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Dieter Nuhr: Wieso Femizide zur Unterhaltung nicht witzig sind

Kabarettist Dieter Nuhr entsetzt mit Witzen über Femizide. Bild: picture alliance/dpa | Soeren Stache

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  • Dieter Nuhr macht Witze über Femizide und verschiebt Schuld

Humor überschreitet gerne Grenzen oder will provozieren. Und dann gibt es Witze, die nach unten treten. Als Dieter Nuhr das Publikum in der XXL-Ausgabe seiner ARD-Sendung mit Witzen über Femizide zum Lachen brachte, zwei Journalistinnen unter dem Deckmantel Comedy diskreditierte und Frauen sinngemäß dazu riet, den Partner vorher zu prüfen, ob er sie irgendwann umbringen könnte, handelt es sich nicht um pointierten Humor, sondern verschiebt die Verantwortung vom Täter zum Opfer - und das auf der Bühne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Dieter Nuhr scherzt in ARD-Sendung über Femizide

Dieter Nuhr ist hier ein weiteres Beispiel für den männlichen Blick auf ein Problem, dass sich aus patriarchalen Strukturen nährt. Zwei Journalistinnen setzen sich mit heterosexuellen Beziehungen und der Frage auseinander, ob man mit Männern in einer Zeit zusammensein kann, wo Frauen und Mädchen minütlich in ihren Familien Gewalt erfahren können. Für ihn der Ausgangspunkt für seine Witze. Er spricht ihr ab, statistische Fakten nutzen zu können, bevor er Femizide zum Thema macht. Er spricht von Zahlen rund um ermordete Frauen und sagt, dass diese Taten mehrheitlich von Männern verübt werden. Dann kommt das obligatorische "aber", indem er Femizide kleinredet: "Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer. Die Wahrscheinlichkeit einen Frauenmörder zu treffen ist praktisch null." Als ob eine Frau durch die Straßen spaziert und an der Ampel ihrem künftigen Mörder begegnet.

Dieter Nuhr macht Witze auf Kosten von Gewalt gegen Frauen

Wäre das noch nicht genug, überträgt Dieter Nuhr Frauen die Verantwortung, sich vor derartigen Gewaltdelikten selbst zu schützen. "Einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist", so Nuhr. Vor einem Millionenpublikum herauszuposaunen, Frauen müssten lediglich genauer hinschauen, bevor sie sich auf einen Mann einlassen, ignoriert die Realität häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt. Gewalttäter leuchten nicht rot wie ein Alarmsignal. Psychische und physische Gewalt passiert schleichend. Kontrolle und Einschüchterung sind ihre Mittel. Wer Frauen vorwirft, sie hätten die Warnzeichen eben erkennen müssen, macht aus einem gesellschaftlichen Gewaltproblem eine individuelle Schuldfrage. Vor diesem Hintergrund wirkt Nuhrs Pointe nicht nur geschmacklos, sondern ignorant.

Femizide sind ein großes Problem

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Femizide und Gewalt an Frauen und Mädchen kein Einzelfallproblem sind, sondern ein großes, anwachsendes. Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden 2024 in Deutschland von 308 Frauen 191 von ihren Partnern getötet. UN Women Deutschland spricht auf Grundlage  der Zahlen des BKA davon, dass alle vier Minuten eine Frau in Deutschland Gewalt durch ihren (Ex-)Partner erlebt. Das bedeutet: Regelmäßig werden in Deutschland Frauen von Männern getötet, mit denen sie eine Beziehung hatten oder haben. Dazu heißt es im Lagebericht "Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024": "Diese 308 weiblichen Opfer machen 80,6 Prozent aller Opfer von Tötungsdelikten innerhalb von Partnerschaftsgewalt (382) aus." Gleichzeitig kennen wir gar nicht die ganze Dimension. Viele Straftaten gegen Frauen bleiben im Dunkeln. Zwar gibt es zu Femiziden keine expliziten Zahlen, dennoch zeigen die Erhebungen zu Partnerschaftsgewalt deutlich: Es ist ein Problem und kein Stilmittel für eine Fernsehsendung.

Nuhr bringt Publikum zum Lachen - auf Social Media hört der Spaß auf

Ebenso geschmacklos wie der Witz selbst war die Reaktion im Studio. Das Publikum lachte unter anderem über seine Täter-Opfer-Umkehr. War es reflexhaft? Vielleicht. Doch das ist hier zu kurz gegriffen. Wer darüber lacht, manifestiert: Es ist okay, über Gewalt gegen Frauen zu lachen. In den sozialen Medien und gerade bei Frauen hörte der Spaß auf. 

ARD bietet dem Kabarettisten Bühne für Täter-Opfer-Umkehr

Auch die ARD sollte sich ein paar Fragen stellen. Kabarett darf an Grenzen rütteln und darüber hinausgehen, aber nicht so. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein gesellschaftliches Problem verharmlost, das zahlreichen Frauen das Leben kosten kann, sollte der Sender sein Verständnis von Unterhaltung überdenken. Shows, die Missstände aufzeigen und sich für mehr Schutzräume sowie Gewaltprävention stark machen, bieten mehr. Das ist vielleicht nicht witzig, aber nötig.

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/loc/news.de

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