Panorama

Atomunfall in Japan: 83 quälende Tage bis zum Strahlentod

Wie sich die Geschichte doch wiederholt: Geigerzähler knattern wieder in Japan - nach Tōkai im Jahr 2011 rund um das AKW Fukushima. Bild: dpa

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Der 30. September 1999 hätte ein ganz normaler Arbeitstag werden sollen. Hisashi Ouchi, 35, verheiratet, ein Sohn, kommt wie immer um 7 Uhr in die Atomanlage Tōkai. Doch an diesem Tag arbeitet er nicht im Kernkraftwerk auf dem Gelände, sondern in der Wiederaufbereitungsanlage. Ouchi soll Uranoxid per Hand in einen Behälter füllen. Beim siebten Eimer Uranlösung hört Ouchi einen lauten Knall - und sieht das blaue Todeslicht, das auch im Kühlbecken eines Reaktors zu sehen ist. In diesem Augenblick bohren sich Neutronenstrahlen, die mächtigste Form radioaktiver Energie, durch seinen Körper.

Innerhalb von Minuten wird er mit rund 20 Sievert beschossen - das ist das 20.000-fache dessen, was ein Körper pro Jahr verkraften kann. Eine tödliche Dosis.

Die Alarmsirene auf dem Gelände warnt vor einem Strahlungsleck, es ist das erste Nukleardesaster in Japan. Auf der internationalen Skala zur Bewertung von Atomunfällen ist es auf Stufe 4 gewertet worden - Fukushima steht gemeinsam mit Tschernobyl auf der höchsten Stufe 7.

Ouchi und sein Arbeitskollege werden sterben, als erste Opfer ziviler Atomnutzung in Japan. Über den langsamen Strahlentod des Familienvaters hat der Journalist Hiroshi Iwamoto in der TV-Dokumentation 83 Tage berichtet. Das gleichnamige Buch ist jetzt in Deutschland erschienen, im Angesicht der Atomkatastrophe von Fukushima.

Ouchis Schicksal ist besiegelt, seine Chromosomen sind zerstört

Bisher gibt es aus Fukushima keine offiziellen Todesmeldungen über Arbeiter, die an Radioaktivität gestorben sind. Immer wieder allerdings werden Meldungen über verstrahlte Arbeiter kolportiert, vielleicht werden auch sie gerade in Krankenhäusern behandelt. Das Desaster im AKW Fukushima begann vor mehr als 100 Tagen. Hisashi Ouchi wird 83 Tage nach der Verstrahlung sterben.

Nach dem Knall in der Wiederaufbereitungsanlage verlässt Ouchi eilig den Schauplatz. In einem Umkleideraum sucht er Zuflucht, erbricht sich und verliert das Bewusstsein. In der Umgebung der Atomanlage werden mehr als 300.000 Menschen aufgerufen, Schutz in ihren Häusern zu suchen. Nach fast einem Tag Neutronenstrahlung ist die Lage schließlich unter Kontrolle.

Doch Ouchis Schicksal ist bereits besiegelt. Durch den starken Strahlenbeschuss sind seine Chromosomen zerstört. Der Körper hat seine Blaupause verloren. Keine Zelle wird sich mehr regenerieren, der Körper ist zu einem langsamen Zerfall verurteilt. Seine weißen Blutkörperchen nehmen rapide ab, dabei schützen sie eigentlich den Körper vor Bakterien und Viren.

Sein schweigender Kampf beginnt am elften Tag

Journalist Iwamoto beschreibt, wie die Ärzte verzweifelt versuchen, im Tokioter Uniklinikum das Leben des AKW-Arbeiters zu retten. Er liegt in einem sogenannten Reinraum, Apparate lassen sterile Luft zirkulieren und filtern kleine Partikel wie Bakterien und Pilzsporen, Kunststoffvorhänge decken den gesamten Raum ab.

Die Ärzte versuchen alles, Spezialisten aus der gesamten Welt werden eingeflogen, auch aus Deutschland. Das Problem: Es fehlt ihnen allen an Erfahrung. Das Team hat keine andere Wahl, als Methoden mit sehr geringer wissenschaftlicher Grundlage auszuprobieren. Es folgen Stammzelltransplantation, Sauerstoffmaske, Schmerzmittel. «Ich bin ziemlich müde, und ich fühle mich geschwächt», sagte Ouchi. Seine rechte Hand sieht rot aus, wie nach einem Sonnenbrand. Sie war dem Behälter, in dem die Kettenreaktion stattfand, am nächsten.

Nach elf Tagen ist Ouchi fertig mit den Nerven: «Ich bin doch kein Meerschweinchen», schreit er. Doch die Atemaussetzer werden stärker - und dem Strahlenopfer wird ein Schlauch in die Luftröhre eingeführt. Ouchis schweigender Kampf beginnt. Der Tag, an dem er wieder mit seiner Familie sprechen kann - er soll nie kommen.

