerhammer jedes Jahr am meisten. Bild: Lucia Schauerhammer
Vier Jahre später fand sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler, in einem Dorf nahe Jena ihr Zuhause. Noch bevor das Haus fertig war, hatte Lucia Francesca Schauerhammer bereits ihren Garten angelegt. "Bevor wir eingezogen sind, waren im Garten schon drei Hühner", erinnert sich die 26-Jährige.
Corona als Wendepunkt: Selbstversorgung statt Supermarkt
Als 2020 die Corona-Pandemie kam, blieben viele Supermarktregale leer. Der eigene Garten wurde zum Glücksfall. Frisches Gemüse war da, genug für die Familie, manchmal auch für die Großeltern. Keine vollständige Selbstversorgung, aber ein neues Bewusstsein. "Ich wollte das nicht mehr aus dem Supermarkt", sagt sie. Der Geschmack, die Herkunft, die Abhängigkeit von beheizten Gewächshäusern und Folienmeeren in Spanien. All das fühlte sich falsch an. Also begann sie, konsequent saisonal zu gärtnern, zu verarbeiten, zu planen. Sie las, schaute Videos, testete. Und irgendwann kam der Gedanke: Warum das alles für sich behalten?
2021, ihr Sohn war gerade ein Jahr alt, entstand schließlich der Dorfgarten. Erst ein paar Nachbarn, dann 20 Gemüsebox-Abonnenten. Keine Werbung, nur Mundpropaganda. Heute sind es rund 100 Familien in Jena und Umgebung. Die Fläche wuchs. Mittlerweile bewirtschaftet Lucia Francesca Schauerhammer gemeinsam mit ihrem Mann gut 4.500 Quadratmeter - händisch, ohne große Maschinen. Strikt nach dem Market-Garden-Prinzip. Ein intensiver, biologischer Anbau auf kleiner Fläche, mit klaren Pflanzabständen, Fruchtfolgen und viel Kompost. "Das Schwierigste war der Boden", sagt Lucia Francesca Schauerhammer. Flächen, die jahrelang vernachlässigt oder konventionell bewirtschaftet wurden, lassen sich nicht über Nacht regenerieren. Nach fünf Jahren hat sich der Boden schon gut entwickelt, zeigt sich die 26-Jährige stolz. Dazu kam die körperliche Arbeit: "Wir sind einfach sehr diszipliniert durch den Sport." Aufgeben war für die Leistungssportler keine Option.
Mit dem Market-Garden-Prinzip lässt sich auch auf kleiner Fläche jede Menge ernten. Bild: Lucia Schauerhammer
"Gemüsepower": Lucia Francesca Schauerhammer teilt Wissen aus der Dorfgarten-Praxis
Nun hat die Thüringerin ihr gesammeltes Gartenwissen zwischen zwei Buchdeckel gepackt. "Gemüsepower" heißt das Werk, das beim Kosmos-Verlag erschienen ist. Das Buch ist kein klassischer Ratgeber mit starren Regeln. Stattdessen gibt Lucia Francesca Schauerhammer Einblick in die Arbeitsweise ihres Dorfgartens und zeigt, wie sich auf kleiner Fläche hohe Erträge erzielen lassen. Während industrielle Landwirtschaft oft nur ein oder zwei Kulturen pro Jahr zulässt, ermöglicht das Market-Garden-Prinzip bis zu vier Ernten auf demselben Beet. Sie erzählt offen von Fehlern, Lernprozessen und Lösungen, die sich im Alltag bewährt haben. Ergänzt wird das Wissen durch praktische Tipps zu Mischkultur, Kompostierung, Wassernutzung und nachhaltigem Ressourceneinsatz. "Mir hat immer das Buch gefehlt, das mich wirklich abholt", sagt sie. Viele Gartenbücher seien sachlich, aber wenig inspirierend. Ihr Ansatz: verständlich, visuell, nahbar – geschrieben aus der Perspektive einer jungen Gärtnerin. Für Anfänger hat sie klare Regeln: nicht zu groß starten, nur anbauen, was man wirklich mag und sorgsam mit Wasser umgehen.
Die nächsten Schritte der Dorfgärtnerin sind klar: Agroforst, mehr Biodiversität, ein Kreislaufsystem mit Hühnern und Enten. Alte Rassen, mobile Ställe, Eier aus artgerechter Haltung. Tiere als Teil des Systems – zur Schädlingskontrolle, für Kompost, für Leben im Garten. "Wir haben verlernt, als Gemeinschaft zu leben", sagt sie. Der Garten ist ihr Gegenentwurf. Klein gedacht, lokal, verbindend.
"Gemüsepower" von Lucia Schauerhammer Bild: Kosmos Verlag
Titel: "Gemüsepower"
Autor: Lucia Francesca Schauerhammer
Verlag: Kosmos Verlag, 2026
Seitenzahl, Buchart: 144, Paperback
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-440-18285-7
Weitere Meldungen rund ums Gärtner finden Sie hier:
- Gärtnern mit Künstlicher Intelligenz: Die besten Prompts für ChatGPT und Co.
- Aussaat im Januar und Februar: Diese Pflanzen können Sie im Winter vorziehen
- Bis zu 65.000 Euro Bußgeld drohen - diese Tiere im Garten zu töten, ist strafbar
- Mit diesen Kräutern können Sie sich eigene Teemischungen kreieren
- Gärtnern für Anfänger: Diese Tipps bringen "Ahnungslose" durchs erste Gartenjahr