Gesundheit

Interview mit Dr. Bernd Guzek: Warum Ihr Gehirn nicht mehr abschaltet – und wie GABA hilft

Bei viel Stress gerät der Nervenbotenstoff GABA aus dem Gleichgewicht (Symbolfoto). Bild: Adobe Stock/ Halfpoint

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  • Interview mit Dr. med. Bernd Guzek zum Nervenbotenstoff GABA
  • Medizin-Experte verrät, welche Verbindung zwischen Dauerstress und GABA besteht
  • Mangel erkennen und den GABA-Spiegel selbst ankurbeln – so kann es laut Autor gelingen

Dauerstress ist für viele Menschen zur Normalität geworden. Dank Arbeit, Reizüberflutung und Betreuung von Angehörigen wird das Nervensystem dauerhaft überstrapaziert. Die Biochemie ist aus dem Takt gebracht worden. Es braucht einen Dirigenten, der beruhigt. Hier kommt der Nervenbotenstoff GABA ins Spiel. Während Sportler den Begriff schon länger kennen, ist er in der Bevölkerung für viele immer noch ein Unbekannter – dabei ist GABA so wichtig für uns. Über unseren körpereigenen Beruhiger haben wir von news.de mit Dr. Bernd Guzek gesprochen. Er verrät, wieso GABA so wichtig ist und wie Sie einen Mangel selbst ausgleichen können.

Was genau ist GABA und warum bezeichnen Sie diesen Stoff als den „natürlichen Stress-Stopper" unseres Körpers?

"GABA – kurz für Gamma-Aminobuttersäure – ist der häufigste beruhigende Nervenbotenstoff überhaupt. Etwa jede dritte der geschätzt 100 Billionen Nerven-Andockstellen in unserem Körper ist eine GABA-Synapse. Ein kräftiger Schreck oder Stress versetzt Körper und Geist in Sekundenbruchteilen in Hochspannung – das ist evolutionär sinnvoll, wenn ein Raubtier angreift. Ist die Gefahr vorbei, braucht der Körper aber eine Substanz, die diese Anspannung wieder abbremst. Genau das ist GABAs Job: Es stimmt die Welt von Dur auf Moll. Eine tiefe Meditation zum Beispiel steigert den GABA-Spiegel im Blut um bis zu ein Drittel."

"Warum ist GABA vielen Menschen – im Gegensatz zu Ephedrin oder Serotonin – bisher kaum bekannt, obwohl er so entscheidend für unsere Entspannung ist?"

"Das hat vermutlich damit zu tun, dass GABA nie einen prominenten "Skandal" oder eine große Werbewelle hatte, wie andere Botenstoffe – Serotonin kennt jeder aus der Depressions-Diskussion, Ephedrin durch Diätpillen-Skandale. GABA dagegen wirkt eher im Stillen: Es steckt sogar hinter Alkohol, Valium und Narkosemitteln, ohne dass die meisten das wissen. Alkohol zum Beispiel ist chemisch gesehen nichts anderes als ein GABA-Ersatz – er dockt an dieselbe Stelle an. Wer das einmal verstanden hat, sieht plötzlich in ganz vielen Alltagsphänomenen die Handschrift von GABA."

"In Ihrem Buch "So kommt der Kopf zur Ruhe" beschreiben Sie GABA als einen der "Champions unserer Gefühlswelt". Welche zentrale Rolle spielt dieser Botenstoff für unser psychisches Wohlbefinden im stressigen Alltag?"

"Nervenbotenstoffe sind die eigentlichen Champions unserer Gefühlswelt – jeder hat seinen Job. Der eine bringt Glücksgefühle, ein anderer Angst und Schrecken, GABA sorgt für Gelassenheit. Es klingt fast befremdlich, dass reine Chemie ausmachen soll, was wir als unsere Psyche empfinden – aber genau das ist der Fall. GABA ist dabei quasi die Gegenspieler-Bremse zum erregenden Glutamat. Ohne ausreichend GABA gerät dieses System aus der Balance, und genau das erleben viele Menschen heute als Dauerstress, Reizbarkeit oder innere Unruhe."

"Sie schreiben, dass allein im deutschsprachigen Raum Millionen Menschen unter Stress, Schlafstörungen oder Burnout leiden. Inwieweit ist ein GABA-Mangel ein gemeinsamer Nenner dieser Beschwerden?"

Schlafstörungen, Depressionen, Burnout, ADHS, Stress, Angststörungen, Suchterkrankungen – all diesen Beschwerden liegt sehr häufig ein GABA-Mangel zugrunde. Der Körper kann GABA zwar selbst produzieren, braucht aber oft mehr, als vorhanden ist. Das ist der gemeinsame Nenner: ein beruhigender Botenstoff, der chronisch zu knapp ist, weil moderner Dauerstress ihn permanent verbraucht, ohne ihm Zeit zur Regeneration zu lassen.