Die Haut löst sich ab, sein Körper ist komplett in Verbänden eingewickelt

Dabei hat er laut Ärzten die Statur eines Rugby-Spielers und wiegt - für japanische Verhältnisse außerordentlich - mehr als 70 Kilo. Seine Haut sieht aus wie verbrannt, so beschreibt es der Journalist. Beim Entfernen von Pflaster beginnt die darunter liegende Haut, sich mit abzulösen, neue Hautzellen können nicht mehr gebildet werden. Die Verbände, die seinen Körper inklusive Gesicht bedecken, werden jeden Tag aufgeschnitten und erneuert.

Da Ouchi nicht in der Lage ist, Nahrung durch den Mund aufzunehmen,
werden ihm Nährstoffe intravenös durch einen Schlauch zugeführt. Noch ist er immerhin bei Bewusstsein. Seine Familie besucht ihn täglich. Wenn sie nicht im Reinraum ist, sitzt sie im Besucherraum und faltet Papierkraniche. Es ist Tag 20, seine Ehefrau kommt ins Zimmer - und ist entsetzt: «O Schatz, sie haben einen Roboter aus dir gemacht.»

Dann beginnt der Durchfall, die Darmschleimhaut ist abgestorben, Nahrung kann nur noch eingeschränkt absorbiert werden. Selbst Wasser, das man Ouchi zu trinken gibt, wird in Form von Durchfall ausgeschieden. Pro Tag verliert er über Haut und Darm schließlich fast zehn Liter an Blut und Flüssigkeit.

Herzstillstand an Tag 83, die Ehefrau weint zum ersten Mal

Der Körper zerfällt in Einzelteile, die Ärzte sind machtlos, auch Dialyse und Transfusionen helfen nicht mehr. Die Sprache, mit der Journalist Iwamoto den Strahlentod beschreibt, ist kühl, unemotional, klinisch. Die Eindringlichkeit des langsamen Strahlentods spricht allein für sich. Iwamoto beschreibt viele medizinische Details. Manchmal allerdings doppeln sich Fakten, manchmal könnte die Sprache packender sein.

Im Tokioter Uniklinikum bricht der 21. Dezember 1999 an. Die Ärzte beschließen in Abstimmung mit der Familie, beim nächsten Herzstillstand kein lebensverlängernden Maßnahmen durchzuführen. Die Ehefrau weint am Bett. «Oh, armer Liebling. Halte durch», schluchzt sie. Zum ersten Mal laufen Tränen über ihr Gesicht. Am Abend fällt Ouchis Blutdruck rapide. Kein Arzt greift mehr ein. Der erste zivile Strahlentote Japans stirbt um 23.21 Uhr.

Auch in Fukushima: Kritik an japanischem Management bei Atomunfällen

«Die Missachtung des menschlichen Lebens bei der nuklearen Katastrophenpräventionspolitik ist erschreckend. Als Beteiligter empfinde ich Zorn», klagt der behandelnde Arzt Kazuhiko Maekawa nach dem Tod an. Ob sich daran in Japan etwas geändert hat, ist fraglich. In Fukushima etwa mussten die Arbeiter nach der Katastrophe erstmal ein AKW-Handbuch suchen, dass ihnen zeigt, wie man Druck aus einem Reaktor ablässt. Und Kompressoren waren nicht auf dem Gelände - sie mussten bei einer Firma geliehen werden.

Auch die Verantwortlichen haben wohl wenig gelernt. Tepco steht seit der Fukushima-Katastrophe unter massivem Beschuss. Klar ist, dass das Unternehmen schon früher Kontrollen und Nachbesserungen an seinen Kraftwerken verschleppt hat.

Die Betreiberfirma JCO, die die Atomanlage in Tōkai betrieb, war wohl nicht besser. Die Prozedur des Stahleimers, in dem sich die Uranlösung befand, war illegal. Fehlende Sicherheitsanweisungen und mangelnde Risikoaufklärung wurden sechs Angeklagten der Firma nachgewiesen. Sie wurden alle zu zwei- bzw. dreijährigen Haftstrafen verurteilt.

Hisashi Ouchi und sein Kollege sind Japans erste Toter durch zivile Atomkraft. Dass diese Zahl steigen wird, ist nach Fukushima sehr wahrscheinlich.
 

Autor: NHK-TV
Titel: 83 Tage - Der langsame Strahlentod des Atomarbeiters Hisashi Ouchi
Verlag: Redline
Umfang: 190 Seiten
Preis: 14,99 Euro

iwi/news.de