Von news.de-Kolumnist Prof. Dr. Harald Lange - 10.03.2014, 10.13 Uhr

Kolumne zum Hoeneß-Prozess: Seite 2: Das kann die Fußballszene aus dem Fall Hoeneß lernen

Im Unterschied zu unserem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, dem eine von einem Freund beglichene Zeche beim Münchner Oktoberfest zum Verhängnis werden sollte, geht es beim Präsidenten des FC Bayern um den Vorwurf, Steuern in Millionenhöhe unterschlagen zu haben. Der Bundespräsident hatte noch weit vor dem Prozessbeginn sein Amt aufgegeben, auch aufgrund eines selten dagewesenen, teilweise über die «Bild»-Zeitung lancierten Mediendrucks. Die daran gebundene öffentlichen Stimmung war damals eindeutig gegen ihn gerichtet.

Ganz anders beim Bayern-Präsidenten: Im vergangenen Dezember sangen während der Vereinsversammlung mehr als 3500 Mitglieder und Fans des FC Bayern im Chor: «Uli Hoeneß, Du bist der beste Mann.» Zuvor hatten Freunde und Fußballgrößen wie Karl-Heinz Rummenigge Sympathie und Unterstützung für Hoeneß bekundet. Hoeneß selbst war zu Tränen gerührt und stellte angesichts dieser phänomenalen Unterstützung der Bayernfans in Aussicht, erst nach seinem Prozess über den Verbleib in der Spitzenposition beim FC Bayern befinden zu lassen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Stimmungslage unter den Bayernfans würde ihn wohl nur eine längere Haftstrafe zum Rücktritt zwingen.

 

Lehre aus dem Fall Hoeneß: besonnener urteilen

Die tolerante Haltung unter den Fans ist ein bemerkenswertes Phänomen. Sie sollte dazu anregen, auch in anderen Fällen besonnener mit der Forderung harter Strafen und anderer Vorverurteilungen umzugehen. Hoeneß findet sowohl bei Vereinsvertretern als auch bei den Fans nach wie vor Akzeptanz und Zuspruch. Demgegenüber wird abweichendes Verhalten innerhalb der Fankultur von den Lenkern und vielen kritischen Begleitern des Fußballs sehr gern kriminalisiert. Getreu dem Motto: Pyrotechniker, Flitzer oder andere Störenfriede gelten als kriminell, und Kriminelle haben im Stadion nichts zu suchen.

Hoeneß' legendärste Wutausbrüche
«Populistische Scheiße!»
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Mitunter werden über die so genannten Kollektivstrafen sogar Fans bestraft, die nachweislich nichts Verbotenes getan haben. Bei Steuerhinterziehern könnte sich eine weitaus gütigere Sichtweise durchsetzen. Teile der Fankultur entdecken Milde, Toleranz, bewerten Lebenssituation und -leistung in einem ganz anderen Feld und Beispiel. Das ist bemerkenswert und fordert dazu auf, auch zukünftig bei rechtlichen Grenzüberschreitungen innerhalb unserer Fußball- und Fankultur sorgfältiger und gelassener über zu verhängende Strafen zu diskutieren.

Prof. Dr. Harald Lange ist Leiter des ersten deutschen Instituts für Fankultur, Würzburg & Frankfurt.

 

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kru/news.de

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