Welche typischen Anzeichen deuten darauf hin, dass der Körper nicht genügend Gamma-Aminobuttersäure produziert?

"Ein Mangel äußert sich meist auf mehreren Ebenen gleichzeitig: erhöhte Stressanfälligkeit, weil die natürliche Bremse fehlt; Schlafstörungen, weil GABA für Entspannung und Einschlafen zuständig ist; innere Unruhe und Angstgefühle; und kognitive Probleme wie Konzentrationsschwierigkeiten oder das berühmte "Gehirnnebel"-Gefühl. Diese Symptome erklären sich durch ein gestörtes Gleichgewicht zwischen dem beruhigenden GABA und dem eher erregenden Glutamat – chronischer Stress schüttet vermehrt Glutamat aus, während GABA für die nötige Gegenhemmung sorgen müsste."

In Ihrem Buch schlagen Sie eine Brücke von Alltagsstress zu klinischen Bildern wie ADHS oder Zwangsstörungen. Wo verläuft hier die Grenze und warum ist eine ausreichende GABA-Versorgung für beide Seiten so entscheidend?

"Bei ADHS zeigt die Magnetresonanzspektroskopie, dass Betroffene niedrigere GABA-Konzentrationen in bestimmten Hirnregionen haben. GABA ist entscheidend für die sogenannte kortikale Hemmung – die Fähigkeit des Gehirns, unpassende Impulse zu unterdrücken. Bei Zwangsstörungen wiederum ist ein Schaltkreis namens CSTC-Schleife gestört, der Gedanken und Impulse filtert – auch hier finden sich in den betroffenen Hirnregionen herabgesetzte GABA-Konzentrationen. Die Grenze zwischen Alltagsstress und klinischem Bild ist fließend: Beim gesunden Menschen gleicht ausreichend GABA eine Reizüberflutung einfach aus. Fehlt es dauerhaft und massiv, kann daraus ein klinisch relevantes Ungleichgewicht werden. Deshalb ist eine gute GABA-Versorgung auf beiden Seiten der Grenze wichtig – als Präventionsfaktor genauso wie als möglicher Ansatzpunkt in der Behandlung."

Wie genau schützt GABA unser Gehirn vor dieser Übererregung und was passiert in unserem Kopf, wenn wir im Dauerstress den 'Aus-Knopf' nicht mehr finden?

"GABA bremst übermäßige elektrische Aktivität im Gehirn – ein ausgeprägter Mangel kann sogar zur Epilepsie führen, so fundamental ist diese Bremsfunktion. GABA und sein Gegenspieler Glutamat sind wie Ebbe und Flut: Während Glutamat aufs Gaspedal drückt, tritt GABA auf die Bremse. Im Dauerstress schüttet der Körper immer mehr Glutamat aus, gleichzeitig wird die GABA-Produktion durch erhöhtes Cortisol gehemmt. Die Bremse verschleißt quasi, während der Motor immer weiter hochdreht – das Gehirn findet den Aus-Knopf einfach nicht mehr, weil das System, das genau dafür zuständig wäre, selbst erschöpft ist."

Viele Menschen spüren Stress zuerst körperlich, durch beispielsweise Herzrasen oder verspannte Muskeln. Wie genau greift GABA in diesen 'Fight-or-Flight'-Modus ein, um Herzfrequenz und Blutdruck in Stresssituationen akut zu senken?

"GABA wirkt auch im autonomen Nervensystem – dem Teil, der Herzfrequenz, Blutdruck und Muskelspannung unbewusst steuert. Es kann beides in Stresssituationen senken. Ganz praktisch reguliert GABA außerdem die Muskelspannung: Ist genug davon vorhanden, verhindert das Muskelkrämpfe und Zittern – deshalb wird es auch gezielt im Leistungssport eingesetzt. Der Körper hat mit GABA also tatsächlich einen eingebauten Mechanismus, um den Fight-or-Flight-Modus aktiv wieder herunterzufahren, statt einfach nur 'auszubrennen'."

Ein überraschender Punkt in Ihrem Buch ist der Zusammenhang mit der Gewichtsabnahme. Wie hilft uns ein gesunder GABA-Spiegel dabei, emotionale Essanfälle oder stressbedingte Kompensationsmuster zu durchbrechen?

"Bei Stress und Angst kann ein niedriger GABA-Spiegel dazu führen, dass Menschen Essen als eine Art Selbstbehandlung nutzen, um sich zu beruhigen – unabhängig davon, ob echter Hunger besteht. Eine verminderte GABA-Aktivität im präfrontalen Kortex, direkt hinter der Stirn, kann zudem impulsives Essverhalten begünstigen. GABA wirkt hier auf zwei Ebenen: Es senkt Cortisol und damit den inneren Druck, der emotionales Essen oft erst auslöst – und es reduziert nachweislich Impulsivität, sodass Betroffene Essattacken besser kontrollieren können. Es ist also kein Zaubermittel zum Abnehmen, aber ein wichtiger Hebel gegen die Stresskomponente, die hinter vielen Essanfällen steckt."

