Von news.de-Redakteurin Juliane Ziegengeist - 01.07.2013, 23.08 Uhr

ARD-Markencheck: Faule Werbeversprechen: So sehr wird Nivea überschätzt

Creme, Shampoo, Haarspray: Bei Pflegeprodukten vertrauen Verbraucher kaum einer Marke mehr als Nivea. Doch auch hier wird geschummelt - ob es nun um die Größe der Verpackungen, großspurige Werbebotschaften oder den eigenen Nachhaltigkeitsanspruch geht. Die Ergebnisse des ARD-Markenchecks im Überblick.

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Wer kennt sie nicht, die blaue Dose mit dem weißen Schriftzug «Nivea»? So gut wie jeder Deutsche hat mindestens ein Produkt der Marke, egal ob Creme, Shampoo oder Haarspray, im hauseigenen Regal.

Nivea ist nicht nur bekannt, sondern auch beliebt. Die Pflegeartikel des Hamburger Unternehmens Beiersdorf (dazu zählen auch Hansaplast, Florena, Labello) genießen unter deutschen Kosmetikprodukten mit das größte Vertrauen.

Genau das will der ARD-Markencheck auf die Probe stellen. Wieder einmal stehen vier Kategorien auf dem Programm.

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1. Mogelfaktor

Nivea genießt einen guten Ruf. Folglich schreiben Testerinnen dem Markenshampoo «Diamond Gloss» einen höheren Glanzeffekt zu als einem Vergleichsprodukt von Balea - obwohl sie beide Male Balea in der Tube hatten. Was nach Placebo aussieht, ist aber keiner. Denn eine Analyse im Deutschen Wollforschungsinstitut belegt, dass das Spezialshampoo von Nivea tatsächlich vier Prozent mehr Glanz verleiht - deutlich mehr als Balea (minus 12 Prozent).

Doch nicht bei allem hält die Schale, was sie verspricht. In puncto Verpackung schummelt Nivea, was das Zeug hält. Große Schachteln, kleine Tiegel sind die Regel. 30 bis 75 Prozent Inhalt mogelt das Unternehmen dank üppiger Außenverpackung dazu - wegen der Sichtbarkeit im Regal, heißt es. Und der Kunde glaubt, er bekommt mehr für sein Geld.

Die ARD urteilt deshalb: Der Mogelfaktor bei Nivea ist beachtlich. Angesichts der Werbung, die das Unternehmen betreibt, ist das auch kein Wunder. Und Verpackungsschummel betreibt sicherlich nicht nur Nivea.

2. Schutz

Auf dem Prüfstand stehen Deos und Sonnencremes. Das Deospray «Stress Protect», das insbesondere gegen Stresschweiß helfen soll, wirkt nicht besser oder schlechter als die günstigeren Deos von Isana und Balea. Der Sonnenschutz rangiert laut Stiftung Warentest mit der Note 2,2 knapp hinter der Billigmarke Cien mit 1,8. Im Alltagstest der ARD-Probanden punktet dabei das Pumpspray am besten, ist aber auch am teuersten.

Für Allergiker besorgniserregend: Viele Nivea-Produkte enthalten Methylisothiazolinon, einen Konservierungstoff, der auch in Wandmalfarbe steckt. Bei Anfälligkeiten kann er schlimme Exzeme verursachen. Nivea weist darauf nicht explizit hin - und verwendet ihn ausgerechnet in seiner «Pure Natural» Creme.

Beim Schutz urteilt der Markencheck: alles in allem ordentlich. Schade, dass er dabei auf eine zu geringe Anzahl an Testpersonen zurückgreift (Deo: fünf, Sonnencreme: vier) und sich sonst ausschließlich auf Urteile der Stiftung Warentest bezieht.

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3. Schick

In dieser etwas eigenwilligen Kategorie werden die Werbebotschaften von Jogi Löw, Testominal bei Nivea, auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Mit mäßigem Erfolg: Die «Skin Energy»-Creme für Männer revitalisiert nach einer durchzechten Nacht nicht wie gewünscht. Auch Haarspray und -gel schneiden im Turniertanztest wenig zufriedenstellend ab, wobei hier die Konkurrenzprodukte von Pantene und Wella nicht minder schwächeln.

In der Kategorie Schick schneidet Nivea folglich so lala ab. Ein wenig aussagekrätiges Urteil - zumal auch die Wirkung der vergleichbar teuren Konkurrenzware nicht überzeugt. Das Ergebnis belegt Altbekanntes: Werbung übertreibt gerne.

4. Fairness

Nivea-Mitarbeiter in Deutschland werden nach Tarif bezahlt und können auf Betriebsräte zählen. Lobenswerterweise wird die große Mehrheit der hierzulande vertriebenen Produkte auch in der Bundesrepublik produziert. Doch gerade der Absatz in Schwellenländern boomt - und dort hapert's mit den Arbeitsbedingungen. In Indien etwa müssen Leiharbeiter 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche für 60 Euro im Monat malochen. Nivea verdient - die Arbeiter zahlen den Preis.

Die Fairness bei Nivea wird deshalb als ausbaufähig bewertet. Dass der eigene Verhaltenskodex in der ausländischen Produktion nur bedingt greift, überrascht dabei nicht, ärgert aber vor dem Hintergrund, dass die Marke seinen Nachhaltigkeitsansatz extra bewirbt.

Fazit

Abermals bringt der ARD-Markencheck wenig neue Erkenntnisse zutage. Verpackungstricks und Werbeflunkereien sind bei so gut wie jeder Marke gang und gäbe - sofern sie über genug Kapital verfügt, um Kunden eben genau so zu locken. Günstigere Konkurrenzprodukte schneiden vergleichbar gut oder sogar besser ab. Damit zeigt sich einmal mehr: Ein großer Name kostet.

Die ebenso vorhersehbare wie kalkulierte Empörung am Ende des Markenchecks gehört traurigerweise fast schon zur Routine. Immer wieder das gleiche Szenario: frustrierte Arbeiter, die wegen schlechter Bezahlung in Slums leben müssen und sich die Produkte, die sie herstellen, selbst nicht leisten können. Wirklich zur Rede gestellt werden die Unternehmen nicht, aber sie geloben Besserung - bis zum nächsten Check.

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zij/news.de

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