Panorama

Medien in den USA: Stich ins Herz des Journalismus: Fall "Washington Post" und die Folgen

Täglich bestens informiert mit den aktuellen Nachrichten auf news.de (Symbolbild). Bild: Adobe Stock / natali_mis

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Preisgekröntes Fototeam? Weg. Korrespondentenstandort in Berlin? Weg. Sportredakteure? Weg. Der Schlag kam unvermittelt. Die "Washington Post" ist ein Herzstück des Journalismus in den USA. Die traditionsreiche Zeitung sieht sich einem gewaltigen Stellenabbau ausgesetzt.

"Demokratie stirbt in Dunkelheit"

"Democracy Dies in Darkness" - Demokratie stirbt in der Dunkelheit - ist ihr Slogan. Wir reden nicht von irgendeinem Medium. In der US-Hauptstadt bekommt man heute noch Gänsehaut, wenn man vor dem Watergate-Gebäudekomplex steht. In den 1970ern deckten Reporter der Zeitung auf, dass es Abhöraktionen im Demokraten-Hauptquartier gab. Am Ende trat Präsident Richard Nixon zurück.

Amazon-Gründer kauft sich eine Zeitung

Skepsis gab es, als Amazon-Gründer Jeff Bezos vor mehr als zehn Jahren für eine Viertelmilliarde Dollar die Zeitung kaufte. Davor hatte es Sparrunden gegeben. Damals sagte er laut einer früheren "Washington-Post"-Kolumnistin: Man könne profitabel sein und zugleich schrumpfen. Das sei eine Überlebensstrategie, aber sie führe letztlich bestenfalls zur Bedeutungslosigkeit. Und schlimmstenfalls zum Untergang.

Warum müssen jetzt Hunderte Journalisten gehen? Die Zeitung machte Medien zufolge Verluste. Dass Bezos Milliardär ist, erbost Kritiker. Bezos' Vermögen wird - vor allem durch seine Amazon-Beteiligung - etwa vom Finanzdienst Bloomberg auf rund 230 Milliarden Dollar geschätzt.

In Donald Trumps zweiter Amtszeit im Weißen Haus der Besitzer der "Washington Post" zu sein, kann für Bezos zur Belastung werden. Man erlebt immer wieder, wie gegen politische Widersacher des Präsidenten durchgegriffen wird. Amazon und Bezos' Weltraumfirma Blue Origin sind zwei Unternehmen, die man aus dem Regierungsapparat unter Druck setzen könnte: Den weltgrößten Online-Händler zum Beispiel mit Wettbewerbsverfahren und den Raketenentwickler mit dem Ausschluss von Staatsaufträgen.

Die US-Satire-Sendung "Daily Show" münzte den Slogan "Demokratie stirbt in der Dunkelheit" in "Melania Stuns with Hotness" (etwa: Melania begeistert mit ihrer Ausstrahlung) um. Amazon blätterte unlängst viel Geld für Rechte an einem Filmprojekt zur First Lady hin. War das Anbiederung?

Es gibt nun viele Spekulationen zu den Entlassungen. Eine davon: Übte der Regierungsapparat Druck aus?

Keine Wahlempfehlung mehr vor Präsidentschaftswahl

Erste Vermutungen, dass dem 62-jährigen Tech-Milliardär das Wohlwollen Trumps wichtiger sein könnte, kamen im Herbst 2024 auf. Damals, wenige Tage vor der Präsidentenwahl, brach die "Washington Post" plötzlich mit der Tradition, eine Wahlempfehlung abzugeben. Dabei war Medienberichten zufolge bereits ein Text vorbereitet, in dem sich die Redaktion für Trumps dann unterlegene Gegenkandidatin Kamala Harris aussprach.

Aus Protest kündigten nach Informationen des Senders NPR rund 250.000 Leser ihre Abonnements. Bezos verteidigte den Schritt als einen, der das Vertrauen in die Medien in einer gespaltenen Gesellschaft stärken solle.

"Nachrichtenwüsten" in den USA

Mit den Massenentlassungen bestätigt die "Washington Post" einen Trend. Auflagen sanken, Abos wurden gekündigt. In den USA gibt es den Begriff "news deserts" - "Nachrichtenwüsten" im ländlichen Raum. Die Initiative "The State of Local News Project" listet Zeitungssterben auf. Deren Rückblick auf die vergangenen 20 Jahre: Fast 40 Prozent aller lokalen US-Zeitungen sind verschwunden.

So ausgeprägt ist das in Deutschland nicht. Doch Verlage sehen in der Finanzierung der Zeitungszustellung auf dem Land ein Riesenproblem. 2020 fand sich in einer vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger in Auftrag gegebenen Studie die Prognose, dass bis 2025 die Zahl der zustellgefährdeten Gemeinden erheblich steige. Nach Verbandseinschätzung ist das Szenario bislang nicht häufig eingetreten. Zugleich gibt es seit Jahren Entlassungswellen in Medienhäusern.

Die Gefahren des Mäzenatentums

Branchenveteranin Tina Brown, die sich einst einen Namen als Chefredakteurin von "Vanity Fair" und des "New Yorker" machte, sieht durch das Debakel bei der "Washington Post" die These widerlegt, dass ein Tech-Milliardär seriösen Journalismus retten kann. 2013 habe man gedacht, dass die "Amazon-Zauberei" auf das angeschlagene Geschäftsmodell der Medienwelt übertragen werden könne. Der Aderlass habe gezeigt, dass Bezos keine Ahnung vom Nachrichtengeschäft habe. Unterdessen führten das "Wall Street Journal" und die "New York Times" vor, wie man erfolgreich sein könne.

Journalismusforscherin Anna von Garmissen vom Leibniz-Institut für Medienforschung zieht diese Schlussfolgerung: Journalistisches "Mäzenatentum" sei stets mit der Gefahr von Interessenverflechtungen verbunden, selbst wenn die Trennung von Redaktion und Eigner über Jahre stabil zu sein scheint. Sie stellt eine Frage: "Wie können wir den Journalismus resilienter machen?"

+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an hinweis@news.de. +++

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