Der Körper kann GABA selbst produzieren, benötigt aber oft mehr, als vorhanden ist. Wodurch kann man den GABA-Spiegel effektiv im Alltag mit einfachen Mitteln anheben?

"Da gibt es mehrere Hebel. Über die Ernährung: fermentierte Lebensmittel wie Kimchi, Sauerkraut, Miso oder Kefir füttern GABA-produzierende Darmbakterien, grünes Gemüse wie Spinat und Brokkoli liefert die Vorstufe Glutamin. Über Bewegung und Entspannung: Sport erhöht nachweislich den GABA-Spiegel, ebenso Meditation – vor allem Achtsamkeits- und Konzentrationsmeditation wirkt direkt auf die Hirnregionen, die GABA produzieren. Grüner Tee mit seinem L-Theanin und ausreichend Magnesium unterstützen zusätzlich die GABA-Aktivität. Die Effekte sind unterschiedlich stark, aber in der Summe ist da im Alltag wirklich einiges machbar, ohne gleich zur Tablette zu greifen.

GABA spielt auch beim Suchtausstieg eine Rolle. Gilt das auch für die kleinen 'Süchte' des Alltags, mit denen wir Stress kompensieren – wie den Griff zu Schokolade, Kaffee oder dem Feierabendbier?

"Beim Suchtausstieg spielt GABA tatsächlich eine zentrale Rolle: Es mindert Entzugssymptome, reduziert Verlangen und Unruhe und stabilisiert das Nervensystem. Das Prinzip dahinter lässt sich auf die kleinen Alltagskompensationen übertragen: Alkohol zum Beispiel dockt direkt am GABA-Rezeptor an – das Feierabendbier ist chemisch gesehen buchstäblich ein GABA-Ersatz. Auch Zucker und Kohlenhydrate hängen eng mit dem Stresssystem zusammen: Chronischer Stress treibt über Cortisol die Lust auf Zucker und Fett in die Höhe. Wer seinen GABA-Spiegel von Natur aus stabil hält, braucht diese kleinen Kompensationsmechanismen tendenziell weniger, weil der Körper die Beruhigung schon selbst herstellt.

Was ist Ihr wichtigster Rat für Menschen, die unter innerer Unruhe leiden und ihre Entspannungsnervenbotenstoffe natürlich stärken wollen?

"Fangen Sie bei den Grundlagen an – Schlaf, Bewegung, Ernährung, bewusste Ruhemomente im Alltag. Das klingt banal, ist aber genau der Hebel, an dem GABA von Natur aus ansetzt: Sport erhöht den GABA-Spiegel, Meditation aktiviert direkt die Hirnregionen, die GABA produzieren, fermentierte Lebensmittel füttern die GABA-Produktion im Darm. Der Körper kann sich selbst beruhigen – wir müssen ihm nur wieder die Gelegenheit dazu geben, statt ihn im Dauersprint zu halten."

"Und dann, ganz praktisch: Achten Sie auf die Warnzeichen. Schlafstörungen, ständige innere Unruhe, das Gefühl, den Aus-Knopf nicht mehr zu finden – das sind keine Charakterschwächen, sondern oft biochemische Signale eines erschöpften GABA-Systems. Wer das früh erkennt, kann gegensteuern, bevor daraus Burnout oder eine handfeste Angststörung wird. GABA ist kein Wundermittel. Aber es ist ein sehr realer, gut erforschter Hebel, mit dem Sie Ihrem Körper das zurückgeben können, was er zur Selbstregulation eigentlich schon längst kann."

Dr. med. Bernd Guzek klärt über GABA auf. Bild: Dr. med. Bernd Guzek/privat

Hinweis: Dr. Guzek rät bei Symptomen oder Krankheitsbildern dazu, diese ärztlich abklären zu lassen. GABA ist kein alleiniges Heilmittel bei Erkrankungen wie Depressionen. Wer unter dieser und anderen psychischen Erkrankungen leidet, sollte einen Arzt aufsuchen.

Unser Experte: Dr. Bernd Guzek ist ausgebildeter Krankenpfleger und approbierter Arzt. Nach seinem Medizinstudium widmete er sich der medizinischen Aufklärung. Seitdem arbeitet er im Wissenschafts- und Medizinjournalismus. Er hat bereits Fachbücher, unter anderem für Medizinstudenten, verfasst. Am 15. Juli 2026 erschien sein erster Ratgeber zu GABA "Endlich Ruhe im Kopf" im Heyne Verlag.

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